Schwarzer Schwan
28. März 2014

Achtung: Narrengold!

Investoren, die sich für die Herausforderungen der Zukunft wappnen wollen, finden in diesen Tagen im Lager Grüner Politiker mahnende Worte. Dabei lernen Sie, was es mit Narrengold und der sogenannten Kohle-Blase auf sich hat.

„Investitionen in Öl, Gas und Kohle sind Gift für unsere Altersvorsorge und müssen aus den Anlageportfolien der Pensionskassen verschwinden.“ Mit dieser Forderung gehen derzeit nicht nur die Naturschutzorganisationen WWF und Greenpeace hausieren, sondern auch Politiker wie Reinhard Bütikofer. Laut dem industriepolitischen Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament fördert die Finanzbranche „eine CO2-Blase, indem sie in CO2-intensive Finanzanlagen investiert ohne klimapolitische Maßnahmen bei ihren Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen. Wenn wir die Erderwärmung begrenzen, werden viele dieser Investitionen allerdings rasant an Wert verlieren“, warnt der Grünen-Politiker, der sich auf eine Studie stützt, wonach Europas Finanzbranche über eine Billion Euro in diese Investitionen gepumpt hat. Diese könnten sich als Narrengold erweisen, mahnt Bütikofer.
Der Grünen-Politiker und andere Zeitgenossen warnen unter dem Stichwort „Kohle-Blase“ vor der Überbewertung bestimmter Industriesektoren. Hinter der verbirgt sich die Annahme, dass die Menschheit weniger fossile Energieträger verbrauchen wird, als das heute von den Investoren antizipiert wird. Will die Menschheit ihr Ziel einer Erderwärmung um maximal zwei Grad erreichen, kann sie laut einer Untersuchung bis zur Mitte dieses Jahrhunderts noch rund 900 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Werden jedoch alle bereits nachgewiesenen Kohle-, Öl- und Gasreserven tatsächlich ausgebeutet und verheizt, würde mehr als dreimal so viel CO2 erzeugt, als das Klima verträgt. 
Das Dilemma: Entweder nimmt die Weltbevölkerung in Kauf, dass sich das Klima stärker aufheizt oder sie ringt sich dazu durch, große Teile der fossilen Reserven abzuschreiben. Das hätte einschneidende Konsequenzen für viele Kapitalsammelstellen und Pensionseinrichtungen, die in Aktien oder Fremdkapital der Rohstoffkonzerne investiert sind. Denn Konzerne wie Shell, BP und Statoil könnten 40 bis 60 Prozent ihres Marktwertes verlieren, meint die britische Großbank HSBC, wenn die Vorräte konsequent als wertlos eingestuft werden. 
Kein Schwan, dafür ein schleichender Prozess
Nach Ansicht von Umweltverbänden sind viele Aktien aus dem Öl-, Gas- und Kohlesektor heute stark überbewertet. Es drohe ein „massiver Kurssturz“, weil verschiedene Staaten den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern forcierten oder die Förderung besteuerten, argumentieren die Kritiker. In der Schweiz beispielsweise möchte die Sozialdemokratische Partei den einheimischen Vorsorgeeinrichtungen am liebsten sofort eine ökologische Anlagepolitik verordnen. Presseberichten zufolge kündigte die Partei parlamentarische Vorstöße an, damit die Pensionskassen und andere Kapitalsammelstellen des Landes keine Wertpapiere mehr von Firmen besitzen, die fossile Energieträger fördern oder Reserven besitzen. Die ebenso bemerkenswerte wie vorrausschauende Sichtweise stößt in der Eidgenossenschaft aber auf Ablehnung. Dort will man diese Entscheidung auch weiterhin den institutionellen Investoren selbst überlassen. 
Hierzulande ging die Wochenzeitung die „Zeit“ so weit zu behaupten: „Die Börsen täuschen sich – eine Gefahr für die Welt.“ Das Blatt stellte die Frage in den Raum: Was passiert, wenn die „krasse Inkonsistenz zwischen der Bewertung fossiler Brennstoffe und den Klimazielen der Regierung“ auch den Investoren klar wird? Nun, vermutlich werden sie ihr Kapital so schnell wie möglich abziehen. In der Gegenwart stoßen die Grünen mit ihren Szenarien aber auf taube Ohren; im Jahr 2012 haben die 200 größten Energieunternehmen zusammen 674 Milliarden Dollar für das Aufspüren neuer Rohstoffquellen ausgegeben, was im Erfolgsfall von den Investoren (noch) mit steigenden Aktienkursen goutiert wird. Die Blase wird also nicht kleiner, sondern bläht sich weiter auf. 
So werden Fakten geschaffen
Im Kontext der Kohle-Blase wird nun auch offensichtlich, was die Russen an der Krim so reizvoll finden. Nicht geopolitische, sondern energiestrategische Aspekte waren für Wladimir Putin ausschlaggebend. Die Krim ist nämlich eine sonnendurchflutete und vermutlich windreiche Region, die Russland den Umstieg auf Erneuerbare Energien erleichtert. Während der Westen noch über fossile Energieträger debattiert, schafft Putin also schon Fakten. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende. 
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