Ämterhäufung in Aufsichtsräten ist ein Problem von vielen
Wenn es um gute Unternehmensführung geht, legen die Blue Chips aus dem Deutschen Aktienindex die Latte immer höher. Wer im Corporate-Governance-Ranking herausragt – und wer underperformt.
Die Deutsche Börse leistet im Hinblick auf die Unternehmensführung vorbildliche Arbeit. Das zeigt das neue Corporate-Governance-Ranking, das die Fondsgesellschaft Union Investment und der Stimmrechtsberater Ivox Glass Lewis (Eigenschreibweise: IVOX Glass Lewis) nun zum achten Mal für den Deutschen Aktienindex (Dax) und zum sechsten Mal für den M-Dax vorgelegt haben. Darin erhält jedes Unternehmen eine Bewertung, die in Schulnoten ausgedrückt wird.
Im diesjährigen Ranking belegt die Deutsche Börse den ersten Platz und erreicht damit als einziges der 40 Dax-Mitglieder die Note 2+; mit insgesamt 88 von maximal 100 möglichen Punkten liegt die Börsenorganisation vor den drei Zweitplatzierten: Commerzbank, DHL und Merck kommen jeweils auf 84 Zähler und damit auf die Note 2.
Im Vorjahr hatte Infineon mit damals 85 von 100 maximal möglichen Punkten die Spitzenposition erreicht. In diesem Jahr kam das Team aus Neubiberg bei München nur auf den vierten Platz.
Keine Spitzenleistung im Hause Porsche
Schlusslicht im Corporate-Governance-Ranking ist die Porsche SE. Mit mageren 36 Zählern fährt die angeschlagene Beteiligungsgesellschaft dem Rest des Feldes hinterher. Insgesamt bescheinigen ihr die Gutachter die Note 5-. Damit unterschreitet das Unternehmen sein schwaches Vorjahresergebnis (Note 5). Der Notenschnitt liegt im Dax bei 2,7 (Vorjahr: 2,8), hat sich also insgesamt leicht verbessert.
Untersucht wurden auch die 50 M-Dax-Unternehmen. Hier belegte die TAG Immobilien AG aus Hamburg den ersten Platz. Mit insgesamt 84 Punkten steht der Immobilienbestandshalter vor Thyssen-Krupp (80) und LEG Immobilien (78).
Die M-Dax-Unternehmen weisen im Durchschnitt eine schwächere Corporate Governance im Ranking von Union Investment auf. Und anders als die Schwergewichte auf dem hiesigen Börsenparkett sind die mittelgroßen Firmen im Jahresvergleich von 3,6 auf 3,7 weiter abgerutscht.
Die Porsche AG, die nach einem erheblichen Kursverfall im September 2025 vom Dax in den M-Dax abbiegen musste, bildet das unrühmliche Schlusslicht. Im Vorjahr – damals noch im Dax – hatte nur die Porsche SE schlechter als der Zuffenhausener Fahrzeugbauer abgeschnitten. Schon 2024 hatte Union Investment Porsche ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.
Es geht um Ämterhäufung – und Kompetenzfragen
Das Ranking basiert auf 82 bewerteten Fragen zu sieben Themenfeldern, die für Union Investment bei der Bewertung der Corporate Governance von Unternehmen relevant sind: 1. Kapital, 2. Vorstand, 3. Aufsichtsrat, 4. Vergütung des Vorstands, 5. Vergütung des Aufsichtsrats, 6. Audit und 7. Transparenz und Aktionärsrechte. Ivox Glass Lewis hatte die relevanten Kriterien auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen untersucht. Der Erhebungszeitraum erstreckte sich von November 2025 bis Januar 2026.
Verbesserungsbedarf sieht Vanda Rothacker, Senior ESG-Strategin bei Union Investment, insbesondere bei Ämterhäufung und Unabhängigkeit. Aber auch Diversität und die Transparenz von Kompetenzen von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern treiben sie um.
Als ein Problem haben die Studienmacher die Ämterhäufung in den Aufsichtsgremien ausgemacht. Bei 34 Dax-Unternehmen hält laut den Angaben mindestens ein Aufsichtsratsmitglied zu viele Mandate gleichzeitig. Dieser Wert hat sich seit der letzten Erhebung von 27 auf 34 verschlechtert.
Rothacker kritisiert das als Fehlentwicklung und nimmt die Verantwortlichen in die Pflicht: „Die Aufsichtsratsvorsitzenden dürfen die Kritik an der Ämterhäufung in ihren Gremien nicht länger an sich abprallen lassen, denn nur wer ausreichend Zeit hat, kann seine Expertise gewinnbringend einsetzen.“
Zudem herrsche oft ein Mangel an unabhängiger Kontrolle, insbesondere im Vorsitz des Aufsichtsrats, heißt es. Für eine effektive Überwachung fordert Rothacker Kontrollgremien, die zu mehr als der Hälfte unabhängig besetzt sind: „Die Aufsichtsratsvorsitzenden dürfen es sich bei der Nachfolgeplanung nicht zu einfach machen, sondern müssen auch über das eigene Netzwerk hinaus qualifizierte Personen identifizieren und für diese anspruchsvolle Aufgabe gewinnen.“
Corporate-Governance-Ranking soll Unternehmen anspornen
Gute Unternehmensführung (Corporate Governance) gilt als entscheidend für nachhaltigen Unternehmenserfolg. „Das Ranking möchte für die Wichtigkeit des Themas sensibilisieren und Defizite offenlegen“, sagt Rothacker und merkt an, dass die Unternehmen das Ranking nicht als Kritik verstehen sollten, sondern als Ansporn. „Dann wird der Kapitalmarkt zum Motor für gute Unternehmensführung, wovon Unternehmen und Aktionäre gleichermaßen profitieren“, argumentiert sie.
Anlässlich der Bekanntgabe des diesjährigen Rankings plädiert die ESG-Strategin dafür, das Thema Corporate Governance nicht isoliert zu betrachten, sondern in einem breiteren ESG-Kontext zu sehen: „Nachhaltigkeit ist fundamental geworden. Wir wollen als Treuhänder die Transformation der Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit aktiv begleiten.“
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Corporate Governance | Dax | Nachhaltigkeit/ESG-konformes Investieren
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