Traditionelle Anlagen
12. Juli 2013

Alternativlos

Die Branche ist sich einig: Das Niedrigzinsumfeld und die Volatilität von Aktien müssen zu einer Erhöhung des Anteils alternativer Anlagen führen. Müssen sie nicht, sagt aber Uwe Siegmund von der R+V. Er empfiehlt, erst einmal an den Verbindlichkeiten zu arbeiten, und sieht in den traditionellen Anlagen noch viel Potenzial.

Die Probleme sind gerade Versicherern nur allzu gut bekannt: Die Garantiezinsen lassen sich in dem aktuellen Kapitalmarkt­umfeld mit Zinsträgern mittelfristig nicht mehr erwirtschaften. ­Aktien weisen zwar hohe Dividendenrenditen auf, sind aber volatil ­sowie regulatorisch teuer. Damit spricht alles für alternative Asset-Klassen! Auf der Konferenz des Bundesverbands Alternative Investments (BAI) Mitte Mai in Frankfurt waren sich alle Teilnehmer einig, dass Versicherungen nun in alternative Anlagen investieren müssen. Alle, bis auf einen: Dr. Uwe Siegmund, der bei der R+V Versicherung die Abteilung Strategie/Grundsatz im Finanzressort leitet: „Ich bin gebeten worden, den Kontrapunkt in ­dieser Alternatives-Veranstaltung zu setzen.“

Auswege aus der Ausweglosigkeit ohne Alternatives

Mit einem Rückblick beginnend zeigte Uwe Siegmund als ­Referent auf der BAI-Veranstaltung Auswege aus der angeblichen Ausweg­losigkeit, die nicht unbedingt zu alternativen Assets führen müssen. Im Jahr 2002 begann sich für die zinslastige Assekuranz Stress anzubahnen. Damals war im japanischen Zinsmodell abzusehen, dass die Zinsen nachhaltig unter den Garantiezins von 3,5 Prozent rutschen könnten. „Probleme gab es aber nur für die Mannheimer Leben und die Victoria – und die beiden hatten sich mit Aktien verhoben“, ­erinnert Siegmund. In aktuelleren Szenarien liegen dann die Zinsen für die Zukunft noch niedriger, beispielsweise in Euroland bei zwei Prozent, in Deutschland bei einem und in der Schweiz bei einem halben­ Prozent – und damit Erträge weit unterhalb des Garantiezinses. Siegmunds großes „aber“: „Allerdings geht auch der Garantiezins runter. Dieser fällt bei Versicherungen mit Vertriebs-Power besonders schnell.“ Siegmund verweist für die R+V auf das dichte Netz der Volksbanken. Versicherungen, die nicht wachsen, bekommen jedoch Probleme. „Wer nicht wächst, kann die Garantiezinsen im Portfolio nicht senken“, so der R+V-Chefstratege. 

Siegmund hält es für möglich, dass manche Versicherer auf der Strecke bleiben: „Aber das hat nichts damit zu tun, ob man in alternative Anlagen investiert hat oder nicht. Der mächtigste Hebel ist der Garantiezins – und den gilt es nach unten zu bringen.“ Um den Zinsdruck zu mindern, brauche es neue Produkte für den Vertrieb. „Unser Garantiezins ist in drei bis vier Jahren vielleicht bei 2,5 Prozent. Dazu trägt auch die neue Zinszusatzreserve zur schrittweisen Ausfinanzierung der Garantiezinsen bei“, so Siegmund.

Schuster, bleib bei deinem Leisten

Nachgelagert sind der Senkung des Garantiezinses für die R+V neue Ertragsquellen. Doch bei einer Garantie von 2,5 Prozent würden der Versicherung erst einmal alte Ertragsquellen als Alternativen neu offen stehen. Alternativen würde die R+V dann nicht bei Private ­Equity, Hedgefonds, Infrastruktur und Co., sondern bei Staats­anleihen finden! 2,5 Prozent Passiverfordernis lassen sich derzeit auch schon mit 30-jährigen „Franzosen“ oder „Belgiern“, aber auch mit ­zehnjährigen Staatsanleihen aus Italien, Irland, Spanien oder Portugal erzielen, so die Beispiele von Siegmund. Allerdings ist abzuwarten, ob die Renditen dieser Emittenten in drei bis vier Jahren nicht auch schon unter das angestrebte Garantiezinsniveau gefallen sind. Eine Alternative sieht Siegmund auch bei Staatsanleihen außerhalb von Euroland. Als Herausforderung macht Siegmund dort allerdings aus, dass die Emissionen relativ klein sind und die Währungen gehedgt­ werden müssten. Neben diesen neuen Emittenten macht Siegmund noch neue Alternativen beziehungsweise Möglichkeiten beim Thema ­Absicherungen aus.

Auf der Anlageseite rät der R+V-Chefstratege insgesamt dazu, sich auf vorhandene Expertisen zu stützen und Bewährtes auszubauen. Bezüglich der Optimierung der Rentenbestände nennt Siegmund als Stichworte „längere Duration“, „Vorkäufe“, „Veroptionierungen“, „Handelsstrategien“, „Yield Curve Riding“ oder „Illiquiditäten wie ­Hypothekendarlehen“. „Hier sind Mehrerträge von 30 Basispunkten und bei ‚Spread-Strategien‘ von 60 Basispunkten möglich“, so Siegmund. Bei Asset-Klassen rät er dazu, bereits vorhandenes Know-how anzuzapfen. Wer bereits Hypothekendarlehen vergibt, ­sollte lieber an Darlehen für Gewerbeimmobilien als an Infrastrukturanleihen ­denken. Aktien-Know-how sollte auch für Small Caps genutzt werden, bevor man sich Private Equity widmet. Vorhandenes Immobilien-Know-how könnte effektiver für Immobilienentwicklungen als für ­Infrastrukturbeteiligungen genutzt werden.
    
Regulatorisch spricht aus dem Blickwinkel der in der Anlage­verordnung vorgegebenen Quoten wenig gegen Alternatives. Die ­Solvency-II-Belastung ist allerdings hoch. Nachteilig bei Hedgefonds, ­Rohstoffen und Währungen ist aus Sicht von Siegmund zudem, dass kein laufender Ertrag gegeben ist. Bei Private Equity und Wald sieht er laufende Erträge auch nur teilweise. „Wir denken nicht in den Kategorien ‚liquid‘ oder ‚illiquid‘, sondern in laufenden, risikoadjustierten Erträgen“, sagt Siegmund. Der R+V-Chefstratege stellt die Frage in den Raum, wie bei einer Versicherung ein größerer Portfolioaufbau ­gelingen soll, wenn erst einmal zwei bis drei Jahre auf Erträge verzichtet­ werden muss. Laufende Erträge gibt es dafür bei Infrastruktur. Trotz regulatorischer Hemmnisse hat die R+V auch Infrastrukturfonds ­gezeichnet. Das Argument der Anbieterseite, dass alternative Assets neben der Rendite auch Diversifikationsvorteile haben, zieht bei Siegmund nicht: „Das Jahr 2008 war für das Diversifikationsargument ein guter ­Praxistest.“ Er erinnert an die damaligen Probleme für das Yale-Modell.

Das Fazit von Siegmund, warum Versicherungen keine ­Alternatives machen: „Das Hemmnis ist nicht nur die Regulierung. Verhindernd wirken auch fehlende laufende Erträge und begrenztes Know-how.“ Außerdem gebe es – wie beschrieben – Alternativen zu den Alternativen in der weltweiten Ausdehnung bisheriger Asset-Klassen oder in der Ausdehnung der bisherigen Strategien auf verwandte Asset-­Klassen. Etwas Hoffnung konnte Siegmund den in dem Saal versammelten ­Alternatives-Vertretern aber machen: „Wenn der risikoarme Zins ­weiter niedrig bleibt, werden Versicherer mehr in alternative ­Anlagen oder Strategien investieren.“

Assekuranz kaum in Alternatives  

Gemäß einer Untersuchung der Economist Intelligence Unit ­unter mehr als 300 Managern aus der Versicherungswirtschaft weltweit im April („Facing the Future: Blueprint for Growth“) gaben 49 Prozent der Befragten an, die Allokation alternativer Strategien ausbauen zu wollen. Weitere 31 Prozent äußerten ebenfalls dieses Ziel, ­allerdings mit einem längeren Horizont im Blick.

In Deutschland ­notierten zum 31. Dezember 2012 die Anlagequoten­ der Versicherungsbranche in alternativen Anlagen allerdings weiter unter „ferner liefen“. Versicherungen und Pensionskassen sind im Schnitt mit 0,9 Prozent in ­Private Equity investiert, in ABS und Credit­ Linked Notes mit 0,8 ­Prozent, in Hedgefonds mit 0,4 Prozent und in Anlagen mit ­Rohstoffrisiken mit 0,2 Prozent. Absolut betrachtet sind dies aber ­immerhin 28,2 Milliarden Euro. Würden alle VAG-Investoren ­ihre Anteile auf die ihnen empfohlene Quote erhöhen, dürfte es auch schwer sein, dass Geld rentierlich unterzubringen.

portfolio institutionell, Ausgabe 6/2013

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