Administration
7. März 2022

Altersvorsorge füllt Spezialfonds

Volumen deutscher Spezialfonds steigt auf 2.155 Milliarden Euro. Imponierender Jahresendspurt 2021.

Das Jahr 1968 war für die Bundesrepublik prägend. Nicht nur wegen der Studentenproteste, sondern auch weil ein neues Anlagevehikel aus dem Dunkel der Geschichte trat: Im damaligen Geschäftsbericht der Deutschen Bank ist nachzulesen, dass institutionelle Anleger „ein vermehrtes Interesse an der Institution des Investmentsparens gezeigt“ hätten. „Dies äußerte sich weniger darin, dass die genannten Unternehmen Anteile an den bestehenden Publikumsfonds erwarben, als vielmehr in der Errichtung eigener, besonders auf die Bedürfnisse dieser Anleger zugeschnittener Spezialfonds.“ Laut dem Geschäftsbericht verwalteten anno 1968 zwei Kapitalanlagegesellschaften insgesamt 13 derartige Spezialfonds mit insgesamt rund 150 Millionen DM. Ende 2021 waren es 2.155 Milliarden Euro.

Starkes Schlussquartal

Zu diesem Wachstum trug insbesondere die vergangene Dekade als auch das Schlussquartal 2021 bei. Wie aus dem aktuellen Spezialfondsmarkt Quarterly aus dem Hause Kommalpha hervorgeht, hat sich das Spezialfondsvolumen seit Anfang 2010 fast verdreifacht. Ein besonderes Kapitel in der Erfolgsgeschichte des deutschen Spezialfonds ist aber auch das „historische“ vierte Quartal 2021. „Noch nie haben Nettomittelaufkommen und Mittelzuflüsse von frischer Liquidität ein so hohes Niveau in einem Quartal erreicht seit Beginn der Datenerhebung in 1969. Im vierten Quartal 2021 wurden sage und schreibe 56,7 Milliarden Euro netto in Spezialfonds zugeführt“, so Kommalpha-Vorstand Clemens Schuerhoff. Die frische Liquidität, mit der die Spezialfonds in Q4 dotiert wurden, belief sich auf 112,5 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr wurden 116,8 Milliarden Euro in Spezialfonds gepumpt. „Es ist absolut bemerkenswert und schon fast beängstigend, wie viel Kapital und Liquidität sich im institutionellen Markt befinden und Anlagemöglichkeiten suchen“, kommentiert Schuerhoff.

Spitzenreiter beim Nettomittelaufkommen im vierten Quartal unter den Anlegergruppen sind Altersvorsorgeeinrichtungen mit 18,4 Milliarden Euro. Private Organisationen ohne Erwerbszweck, vulgo Stiftungen, folgen mit einem Nettomittelaufkommen von 14,5 Milliarden Euro auf Rang zwei.  Stiftungsgelder haben für Dienstleister nicht nur wegen dieses Wachstums Charme. Die Analyse der Relation zwischen Nettomittelaufkommen und Mittelzuflüssen zeigt auf, dass private Organisationen ohne Erwerbszweck die höchste Mandatstreue haben. Versicherungen weisen mit 9,8 Milliarden Euro das dritthöchste Nettomittelaufkommen im vierten Quartal auf, gefolgt von Kreditinstituten mit 8,7 Milliarden Euro. Nicht finanzielle Kapitalgesellschaften beziehungsweise Corporates und Sozialversicherungen und öffentliche/kirchliche Zusatzversorgungseinrichtungen schließen sich mit einigem Abstand und keinem besonders hohen Niveau im zeitlichen Vergleich in der Rangliste an.

Mischfonds sind Anlegers Liebling

Unter den Fondskategorien haben gemischte Wertpapierspezialfonds am meisten von dem Rekordniveau des Nettomittelaufkommens im vierten Quartal 2021 profitiert. Sie sammelten 22,6 Milliarden Euro netto ein. Dachspezialfonds verzeichneten ein Nettomittelaufkommen von 10,9 Milliarden Euro im vierten Quartal 2021, gefolgt von sonstigen Spezialfonds mit 9,6 Milliarden Euro. „Diese ersten drei Plätze im Ranking verdeutlichen, dass das Spezialfondsgeschäft von Master-KVG-Mandaten sowie Spezialfondsallokationen getragen werden, die keiner Fondskategorie eindeutig zugeordnet werden können“, erläutert Schuerhoff. „Ein Beleg für die Diversifikation und Ausweitung der Investmentuniversen des Spezialfondsgeschäfts.“ Aktienspezialfonds mit einem Nettomittelaufkommen von 5,7 Milliarden Euro und Immobilienspezialfonds mit 5,1 Milliarden Euro liegen dicht beieinander auf den Plätzen vier und fünf.

Versicherer vor Ablösung als Nummer 1

Ein Blick auf die Anteilinhaber der Spezialfondsvolumen zeigt, dass der Abstand zwischen den beiden größten Gruppen weiter schrumpft. Mit einem Anteil von 30,5 Prozent an den über zwei Billionen Euro liegen Versicherungen nur noch 3,3 Prozentpunkte vor Altersvorsorgeeinrichtungen. Mit weitem Abstand folgen Stiftungen und Kreditinstitute. Am unteren Ende des Spezialfonds-Rankings rangieren ausländische Investoren mit 3,8 Milliarden Euro. Clemens Schuerhoff: „Der Spezialfonds ist und bleibt ein typisch deutsches Produkt.“ Bei den Fondskategorien entfallen grob 51 Prozent auf gemischte Wertpapierfonds, etwa ein Fünftel auf Rentenfonds und jeweils circa sieben Prozent auf Dach-, Aktien- und offene Immobilienfonds.

Interessant ist auch die regionale Zusammensetzung, die immer noch einen starken Home Bias ergibt. Immerhin 28 Prozent entfallen auf deutsche Titel. Es folgen die USA mit 13 Prozent. In Wertpapiere aus Russland waren Ende 2021 nur 3,3 Milliarden Euro investiert.

Versicherer und Luxemburg bereiten Sorge

Trotz dieser insgesamt imposanten Entwicklung des deutschen Spezialfonds bereiten jedoch zwei Entwicklungen vielleicht keine Ängste, aber doch Sorgen: die volatilen Cashflows der Versicherungen und das Wachstum der Luxemburger Fonds. Versicherer wiesen im vergangenen Jahr gleich drei Monate mit Nettomittelabflüssen auf. „Bei Betrachtung der Relation von Nettomittelaufkommen und Mittelzuflüssen ist sehr auffällig, dass Versicherungen den betraglich höchsten Unterschied aufweisen“, teilt Schuerhoff mit. „Von 64,6 Milliarden Euro frischer Liquidität landeten in 2021 nur 13 Milliarden Euro netto in ihren Spezialfondsmandaten. Das bedeutet einen Liquiditätsentzug von über 51 Milliarden Euro, was ein dramatischer Wert ist. Versicherungen sind anscheinend in Aufruhr hinsichtlich ihrer Allokationen und Mittelverwendung, was in 2021 ihrem Spezialfondsgeschäft nicht zugutekam.“ Allerdings war diese Entwicklung in 2020 noch negativer.

Weniger Netto vom Brutto

Auch wegen der Assekuranz sind die Unterschiede zwischen Nettomittelaufkommen und der Dotierung von frischer Liquidität teilweise exorbitant. „Die kumulierte Summe des Unterschiedes zwischen Nettomittelaufkommen und Mittelzuflüssen von frischem Geld beträgt für 2021 fast unglaubliche 167,8 Milliarden Euro“, weist Schuerhoff auf eine interessante Statistik hin. Um diese Summe wurde somit mehr frisches Geld in Spezialfonds dotiert, als netto in den Mandaten gelandet ist. „Im Umkehrschluss bedeutet dies einen Liquiditätsentzug durch Spezialfondsanteilscheinrückgaben seitens der institutionellen Investoren. Diese Gelder haben ihre Verwendung außerhalb des Spezialfondsmantels gefunden, entweder als Anlage in anderen Jurisdiktionen oder Strukturen oder für bilanzielle und geschäftliche Zwecke im Tagesgeschäft.“

Bedenkliche Kaskadenstrukturen

Die andere Jurisdiktion heißt in der Regel Luxemburg. Insgesamt halten deutsche Spezialfonds 563,7 Milliarden Euro Investmentfondsanteile per Ende 2021. Davon entfallen 62 Prozent auf deutsche Spezial- und Publikumsfonds, 24 Prozent auf Luxemburger und zwölf Prozent auf irische Zielfonds. Davon auszugehen ist, dass die Positionen luxemburgische und irische Fonds hinsichtlich der gehaltenen Vermögensgegenstände eher im Bereich der alternativen und illiquiden Investments angesiedelt sind. Diese Kaskadenstruktur hält Kommalpha für bedenklich. „Die Durchschau auf die Vermögensgegenstände der Zielfonds sowie die entsprechende Bewertung der Risiken insbesondere im Hinblick auf Verbriefungsstrukturen und Gegenparteirisiken sind sehr komplex und stellen unseres Erachtens ein Risiko dar, das höchster Aufmerksamkeit bedarf“, warnt Schuerhoff.

Directs öfters indirekt

Administrationsexperten, die diese Kommalpha-Analyse unterstützt haben, sehen die Zukunft des deutschen Spezialfonds mit Optimismus. Genannt werden verschiedene Gründe. „Die Wachstumsraten des deutschen Spezialfondsmarktes dokumentieren den anhaltenden Trend der Verlagerung vom Direktanlageportfolio zum Fondsinvestment. Eingespielte, effiziente Prozesse gepaart mit einem hohen Maß an (möglicher) Portfoliodiversifizierung und Risikostreuung sind aus Sicht der Institutionellen Investoren die Entwicklungstreiber. Neben den klassischen Fondsinvestments werden auch zunehmend renditeträchtigere Anlagemöglichkeiten durch eine Fondsverpackung investierbar gemacht“, erläutert Dirk Werthmann von SGSS. Von dieser Entwicklung würden aber auch die Standorte Luxemburg und Irland sowie ETF-Anbieter profitieren.

Stefan Adam von der DZ Bank sieht die Lage ähnlich: „Direktanlagen wird es sicherlich immer geben, aber vielfach wandern Kapitalrückzahlungen unmittelbar in verwandte Anlageformen, davon ein Großteil in deutsche Spezialfonds. Sicherlich werden aber auch Luxemburger Fondsvehikel von den Kapitalzuflüssen profitieren, insbesondere bei Anlagen in illiquide Assetklassen als diversifizierende Beimischung sowie als Rendite-Pickup.“

Dennis Burgner, BNP Paribas Securities Services, sieht den hiesigen Fondsstandort positiv: „Der Spezialfonds wird von der im europäischen Vergleich innovativen Regulierung in Deutschland profitieren und erneut seine Anpassungsfähigkeit an ein sich veränderndes Umfeld beweisen.“

Und für Felix von Bothmer, HSBC Inka, sowie für Dr. Björn Vormbrock, HSBC Deutschland, liegen die Chancen in Alternatives: „Die jüngere Vergangenheit für alternative Anlageklassen am Standort Deutschland war von Einschränkungen und Unsicherheiten geprägt, die eine Investition institutioneller Anleger in Alternative Investments über ihre deutschen Investmentvermögen erheblich erschwerte. Seit 2018 sehen wir jedoch einen anhaltenden Trend, diese Anlageklasse in deutschen Investmentvermögen aufzubauen. Dies erfolgt zu Teilen im Wege einer Beimischung innerhalb bestehender oder auch durch Auflage ausschließlich für alternative Investments vorgesehener Spezialfonds.“

Demographie dämmt Wachstum

Für die Zukunft sind für den deutschen Spezialfonds weiter neue Rekorde zu erwarten – zumindest noch für die nächste Dekade, so die Erwartung des Kommalpha-Vorstands. „Ab 2030 prognostizieren wir ein gebremstes Wachstum des Spezialfondsmarktes insbesondere in Bezug auf Altersvorsorgeeinrichtungen und Versicherungen als größte Investorensegmente. Dann greift die demografische Zange zu und wird die Bilanzen unter Druck setzen.“

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