Asset Manager
1. November 2021

Angelsächsische Notenbanken drohen zu überraschen

Die Aussicht auf steigende Zinsen macht Anleger nervös. Und die Folgen der chinesischen Wirtschaftspolitik belasten die deutsche Wirtschaft. Das wurde bei einer Konferenz der DVFA Ende Oktober deutlich.

Die chinesische Wirtschaftspolitik wird das Wachstum des Landes in den kommenden Jahren deutlich dämpfen. Davon ist Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, überzeugt. Die Regierung sorge sich um die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen. Und sie wolle die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren. Mit ihrer Politik der „partiellen Autarkie“ bevorzuge sie einheimische Unternehmen, etwa im Nahrungsmittelsektor und in der Halbleiter-Produktion. Auch die seit Jahren stark steigenden Immobilienpreise sieht die Staatsführung mit Sorge und will deren Anstieg bremsen.

Staatsführung nimmt fallende Kurse in Kauf

Anlässlich des 10. Asset Management Forums der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) erläuterte Krämer Faktoren, die sich unter der Führung von Staatspräsident Xi Jinping in den vergangenen Jahren geändert haben – und das Wirtschaftswachstum der Volkswirtschaft bremsen. „Die Politik, die zu weniger Ungleichheit führen soll, geht auch zulasten der Immobilienentwickler“, so Krämer. „In der Immobilienwirtschaft sieht man die Folgen der Politik.“

Der Referent von der Commerzbank beobachtet in China eine Re-Ideologisierung. Die Staatsführung nehme fallende Aktienkurse, als ein Ergebnis ihrer Politik, in Kauf.

Strukturelle Veränderungen wird es unter anderem aufgrund demografischer Effekte geben: Ähnlich wie in Deutschland wird auch die Bevölkerung Chinas in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Problematisch sei, dass China diesen Trend nicht durch ein höheres Produktivitätswachstum der Wirtschaft ausgleichen könne.

China tilgt Schulden

Ein weiterer wichtiger Faktor, der das bisher so rasante Wachstum der Volkswirtschaft bremst, ist die Wiederaufnahme einer landesweiten Entschuldungskampagne. Krämer zufolge verzeichnete die chinesische Volkswirtschaft von 2012 bis 2016 einen scharfen Anstieg der Verschuldung. Infolge der Corona-Pandemie hatte die Staatsführung den von ihr priorisierten Schuldenabbau aber zunächst auf Eis gelegt.

Krämer wies bei der DVFA-Konferenz in Frankfurt darauf hin, dass die Staatsführung nun wieder auf Entschuldungskurs gegangen sei. Auch das belaste die Konjunktur. Konsequenzen ergeben sich damit auch auf den Standort Deutschland. Chinas Abschwung belastet die deutsche Konjunktur, so Krämer. Der Commerzbank-Chefvolkswirt sieht weitere Anzeichen einer De-Globalisierung, die auf den wirtschaftspolitischen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China zurückgehen. Dieser Konflikt habe den Charakter eines kalten Krieges.

Während die Globalisierung in der Vergangenheit immer wieder für positive Überraschungen auf der Inflationsseite gesorgt habe, weil die Kosten sinken, treibe die De-Globalisierung nun die Inflation nach oben. Krämer zog das ernüchternde Fazit, dass sich europäische Unternehmen – und hier vor allem die Mittelständler – früher oder später zwischen den USA und China als Partner entscheiden müssten. Das sei eine „hässliche Situation“, so der Commerzbank-Chefvolkswirt auf dem 10. DVFA Asset Management Forum.

Standortwettbewerb in Europa

In diesem Jahr nutzte die große Mehrheit der Konferenzteilnehmer die Möglichkeit, das Forum im DVFA-Tagungscenter in Frankfurt am Main über das Internet zu verfolgen, sagte eine Sprecherin der DVFA unserer Redaktion, die als Medienpartner live vor Ort war. Mehr als 70 Gäste verfolgten die Konferenz aus der Ferne, 20 waren vor Ort.

Die Veranstaltungsleitung hatten die DVFA-Vorstandsmitglieder Frank Klein, der hauptamtlich bei der Fondsgesellschaft DWS arbeitet, und Ingo R. Mainert (Allianz Global Investors (AGI)) inne.

Dr. Detlef Fechtner, Chefredakteur der Börsen-Zeitung, sprach in seiner Keynote über die Bedeutung der Bundestagswahl und deren Bedeutung für die Börse. In der geplanten Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen sieht er kein Risiko für die heimische Wirtschaft.

Auch Hubertus Väth, Chef der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, hielt beim 10. DVFA Asset Management Forum einen Vortrag. Darin warb er für den Finanzstandort Frankfurt. Man befinde sich in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Paris, wie die Statistik des Global Financial Centres Index zeige. In diesem Ranking liegt die Finanzhochbuch London mit Abstand auf dem ersten Rang, gefolgt von Paris, Frankfurt und Amsterdam.

Profiteur des Brexits

Frankfurt Main Finance ist seit 2008 die zentrale Plattform für den Finanzplatz Frankfurt am Main. Eine der Aufgaben der Initiative sei es, eine international wettbewerbsfähige Infrastruktur zu schaffen. Seit dem Brexit-Referendum habe der Finanzplatz eine Reihe von Erfolgen verbuchen können. So seien über 3.500 neue Arbeitsplätze im Finanzbereich zwischen Juni 2018 und 2020 geschaffen worden.

Frankfurt bewirbt sich aktuell um den Sitz des neuen International Sustainability Standards Board (ISSB). Das ISSB soll unter dem Dach der International Financial Reporting Standards Foundation (IFRS-Stiftung) geschaffen werden und internationale Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen erarbeiten.

Konjunkturzyklus ist intakt

Im weiteren Verlauf der DVFA-Konferenz trafen sich Frank Klein, Ingo R. Mainert, Björn Jesch (CEO, DWS Schweiz) und Reinhard Pfingsten (Chief Investment Officer (CIO), Bethmann Bank) zum CIO-Panel. Mit Blick auf die Keynote von Detlef Fechtner und die Folgen der Bundestagswahl für die Börse sagte Björn Jesch, dass es vor der Wahl bei Schweizer Banken einen starken Anstieg von Anfragen deutscher Kunden gegeben habe.

Es sei aber nicht zu einem „worst case“, einem „extremen“ Wahlergebnis gekommen. Jesch begrüßte das Ergebnis. Reinhard Pfingsten hielt dem entgegen, dass es für die globalen Kapitalmärkte keine große Rolle spiele, welche Regierung Deutschland führe. „Wir nehmen uns hier viel zu wichtig“, so Pfingsten. Die Geldpolitik der großen Notenbanken, China, die USA seien viel bedeutsamere Themen für Anleger.

Mit Blick auf die Konjunktur sprach das Vierergespann über die aktuelle Lage an den Kapitalmärkten. Jesch: „Die Märkte sind robust – trotz der Entwicklung in China.“ Der Konjunkturzyklus sei intakt. Jesch geht davon aus, dass die Inflation weiterhin hoch bleiben werde. Er führt diese Erwartung neben Basiseffekten auf die aktuell hohen Rohstoffpreise zurück. Und auch auf den Trend zu mehr Nachhaltigkeit. Kostentreiber seien hier etwa die Emissionsrechte für CO2.

Unternehmen kaufen lokaler ein

Und infolge der aktuellen Lieferkettenprobleme seien Unternehmen gezwungen, lokaler einzukaufen. Auch das treibe die Kosten. Pfingsten: „Die Inflation wird 2022 sinken, aber vergleichsweise hoch bleiben.“ Nach Einschätzung des Bethmann-Bank-CIOs bleiben strukturelle Effekte, etwa die neue chinesische Wirtschaftspolitik, bestehen.

Wo also investieren? Pfingsten plädiert für Aktiengesellschaften mit Preisüberwälzungsmodellen, für Zykliker, Finanzwerte und Rohstofftitel. Jesch zufolge gehören Tech-Titel ins Portfolio. Anleger sollten Aktien übergewichten, die Duration eher kurz halten und mit alternativen Anlagen die Illiquiditätsprämie vereinnahmen.

AGI-Mann Mainert ist weniger bullish. Er rechnet für 2022 mit Rückschlägen an den Märkten und begründet das mit der Notenbankpolitik und der Aussicht auf Zinserhöhungen, etwa bei der Bank of England und der US-Notenbank. „Die Märkte laufen Gefahr, dass die Bank of England und die Fed die Zinsen schneller als bislang erwartet anheben.“

ESG-Daten-Probleme

Ein Höhepunkt der DVFA-Konferenz war eine Gesprächsrunde zum Thema Nachhaltigkeit. Teilnehmer dieses Panels waren Dr. Gunnar Friede (DWS Investment), Dr. Magdalena Kuper (Fondsverband BVI), Philipp Rühle von der Rating-Agentur ISS ESG und Moderator Dr. Henrik Pontzen (Union Investment Institutional).

Die Teilnehmer sprachen über die wachsende Flut von ESG-Daten, die Anleger zum Beispiel von ESG-Rating-Agentur beziehen können, sowie über regulatorische Anforderungen. Als ein zentrales Problem arbeiteten die Panelisten heraus, dass es zwar auf regulatorischer Ebene aktuell stark steigende Anforderungen an die Berichtspflichten von Fondsgesellschaften gebe. Ein Problem sei, dass die Unternehmen, in die die Fondsmanager investieren, aktuell noch nicht so umfassend über ihre Nachhaltigkeit Auskunft geben müssen, zum Beispiel über ihre Investitionsausgaben für nachhaltige Aktivitäten (Green Capex).

„Wir brauchen standardisierte ESG-Rohdaten“, warnte DWS-Mann Friede. An ESG-Daten herrsche kein Mangel; hier sind die ESG-Rating-Agenturen eine zuverlässige Quelle. Was fehle, sei ein Basissatz an relevanten Daten. Schätzfehler seien daher an der Tagesordnung.

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