Versicherungen
22. August 2012

Arag rüstet sich für Solvency II

Zahlreiche Versicherungen sind derzeit im außerordentlichen Dialog mit der Bafin. Es geht um die Details, die an Solvency-II-taugliche interne Risikomodelle zu stellen sind. Die Arag kommt in ihrem Abstimmungsprozess zügig voran, wie Wolfgang Mathmann, Leiter Hauptabteilung Konzern Risikomanagement bei der Arag SE, im Interview verrät.

Wie kommt die Arag als Nischenversicherer bei der Vorbereitung auf Solvency II voran?
Die Arag hat Solvency II von Anfang an auch als Chance begriffen, die eigene Wettbewerbsposition durch eine zielgerichtete Umsetzung der Solvency-II-Anforderungen nachhaltig zu verbessern. Der Arag war dabei sehr schnell klar, dass die Verwendung des Standardansatzes dem konservativen und stark auf den Privatkunden ausgerichteten Geschäftsmodell nicht gerecht werden kann und zu einer Überzeichnung der Risikoexponierung führt. Die Arag hat sich daher für die Entwicklung eines eigenen internen Modells entschieden und dieses auch dem deutschen Regulator Bafin angezeigt. 
Welche „Baustellen“ müssen noch abgearbeitet werden im Hinblick auf das interne Modell zur Berechnung des Solvenzkapitals? Ich denke dabei etwa an die IT-Struktur.
Die IT-technischen Anforderungen durch Solvency II sind sicherlich sehr beachtlich und stellen jede Gesellschaft vor große Herausforderungen. Daher wurde dieses Thema im Rahmen des laufenden Solvency-II-Projektes auch sehr frühzeitig angegangen – was sich heute auszahlt. Nicht zu unterschätzende Anstrengungen liegen noch in den Bereichen Dokumentation und Validierung vor uns. Hier sind die Anforderungen seitens der Aufsicht sehr fordernd. Bei allen berechtigten Anforderungen seitens der Aufsicht sollte bei alledem der Aspekt der Proportionalität nicht aus dem Auge verloren gehen.
Wie weit ist der offizielle Abstimmungsprozess des Modells mit der Bafin gediehen?
Die Arag befindet sich seit einigen Monaten im so genannten Pre-Application-Prozess mit der Bafin. Dieser Prozess soll der Aufsicht wie auch dem Versicherungsunternehmen die Möglichkeit eröffnen, die Erwartungshaltung der Bafin mit dem Umsetzungsstand des Unternehmens abzugleichen. Dabei geht es nicht nur um die Mathematik im Rahmen der Modellierung, sondern auch um die generelle „Readyness“ des Unternehmens ein internes Modell einzusetzen. Bis jetzt haben mehrere Prüfungswochen sowie diverse intensive Gespräche mit der Bafin stattgefunden. Alle Gespräche haben in einer ausgesprochen konstruktiven und wertschätzenden Atmosphäre stattgefunden. 
Wie hoch sind die Kosten, die mit dem internen Modell verbunden sind? Ich denke zunächst an die einmaligen Entwicklungskosten aber auch an regelmäßig wiederkehrende Kosten, die mit der Pflege des Systems verbunden sind.
Die Kosten für die Umsetzung von Solvency II bewegen sich im einstelligen Millionenbereich. Nur ein geringer Teil davon entfällt auf die Entwicklung und Implementierung des internen Modells. Diesen Kosten steht jedoch ein signifikanter Nutzen in der Unternehmenssteuerung entgegen. Durch die risikogerechte Messung und Bewertung der eingegangenen Risiken ist die Arag in der Lage, die knappe Ressource Eigenkapital in die Verwendungsbereiche zu allozieren, die das beste  Risiko-Ertragsverhältnis liefern. Das Thema Risikomanagement ist für die Arag nicht erst seit Solvency II von großer Bedeutung. Durch die Einrichtung eines CRO mit Vorstandsrang unterscheiden wir uns deutlich vom Wettbewerb, auch hat die Arag in den letzten Jahren verstärkt in die personelle und technische Ausstattung des Risikomanagements investiert. 
Warum haben Sie an der nationalen Qis-6-Studie nicht teilgenommen?
Ein mittelständisches Familienunternehmen wie die Arag muss seine Ressourcen sehr gezielt und effizient einsetzen. Vor dem Hintergrund des laufenden Pre-Application-Prozesses zur Genehmigung eines internen Modells hat sich die Arag daher entschieden, nicht an der Qis-6-Studie teilzunehmen und stattdessen, die dafür notwendigen Mitarbeiterkapazitäten zur Abarbeitung der Bafin-Anforderungen an das interne Modell einzusetzen.
Was ist für die Arag wichtiger: Möglichst gute Renditen zu erzielen oder mit Blick auf Solvency II möglichst wenig Kapitalbindung zu erlangen, etwa, indem man auf Staatsanleihen setzt?
Diese Frage stellt sich für die Arag nicht. Weder ist die Erzielung möglichst hoher Renditen noch eine möglichst geringe Kapitalbindung für die Aag eine erstrebenswerte Zielgröße. Eine einseitige Fokussierung auf Ertrag oder Risiko widerspricht dem wertorientierten Steuerungsansatz. Für die Arag als Familienunternehmen, bei dem der Mehrheitsaktionär mit seinem eigenen Geld haftet, ist es schon immer elementarer Bestandteil der Unternehmensphilosophie gewesen, nur solche Risiken einzugehen, die auch verstanden werden und tragbar sind. Entscheidend dabei ist immer das jeweilige Risiko-Ertrags-Verhältnis. Aus Sicht eines internen Modell-Nutzers wäre vor diesem Hintergrund die Fokussierung auf Staatsanleihen eher kontraproduktiv, da diese im Gegensatz zum Standardansatz sehr wohl mit Kapital hinterlegt werden, weil sie eben nicht risikofrei sind. 
Risikovorstand Joerg Schwarze wird von der Börsen-Zeitung vom 14. Juni 2012 mit den Worten zitiert: „Mit dem Standardansatz kann man ein Unternehmen nicht steuern.“ Gleichwohl greifen offenbar einige Versicherer, die ein internes Modell angekündigt hatten, auf das Standardmodell zurück. Das scheint dem Ziel der Aufsicht zuwider zu laufen. Wie sehen Sie das?
Eine zielgerichtete, effiziente Unternehmenssteuerung setzt voraus, dass die Risiken, die gesteuert werden sollen, auch adäquat durch ein entsprechendes Modell abgebildet und gemessen werden. Besitzt ein Versicherungsunternehmen ein spezifisches, individuelles Geschäftsmodell, so können dessen Risiken per Definition nicht durch einen Standardansatz sachgerecht abgebildet werden. Dies kann nur ein internes Modell leisten. Die betriebswirtschaftliche Steuerung eines Versicherungsunternehmens ist keine Erfindung von Solvency II, sondern ist eine unternehmerische Selbstverständlichkeit. Bei der Wahl des geeigneten Modells für die Unternehmenssteuerung ist die risikogerechte Abbildung der eingegangenen Risiken jedoch zwingend zu beachten, mit dem Standardansatz wird dies nur schwerlich möglich sein. Eine getrennte Betrachtung der Thematik nach Regulatorik (Messung des Solvenzkapitalbedarf für die Aufsicht)  und Steuerung (Bestimmung des Risikokapitals für Steuerungszwecke) läuft jedoch dem Geist von Solvency II zuwider. Wird der von Solvency II geforderte Own-Risk-and-Solvency-Assessment-Prozess ernst genommen, werden solche Diskrepanzen sichtbar. Inwieweit die Aufsicht in solchen Fällen korrigierend eingreift, wird jedoch erst die Zukunft zeigen.
Wo liegt aus Ihrer Sicht der Vorteil, wenn Versicherer ein eigenes Modell benutzen, statt auf das Standardmodell der Aufsicht zurückzugreifen? Ist primär die Frage, ob sich im Standardmodell Kapitalbedarf ergibt oder ob es mit einem internen Modell zu einer Kapitalentlastung kommt maßgeblich?
Für die Arag stand und steht bei der Frage Standardansatz oder internes Modell nicht eine mögliche Kapitalentlastung im Zentrum der Überlegungen, sondern vielmehr die Forderung nach der richtigen Risikomessung und  -steuerung.
Wie hoch ist die Aktienquote Ihrer Kapitalanlagen?
Die Netto-Aktienquote liegt bei sechs Prozent.
Haben Sie grundsätzlich Pläne, die Asset-Allokation aufgrund des Niedrigzinsumfeldes zu verändern?
Hier plant die Arag nur geringfügige Anpassungen. Dabei haben wir vor allem Unternehmensanleihen im Blick.
portfolio institutionell newsflash 13.08.2012/tbü
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