Statement
24. Juni 2022

Auf dem Weg zur Klimaneutralität: Net Zero im Blick und Nachhaltigkeit im Sinn

Der politische Wille ist da, bis zum Jahr 2050 eine Net-Zero-Ökonomie eingeführt zu haben, also ein Wirtschaftssystem, in dem der Atmosphäre nicht mehr Treibhausgase zugeführt als entzogen werden. Dabei ist beim Zieljahr 2050 immer öfter der Zusatz „oder früher“ zu hören. Auch institutionelle Investoren sind hierbei gefordert und machen sich diese Zielsetzung zu eigen, wobei vor allem die großen Asset Owner“ als treibende Kraft auftreten. Diese Pensionsfonds und -kassen, Versicherungen und andere haben einen Anlagehorizont, der häufig deutlich über 2050 hinausgeht und daher ein originäres Interesse, auch dann noch über attraktive Anlageoptionen und ein werthaltiges Portfolio zu verfügen.

Was die meisten unserer Kunden allerdings sehr schnell ­feststellen, wenn sie versuchen, die Net-Zero-Ambitionen in praktische Investment-Regeln umzusetzen, ist folgendes: Das Problem klimaschädlicher Emissionen ist auf vielfältigste ­Weise mit anderen Kategorien nachhaltigen Wirtschaftens verknüpft. ­Offenkundig ist das beim Thema Biodiversität, die ­einerseits unter dem Klimawandel leidet. Andererseits können Maßnahmen zugunsten der Biodiversität helfen, Klimagase zu reduzieren. Oder hinsichtlich der sozialen Komponente in ESG: Wie lassen sich die immensen Investitionen und Umstrukturierungen so gestalten, dass sie sozialverträglich sind? Hier hat sich das Konzept der „Just Transition“ herausgebildet, also der ­Absicht, den Übergang zu einem emissionslosen Wirtschaftssystem für alle Beteiligten weltweit gerecht zu gestalten.

Die Herausforderung

Wie gestalte ich mein Portfolio beziehungsweise meine Asset-Allokation auf dem Weg zu Net Zero? Ein ­Gedankenexperiment: Was wäre, wenn man seine Allokation von heute beibehalten und im Jahre 2049 die nicht-net-zero-fähigen Beteiligungen ­abstößt? Zunächst einmal wäre das für die Erreichung von ­Klimazielen kontraproduktiv, da jede emittierte Tonne CO₂ für Jahrtausende in der Atmosphäre verbleibt und weiter zur Erd­erwärmung beiträgt. Darüber hinaus ist offenkundig, dass ­Assets, die nicht net-zero-fähig sind (also hohen Transitions­risiken ausgesetzt sind), nicht schlagartig im Jahr 2050 an Wert verlieren werden. Stattdessen kann man davon ausgehen, dass Kapitalmärkte diese Risiken antizipieren und sie dadurch schon auf dem Weg dahin relativ zurückfallen werden, wobei diese Tendenz schon heute festzustellen ist. Hier liegt das Kernproblem für Institutionelle: Sie müssen auf dem Weg zu Net Zero ein marktfähiges Rendite-Risiko-Profil mit ihren Anlagen erwirtschaften, weil sie ihre Auszahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Kunden Jahr für Jahr erfüllen müssen.

Die Basis: Startpunkt und Methodik

Bevor es an die Kür der Vermögensanlage nach Net Zero geht, muss ein Investor seinen Startpunkt festlegen und eine Vorgehensweise definieren. Denn wenn es schon eine echte Aufgabe ist, den CO₂-Fußabdruck eines Unternehmens zu berechnen, so vervielfacht sich diese für ein Portfolio, das sich zudem noch aus unterschiedlichen Asset-Klassen zusammensetzt. Es geht also im ersten Schritt darum, Transparenz zu erreichen. Nach zahlreichen Workshops, die wir mit unseren Kunden zu ­diesem Thema durchgeführt haben, empfehlen wir, die finanzierten Emissionen aller Anlagepositionen auf Einzelpositions­basis zu aggregieren und dazu nach Möglichkeit von Emittenten ­berichtete Daten oder alternativ Emissionsdaten von ­Klima-­Experten zu verwenden. Es muss zudem ein Basisjahr ­festgelegt werden (wie beispielsweise 2019, das heißt vor Beginn der ­Pandemie).

Target Setting Protocol

Durch die Macht der großen (Teilnehmer-)Zahlen hat sich das Target Setting Protocol der von den Vereinten Nationen einberufenen Net Zero Asset Owner Alliance als Leitlinie für die Portfolio-Dekarbonisierung etabliert. Demnach sollen als Zwischenziele bereits im Jahr 2025 eine Reduktion des Portfolio-CO₂-Fußabdrucks um 22 bis 32 Prozent, bis zum Jahr 2030 ­sogar von 49 bis 65 Prozent erreicht werden. Diese ambitionierten Ziele lassen sich nur mit umfassenden Eingriffen in Anlage­richtlinien und -politik verwirklichen. Zudem wird ­erwartet, dass die Anleger einen aktiven Dialog mit den Unternehmen führen, in die sie investieren, damit diese glaubhafte, wissenschaftsbasierte Ziele und Strategien zur Erreichung von CO₂-Neutralität definieren. Letztlich sollten Investoren auch Technologien finanzieren, die den Übergang zu einem CO₂-neutralen Wirtschaftssystem ermöglichen, wie zum Beispiel Energieeffizienz-Technologien oder Erneuerbare Energien. Dies kann durch Projektfinanzierung oder Investition in Green Bonds erfolgen.

Szenarien für Risiko und Rendite

Es stellt sich nun die Frage, welchen Einfluss Low-Carbon- und andere ESG-Strategien auf das Rendite- und Risikoprofil eines Portfolios haben. Auf Basis der Strategischen Asset-Allokation lassen sich verschiedene Szenarien für Risiko und Rendite ­simulieren. Natürlich gilt hier der Disclaimer, dass vergangenheitsbezogene Daten keine Gewähr für künftige Erfolge bieten, aber sie leisten wichtige Erkenntnisse über die Sensitivitäten eines Portfolios. Wir haben dies beispielhaft für einen realen, aber anonym bleibenden Kunden gemacht. Grundlage war das gesamte liquide Anlageportfolio aus globalen Aktien und Renten, für die wir eine Simulation über die vergangenen fünf ­Jahre durchgeführt haben. Wir haben vier ESG-Stile definiert: einen Low-Carbon-Ansatz und drei Stile von Light Green über Medium Green zu Dark Green, die ESG-Kategorien unterschiedlich streng anwenden (ESG-Qualität, UN Global Compact, Waffen, Kohle, Tabak) und sowohl Ausschlüsse als auch eine Selektion der ESG-Führer umfassen. Diese vier Stile ­haben wir mit einem Standardportfolio verglichen.

Das für Kunden überraschende Ergebnis: Alle vier Szenarien wiesen im Risiko, gemessen als Volatilität, minimale Unterschiede zur Standardallokation auf. Allerdings erzielten alle ESG-Stile höhere Renditen im Vergleich zum Nicht-ESG-Portfolio. Hierbei ist „Dark Green“ am auffälligsten, das eine um 1,5 Prozentpunkte per annum höhere Rendite über die ver­gangenen fünf Jahre aufwies. Natürlich ist die Datengrundlage nicht lang genug, um statistisch signifikante Aussagen zur Renditedifferenz zu treffen. Aber es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass ESG und Rendite kein Widerspruch sein müssen.

Entwicklung von Handlungsalternativen

Ohnehin will die weit überwiegende Mehrzahl unserer Kunden nicht nur ihr Portfolio dekarbonisieren, sondern einen breiteren ESG-Ansatz verfolgen. Um auf einen Pfad zu gelangen, der die Erreichung der Net-Zero-Zwischenziele ermöglicht, berücksichtigen wir deshalb vier Aspekte von Nachhaltigkeit:

▶ die ESG-Qualität der Emittenten,
▶ Positionen in kontroversen Industriesektoren oder mit ­kontroversen Geschäftspraktiken,
▶ CO₂-Fußabdruck und -Intensität,
▶ Klimarisiken.

Für diese umfassenden Portfolioanalysen haben wir bei risklab, der Advisory Unit von Allianz Global Investors, ein eigenes ­System entwickelt, den Sustainability Analysis, Research and ­Advisory Hub (SARAH). Dieses System haben wir auch für die Beratung verwendet, um Handlungsalternativen für LDI-Portfolien im Gesamtportfoliokontext, also neben anderen Aktien- und Rentenanlagen, aufzuzeigen.

Für ein reales, rein in Renten investierendes LDI-Mandat haben wir mit dieser Vorgehensweise ein Szenario mit einer gemischten Strategie entwickelt, die zu 85 Prozent auf einem mit auf CO₂ fokussierten Ausschlüssen abzielenden Corporate Bond Index beruht und zu 15 Prozent Green Bonds beimischt. Der CO₂-Fußabdruck des Gesamtportfolios konnte somit um 9,4 Prozent reduziert werden, bei einer um 0,4 Prozentpunkte höh­eren jährlichen Rendite, die mit Hilfe einer längeren Duration und damit verbunden einer leicht höheren Volatilität erreicht wurde. Der Anteil kontroverser Aktivitäten halbierte sich gar.

Fazit für das Klima: Asset Owner können dem Dekarbonisierungspfad folgen, und die, mit denen wir darüber gesprochen haben, sind dazu fest entschlossen. Umso mehr natürlich, weil sie mit diesen Modellen Zuversicht schöpfen, dass dieser Pfad ohne größere Dellen im Risiko-Rendite-Profil möglich ist.

Von grün zu dunkelgrün ist gut, von braun zu grün besser

Interview mit Matt Christensen
Global Head Sustainable & Impact Investing, Allianz Global Investors

Die Allianz hat Ende April angekündigt, ihr Engagement für eine Netto-Null-Klimastrategie zu stärken. Ist die Allianz damit nun auf einem Light-, Medium- oder Dark-Green-Pfad?

Wir glauben, dass die von der Allianz eingeführten Maßnahmen wichtig und notwendig sind, um unsere ehrgeizigen Netto-Null-Ziele zu erreichen und wir unterstützen diese. Es gehört zu unserer Rolle als aktiver Vermögensverwalter, eine deutliche Botschaft zu senden.
Warum verkaufen Sie Beteiligungen an problematischen Unternehmen nicht einfach?
In bereits grüne Unternehmen zu ­investieren ist ein valider Investment-Ansatz, kann aber unter Umständen zu einem verminderten realen Beitrag mit Blick auf Dekarbonisierung und andere Nachhaltigkeitsziele führen. Von grün zu dunkelgrün ist gut, von braun zu grün ist besser! Als aktiver Manager sprechen wir mit Unternehmen, statt einfach zu desinvestieren, nur so kann man wirklich etwas verändern. Zudem haben wir Nachhaltigkeitsaspekte in unsere Abstimmungsrichtlinien integriert.

Ihr Ansatz ist recht akademisch. Wirklich messen kann man nur CO2-Emissionen, schwer hingegen Biodiversität und Soziales.

Als Mitglied der UN Net Zero Asset ­Manager Initiative achten wir bei der Titelauswahl darauf, dass Unternehmen sich glaubhafte Nachhaltigkeitsziele ­setzen. Sie gehen über CO2-Emissionen hinaus. Faktoren wie etwa gute ­Unternehmensführung oder Ressourceneffizienz und soziale Aspekte ­ergänzen unsere Analysen zusätzlich zu Dekarbonisierungszielen. Der Datensatz etwa für biologische Vielfalt und soziale Fragen ist zwar sicherlich weniger gut entwickelt, holt aber schnell auf.

Wie groß ist das Interesse der ­Unternehmen an einem kritisch-­konstruktiven Dialog? Wie groß ist die Bereitschaft für Veränderungen?

Viele Unternehmen zeigen große Bereitschaft zur Besserung, sei es aufgrund externen Drucks oder auch aus eigenem Antrieb, um etwa ihr Geschäftsmodell zukunftssicherer zu gestalten. Als großer Investor haben wir natürlich einen gewissen Einfluss, sei es über direktes Engagement oder über die Stimmabgabe stellvertretend für unsere Kunden. Sollte sich ein Unternehmen trotzdem nicht bessern, bleibt als letztes Mittel der Verkauf. Unser Ziel ist es jedoch, diesen Schritt etwa durch die Kommunikation einer klaren Erwartungshaltung zu vermeiden. Vergütungssysteme spielen ­dabei eine besondere Rolle: Ab 2023 ­werden wir zum Beispiel nicht mehr in Unternehmen investieren, bei denen die Vergütung des Vorstands keinen Nachhaltigkeitsbezug hat.

Ist es schwieriger mit kleinen oder mit großen Unternehmen in den Dialog zu kommen?

Das hängt wesentlich von der Bereitschaft von Vorstand und Aufsichtsrat ab, mit den Teilnehmern in Dialog zu ­treten, und weniger von der Größe.

Können Versicherer, PKs, Versorgungswerke und Stiftungen den gleichen Nachhaltigkeitsweg gehen?

Eher nicht – sie haben unterschiedliche Stakeholder mit unterschiedlichen ­Wertvorstellungen. Und auch bei der ­Entscheidungsfreudigkeit unterscheiden sie sich. Wir beobachten aber vor allem in Deutschland, dass diese ­Anlegertypen eine ähnliche Grund­haltung etwa zu Menschenrechten oder Umweltverschmutzung haben. Deshalb sind manche Themen, wie etwa eine Positionierung der Kapitalanlagen, die dem Klima­wandel entgegenwirkt, für alle relevant.

Die Faktorprämie Value ist wieder da! Erschwert das den Weg zu Net Zero?

Value-Investing setzt ja in der Regel dort an, wo ein Unternehmen unter seinem inneren Wert gehandelt wird. Wir glauben, dass dieser Wert zunehmend auch Klimafaktoren berücksichtigt, da diese verstärkt das künftige Geschäftsergebnis beeinflussen können. Aus unserer Sicht bietet der aktuelle Fokus auf vermeintlich „langweilige“ Unternehmen aus dem Bereich Versorger und Energie­gewinnung auch eine Chance: Investoren können insbesondere diejenigen ­Unternehmen selektieren, die bereits ein Net-Zero-Ziel haben oder auf effizientere Energiegewinnung fokussieren.

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