Schwarzer Schwan
29. Juni 2012

„Auf jeden Fall durchhalten“

Erfahren Sie in dieser Ausgabe des Schwarzen Schwan der Woche, was es heißt, über den Jordan zu gehen.

Der Schweizer Ökonom Prof. Dr. Thomas Jordan, seit April 2012 Präsident des Direktoriums der Schweizer Nationalbank (SNB), steht derzeit im Brennpunkt der eidgenössischen Medien. Als Chef des dreiköpfigen Direktoriums der SNB verantwortet der Wirtschaftswissenschaftler die Geld- und Währungspolitik der Notenbank und ist entsprechend für die Strategie zur Anlage der Vermögenswerte zuständig. Auch wenn es im ersten Moment nicht so scheint – Jordan ist um seinen Posten nicht zu beneiden; schließlich steht der Schweizer Franken aufgrund gewaltiger Nachfrage aus dem Ausland unter Druck.
Alle Welt will den Franken
Jüngsten Zahlen zufolge ist der Bestand an Devisenreserven binnen weniger Wochen um 66 Milliarden auf 304 Milliarden Franken angeschwollen. Das entspricht mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes. Im Zuge der fast schon dramatischen Suche nach sicheren Assets sackte der Wechselkurs zum Euro im vergangenen Jahr für kurze Zeit auf die Parität – für eine exportorientierte Wirtschaft wie die der Schweiz ein Damoklesschwert.
Seit sich die SNB im September vergangenen Jahres allerdings dazu entschlossen hat, einen Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro zu verteidigen, versorgt die Notenbank unter Thomas Jordan Investoren mit Franken – wenn es sein muss, bis zum Abwinken. Sie verkauft nach eigener Darstellung „unbegrenzt“ Franken. Dazu gehört nach Ansicht des erfahrenen Wirtschaftswissenschaftlers Peter Bernholz unglaublicher Mut: „Ich möchte nicht in der Haut der Direktoriumsmitglieder stecken“, sagte der Währungsexperte jüngst in einem Interview. Gleichwohl rief er die Notenbanker dazu auf, zu bekräftigen, dass sie den eingeschlagenen Kurs auf jeden Fall durchhalten.
Das Spiegelbild zur BoE
Wer nun meint, die Lage sei damit stabilisiert, muss enttäuscht werden. Denn seit Mitte Mai hat der Aufwertungsdruck enorm zugenommen. In erster Linie sind es allerdings nicht böse Hedgefonds, die eine Attacke gegen die Kursgrenze reiten, die seit Monaten nur marginal über 1,20 Franken verläuft. Vielmehr sind es bis in die Haarspitzen verunsicherte Anleger, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen. Und daran wird sich auch nichts ändern, bis Europa seine Krise entschärft.
Für Thomas Jordan dürften Erinnerungen wach werden. Erinnerungen an George Soros, der vor 20 Jahren erfolgreich gegen die Bank of England (BoE) wettete. Der Unterschied zur SNB liegt allerdings darin, dass die Engländer damals das Umgekehrte im Schild führten. Sie nutzen ihre naturgemäß limitierten Devisenreserven, um Pfund zu kaufen. Die SNB dagegen hat unbegrenzt „Munition“, um Franken zu verkaufen und die Währung so zu schwächen. (Lesen Sie im zweiten Teil, was in dieser Gemengelage für Aktien spricht.)
Die Frage lautet nun, ob das Team um SNB-Präsident Jordan die Kraft hat, die Kapitalflut aufzunehmen. Beobachtern zufolge, könnte die Lage der SNB je nach Größe des Devisenbestands und der Dynamik am Markt absurd aussehen. Dann bliebe nur ein Ausweg: Den Mindestkurs aufgeben und eine Aufwertung des Franken hinzunehmen. Das könnte mit einer langsamen Anpassung geschehen – oder aber es kommt zu einem Aufwertungsschock. Dadurch verlören die Währungsreserven massiv an Wert, das Eigenkapital der SNB würde ins Negative driften – und die Schweizer Wirtschaft, die sowieso schon mit dem starken Franken hadert, könnte Knall auf Fall ins Bodenlose stürzen, weil die ohnehin schon fragilen Exportströme gänzlich kollabierten. Auch wenn ein Fehlbetrag in der Bilanz nicht die Insolvenz der SNB bedeutet, sei die SNB nach Darstellung ihres Präsidenten „auf eine robuste Eigenkapitalbasis angewiesen“, um ihre Glaubwürdigkeit langfristig zu wahren.
Derweil wird in der Eidgenossenschaft inzwischen darüber diskutiert, wie man mit den ausufernden Währungsreserven, die überwiegend aus Anleihen aus dem Euroraum bestehen, umgehen soll – ohne dabei die geldpolitische Handlungsfähigkeit zu schmälern und einer möglichen Kaufkraftentwertung vorzubeugen. Immer mehr Beobachter fordern die Schweizer Notenbanker dazu auf, die Währungsreserven in Real Assets wie Aktien zu investieren, wie das die Chinesen und auch die Norweger ja seit längerem tun.
Real Assets? Schmarrn! Ihr portfolio-Team hat nun endlich die Lösung für die Finanzkrise gefunden: Die SNB muss ihr Geld in Piigs-Anleihen stecken und wird so die Finanzkrise beenden! Als größter Fremdkapitalgeber dieser Länder hat die Alpenrepublik auch eine ganz andere Verhandlungsbasis bei der Durchsetzung des Bankgeheimnisses. Für 62 Milliarden Euro kann sich Notenbank-Chef Jordan die spanischen Banken unter den Nagel reißen und damit der heimischen Bankbranche einen Gefallen tun.
Ein Ausweg aus der Bredouille könnte auch auf anderem Weg gefunden werden. Nicht nur Minarette sondern auch Touristen werden konsequent aus dem Land verbannt. Damit könnte ein Teil der Devisenzuflüsse gestoppt werden. Ein weiterer Vorschlag: Nestlé, Swatch und Roche dürfen nichts mehr ins Ausland verkaufen. Ein ebenfalls vielversprechender Ansatz könnte darin bestehen, Verkehrsdelikte von Ausländern nicht mehr zu ahnden. Die sollen ihre Euros mal lieber behalten. Die ultimative Lösung könnte allerdings darin bestehen, die Eidgenossen zu verpflichten, spanische Immobilien zu kaufen.
Thomas Jordan und portfolio wünschen Ihnen ein angenehmes Wochenende. Vielleicht fahren sie kurzfristig in die Schweiz, solange der Aufenthalt noch halbwegs erschwinglich ist.
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