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10. Dezember 2021

Auswege aus der Zinsfalle

Die Zuschusspflicht der Arbeitgeber bei Entgeltumwandlungen spült den Anbietern noch mehr Geld in die Kassen. Doch wohin mit der Anlage? Mehrere Versicherer und Versorgungswerke geben Einblicke in ihre Anlagestrategien.

Die Lebensversicherer haben im Neugeschäft mit den niedrigen Zinsen zu kämpfen und steuern mit Kostensenkung, innovativen Garantien und mehr kapitalmarktnahen Produkten dagegen. Dazu haben sich Vorstände von zwölf maßgeblichen Gesellschaften kürzlich ausführlich geäußert (siehe Titel der Ausgabe 08/21). „Die Kapitalmärkte sind im Wandel“, sagte Stefan Klimpel im Juni auf dem jährlichen bAV-Expertenforum des HDI. „Nur reduzierte nominale Garantien ermöglichen den Aufbau einer ausreichenden Altersversorgung mit vertretbarem finanziellem Aufwand“, so der Leiter des Geschäftsbereichs Kapitalanlagen von HDI Deutschland weiter.

Zinsverbindlichkeiten würden durch konsequenten ALM-Ansatz überwiegend durch Zinsanlagen „lang und sicher“ gedeckt. In der Strategie von HDI Leben würden drei Prozent Aktienquote angestrebt, Immobilien mit Fokus Europa ausgeweitet und auch Infrastrukturinvestments ausgebaut. Wechselkursrisiken würden durch kongruente Bedeckung vermieden. „Es geht bei der langfristigen Kapitalanlage um Sicherheit auch in turbulenten Zeiten“, sagt der Anlageprofi. Ende 2020 rangierten in dem 22,2 Milliarden Euro schweren Portfolio von HDI Leben Zinsträger einsam an der Spitze (92,6 Prozent). Mit weitem Abstand folgen Immobilien (4,8 Prozent), Beteiligungen (1,4 Prozent) und Aktien (1,1 Prozent).

Gerade bei Infrastrukturinvestments gebe es seit 2014 bei HDI Deutschland eine stetige Erhöhung auf inzwischen knapp drei ­Milliarden Euro. Knapp die Hälfte davon ist in Deutschland und der Rest in Westeuropa allokiert. Die Fremdkapitalquote liegt bei einem Drittel. Der Konzern erweitert sein Anlagespektrum per­manent. Dabei setze der Versicherer zunehmend Schwerpunkte in seiner Nachhaltigkeitsstrategie. Seit 2017 analysiere HDI Deutschland mit einem ESG-Screening nahezu 90 Prozent der selbst­verwalteten Assets auf nicht-nachhaltige Investitionen. Bis 2025 strebe die Versicherung eine Reduktion der CO₂-Intensität der ­intern gemanagten Corporates/Covered Bonds und ­Aktienbestände um 30 Prozent ­an.

Bei der Talanx hat die Zinssituation den Appetit auf alternative Anlagen angeregt. „Alternatives sind, um die Passivseite zu bedienen, alternativlos geworden“, erklärte Dr. Peter Brodehser, Head of ­Infrastructure Investments des Talanx-Konzerns, zu dem auch HDI Deutschland gehört, auf der portfolio-Jahreskonferenz 2021 (siehe Ausgabe 10/2021). Heute seien rund vier Milliarden Euro im Portefeuille. Mit Infrastrukturfinanzierungen könne auch die Duration von Aktiva und Passiva gut gematcht werden – für Lebensversicherer ein guter Ausweg aus der Niedrigzinsfalle.

Anlagestrategien im Dauertiefzins

Für viele Versorgungswerke sind Immobilien inzwischen so etwas wie das Fundament der Kapitalanlage. Beim Versorgungswerk der Wirtschaftsprüfer und der vereidigten Buchprüfer (WPV) in NRW machen sie heute schon 29 Prozent des Portfolios aus, berichtete Geschäftsführer Dr. Hans-Wilhelm Korfmacher. Der massive Liquiditätsüberschuss durch die noch geringen Rentenzahlungen an die WPV-Versorgungsberechtigten ermögliche lukrative Club-Deals im Bereich Immobilien, an denen sich noch weitere Investoren ­beteiligen. „Real Assets sind alternativlos“, sagte Korfmacher, aber Fondskonstruktionen häufig zu teuer und Joint Ventures nur dann interessant, wenn der Manager auch selbst mit ins Risiko geht.

Das Versorgungswerk der Apothekerkammer Nordrhein (VANR) setzt stark auf Aktien. „Wir kaufen in der Krise und halten das ­Portfolio durch alle Phasen“, erläuterte Geschäftsführer Jens Hennes (Preisträger bei den Awards 2021) auf der portfolio-Jahreskonferenz. Dazu hinterlege das ­Versorgungswerk an der Börse Kaufaufträge, die bei Erreichen ­bestimmter Kursniveaus automatisch ausgeführt wurden – einfaches Rezept mit großer Wirkung. Basis für die um 50 Prozent gegenüber früher aufgestockten Aktienpositionen sei ein solides Rücklagenpolster, hohe Liquidität und der Verkauf von Festverzinslichen gewesen. Die notwendige Aufstockung des Risikobudgets wurde auch möglich durch eine zurückhaltende Dynamisierung der Leistungen in den vergangenen Jahren. „Risiko muss man sich leisten können“, sagte Hennes mit Blick auf den hohen Anwärterbestand, der für Liquiditätsnachschub sorgt.

Beim BVV in Berlin werden 50 Prozent des Portfolios im Hause ­gemanagt, aber im Prinzip nur Renten („viel Credits“), berichtete Vorstandsmitglied Frank Egermann. Alle anderen Anlageklassen werden durch „aktuell 60 externe Asset Manager betreut“. Dabei lohnten regelmäßige Kostenanalysen, die man beim BVV betreibe. Insbesondere die ESG-Regulierungskosten machen der Branche Sorgen. Schon jetzt gab der BVV intern einen mittleren sechsstelligen Betrag dafür aus, erklärte Egermann. Sich darüber zu ärgern nutze nichts, man müsse das beste aus der Situation machen.

Viel Potenzial bei grüner Altersvorsorge in der Pipeline

Wie Institutionelle derzeit in nachhaltige Projekte investieren, zeigt die Studie „Fremdkapital: Baustein der Nachhaltigkeit“ von der Hamburg Commercial Bank und Zielke Research Consult unter 32 Versicherern, Pensionskassen und Vermögensverwaltern. Demnach sind derzeit Deutschlands Versicherer mit mehr als zehn Billionen Euro an verwaltetem Vermögen die größten in Europa. Europäische Banken in der Eurozone verleihen mehr als sechs Billionen Euro an Haushalte und fünf Billionen Euro an Nichtfinanzunternehmen. Europäische Vermögensverwalter in der ­Eurozone verwalten aktuell mehr als 14 Billionen Euro. „Der Finanz­industrie obliegt es, durch Zu- oder Absagen für ­Finanzierungen und Versicherungen die Wirtschaftsakteure zu nachhaltigerem Handeln zu bewegen und damit auch die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen zu helfen“, sagt Carsten ­Zielke. Noch gehe es zu zögerlich voran.

Industrieunternehmen sind im Rahmen der neuen CSRD-Richt­linie (Corporate Sustainability Reporting Directive) verpflichtet, über ihr Nachhaltigkeitsverhalten Auskunft zu geben. Die Richtlinie soll Finanzinvestoren künftig mehr Informationen des ESG-Exposures von Industrie-Firmen geben. „Damit wird es gerade institutionellen Investoren leichter fallen, ihre Investitionen zu klassifizieren und ihre Kapitalanlage nachhaltiger zu gestalten“, betont Zielke. Noch seien gerade fremdfinanzierbare ESG-Projekte ein knappes Gut. Altersvorsorge-Einrichtungen seien für fremdfinanzierte Infrastrukturprojekte mit langer Laufzeit besonders ­geeignet, weil das Aufsichtsrecht Abweichungen in der Laufzeit von ­Verpflichtungen und Kapitalanlagen bestraft.

Die Befragten investieren vor allem in Erneuerbare Energien und Telekommunikation in West- und Südeuropa sowie Nordamerika. Ein klarer Schwerpunkt liegt auf Fremdkapital (65 Prozent). Dabei werden lange Laufzeiten von 15 Jahren und mehr präferiert. Einen Zeitplan, um Klimaneutralität in ihrer Kapitalanlage zu erreichen, haben die Institutionellen laut Studie mehrheitlich noch nicht aufgestellt. „Wichtige Weichenstellungen für das Anlagespektrum haben die Finanzinstitute teilweise noch vor sich“, so die Studie.

Kostenersparnis in Kapitalanlage von Wert

Die Kunst besteht in der Dauerniedrigzinsphase aber nicht nur in der Umschichtung des Portfolios, sondern auch darin, auf die ­Kosten zu achten. Wolfram Gerdes verantwortet als Kapitalanlagevorstand zwei evangelische Versorgungskassen, nämlich die KZVK und die VKPB, die zusammen auf 16 Milliarden Euro Pensions­vermögen kommen. Gerdes rechnete auf der Jahreskonferenz die Verteuerung der Altersvorsorge vor: Zusatzkosten von 0,1 Prozent auf das Vermögen erforderten 4,0 Prozent Beitragserhöhung über die Laufzeit.

Die externen Kosten beziffert Gerdes mit fast 40 Millionen Euro. Bei diesen gebe es jedoch viele Einflussmöglichkeiten. Die Kosten seien steuerbar – über Verhandlung von Managementgebühren, effiziente Transaktionen und Vermeidung von Komplexität. Grundsätzlich gehöre das Gebührenmodell und die Leistung der Asset Manager auf den Prüfstand. Gerdes Fazit: Niedrigzinsen erhöhen den ­Anteil der Kosten am Vermögensertrag. Die ­Dominanz externer Kosten. Dagegen machen die internen Kosten nur 20 ­Prozent der Gesamtkosten bei der KZVK/VKPB aus.

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