Banken
25. November 2016

Basel IV: Deutschen Banken droht milliardengroße Kapitallücke

Selbst in abgeschwächter Version wird Basel IV zu riesigen Kapitallücken bei europäischen und deutschen Banken führen, wie eine Studie zeigt. Viele werden die zusätzlichen Kapitalerfordernisse nicht erwirtschaften können. Besonders in Deutschland wird der Druck zu weiterer Konsolidierung steigen.

Auf die Geschäfts- und Landesbanken in Deutschland kommt durch Basel IV – auch in abgeschwächter Form – ein zusätzlicher Kapitalbedarf von bis zu 30 Milliarden Euro zu. Zu diesem Schluss kommt eine neue Analyse von Strategy&, der Strategieberatung von PWC. Schuld seien die hohen Kreditvolumina an Firmenkunden, die deutsche Banken halten. Auf die europäische Bankenbranche insgesamt sehen die Studienautoren eine Kapitallücke von über 300 Milliarden Euro zukommen. 
Seit dem vergangenen Jahr laufen beim Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht die Diskussionen um die Basel-IV-Reformen in Bezug auf die Ermittlung risikogewichteter Aktiva und gehen am 28. und 29. November in die  letzte Runde. Die Basel-IV-Vorschläge in ihrer bisherigen Version würden laut der Strategieberatung von PWC zu einem erheblichen Anstieg der Risikoaktiva für europäische Banken führen – und zwar um 40 bis 65 Prozent für die bedeutsamsten regulatorischen Risikotypen wie Kreditrisiko, Marktrisiko, operationelles Risiko, Kontrahenten-Kreditrisiko und Credit-Value-Adjustment-Risiko. Dieser Anstieg würde zu einer erheblichen Kapitallücke ausufern, obwohl die europäische Banken derzeit deutlich mehr Kapital vorhalten als regulatorisch gesehen notwendig. Ihre Ertragskraft würde nach Analyse von PWC nicht ausreichen, um bis zur zuletzt vorgesehenen Anwendung von Basel IV ab voraussichtlich 2019 zusätzliches Kapital im erforderlichen Ausmaß aufzubauen. Eine Abschwächung der Vorschläge zur Vermeidung volkswirtschaftlicher Risiken gelte daher als wahrscheinlich.
Doch selbst bei einer abgeschwächten Basel-IV-Reform ist nach der Analyse von Strategy& bei Europas Banken von einem zusätzlichen Kapitalbedarf von über 300 Milliarden Euro auszugehen. Nach Einschätzung von Martin Neisen, Partner und Leiter der globalen Basel-IV-Initiative bei PWC, wären sie im internationalen Vergleich besonders stark betroffen: „Europäische Banken weisen unter anderem aufgrund der intensiven Anwendung interner Risikomodelle in ihren Bilanzen bislang etwa nur die Hälfte des durchschnittlichen Risikogewichts wie ihre amerikanischen Wettbewerber auf. Die Konsequenzen von Basel IV werden in Europa deshalb besonders schmerzhaft sein. Zudem werden Großbanken wegen ihrer breiten Anwendung interner Modelle stark betroffen sein.“
Druck zur Konsolidierung steigt
Die bereits vergleichsweise schwache Profitabilität der europäischen und insbesondere der deutschen Banken würde dadurch weiter unter Druck geraten. Die Analysen von Strategy& deuten darauf hin, dass die vorgesehenen Reformen zu erneuten empfindlichen Einbußen bei der Eigenkapitalrendite führen werden. Diese liege derzeit ohnehin bei den wenigsten Instituten oberhalb der Eigenkapitalkosten. „Angesichts dieser Abwärtsspirale ist in der momentanen Situation auch die Kapitalbereitstellung durch Investoren wenig wahrscheinlich. Weitere Kostensenkungen sind notwendig, werden aber allein nicht ausreichen. Da die Top Line aktueller Geschäftsmodelle auch wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfelds bestenfalls stagniert und Kapitalanforderungen de facto anziehen, müssen Banken eine weitere strukturelle Kostenreduktion erreichen“, erklärte Dr. Philipp Wackerbeck, Leiter der Financial Services Practice bei Strategy&. Vor diesem Hintergrund sei die Erwirtschaftung des zusätzlichen Kapitalerfordernisses aus eigener Kraft für viele Banken realistisch gesehen nicht mehr möglich. „Besonders in Deutschland wird der Druck zu weiterer Konsolidierung steigen“, so Wackerbeck.
Als Reaktion müssten europäische Geldhäuser laut PWC verstärkt Risikoaktiva abbauen, was allerdings sowohl für die Volkswirtschaft als auch für die Finanzstabilität negative Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Wackerbeck befürchtet, dass die Kreditversorgung der Wirtschaft leidet. Vor allem Mittelstandskredite ohne externes Rating und gewerbliche Immobilienfinanzierungen seien derzeit besonders stark betroffen. Er hält es für möglich, dass die Banken Kreditrisiken direkt oder indirekt über den Kapitalmarkt vermehrt an Versicherungen oder Pensionskassen auslagern.
Im Rahmen der Analyse hat die Strategieberatung von PWC die 103 Banken untersucht, die 2015 an der Transparency Exercise der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) teilgenommen haben. Mehr als die Hälfte des Samples besteht aus deutschen, italienischen, spanischen und französischen Instituten. Die Berechnungen beziehen sich auf die Daten der Banken aus der ersten Jahreshälfte von 2015.
portfolio institutionell newsflash 25.11.2016/Kerstin Bendix

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