30. August 2016

Berater Sentix warnt vor Ansteckungsgefahr

Die Anleger entspannen sich. Die Sorge vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone geht zurück. Für eine Entwarnung ist es dennoch zu früh.

„Die Situation in Euroland entspannt sich, zumindest oberflächlich“, lautet das Fazit des Beratungshauses Sentix beim Blick auf seinen soeben veröffentlichten Euro-Break-up-Index (EBI), der die Wahrscheinlichkeit eines Auseinanderbrechens der Eurozone misst. Dieser sank im August auf 15,7 Punkte und damit wieder deutlich unter die magische Schwelle von 20 Punkten. Werte über dieser Schwelle korrelierten seit Ausbruch der Eurokrise auffallend häufig mit Krisengipfeln. Daraus schließt Julien Mueller, Analyst bei Sentix, dass aus Anlegersicht vorerst Entwarnung für die Eurozone gegeben werden kann: „Die Sorgen nach dem überraschenden Brexit-Votum sind damit fast vollständig zerstreut.“  
Doch von einer nachhaltigen Erholung der Situation sieht Mueller die Eurozone noch ein Stück entfernt. Zu diesem Schluss kommt er beim Blick auf den parallel zum EBI errechneten Index, der die Ansteckungsgefahr abbildet. Zwar schätzen die 911 institutionellen und privaten Investoren, die vom 25. bis 28. August befragt wurden, die Ansteckungsgefahr leicht geringer ein als im Vormonat. Diese legt mit etwa 35 Punkten jedoch noch deutlich über den Werten vor dem Brexit-Votum. Insbesondere um Italien zeigen sich die Anleger besorgt, sie empfinden die Lage der Banken in Italien weiterhin als sehr bedrohlich. Die Vorbehalte gegenüber dem Land von Regierungschef Matteo Renzi zeigen sich besonders deutlich anhand eines Vergleichs der Sentix-Länderindizes für Griechenland und Italien. „Der Abstand beider Indizes war noch nie so gering wie am aktuellen Rand. An den Bondmärkten befindet sich mittlerweile der Risikoaufschlag italienischer Staatsanleihen im Vergleich zu zehnjährigen Bundesanleihen deutlich über dem Spread des spanischen Pendants – trotz massiver Käufe seitens der EZB“, so Mueller.  
Sprengstoff sieht der Sentix-Analyst auch auf makroökonomischer Ebene. Die konjunkturelle Lage sei bereits seit der zweiten Jahreshälfte des vergangenen Jahres trotz ultra-expansiver Geldpolitik und Quantitative Easing auf dem Rückzug. Der Sentix-Konjunkturindex zur Lage des Eurolandes fiel seit September 2015 von rund 15 Punkten auf mittlerweile weniger als fünf Punkte. Der Sentix-Analyst sieht in dieser Entwicklung eine inverse Beziehung zwischen der konjunkturellen Lagebewertung der Anleger und dem wahrgenommenen Ausbreitungsrisiko der Eurokrise. „Je robuster die Anleger die wirtschaftliche Lage bewerten, desto geringer ist die Sorge, dass sich einzelne Krisenherde ausbreiten. Das Ganze lässt sich vergleichen mit dem menschlichen Immunsystems: Ist das Immunsystem gesund, werden wir selten krank. Ist das Immunsystem jedoch geschwächt, steigt das Risiko der Ansteckung“, erläutert Mueller. 
An der Umfrage für den EBI nahmen vom 25. bis 27. August 2016 insgesamt 911 institutionelle und private Investoren teil. Die befragten Anleger haben die Möglichkeit, bis zu drei Länder zu nennen, mit deren Euroaustritt sie innerhalb der nächsten zwölf Monate rechnen. Seinen vorläufigen Höchststand hatte der EBI mit 73 Prozent im Juli 2012. Sein Minimum stammt mit 7,6 Prozent aus dem Juli 2014. 
portfolio institutionell newsflash 30.08.2016/Kerstin Bendix
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