Statement
31. Oktober 2019

Bessere ESG-Integration, bessere Informationen, bessere Entscheidungen

Interview mit Ingo Ahrens, Head of Germany, BNP Paribas Asset Management

Wie misst BNP Paribas Asset Management Nachhaltigkeit?

Um zu messen, wie gut ein Unternehmen mit den ESG-Risiken umgeht, denen es ausgesetzt ist, hat unser ESG-Researchteam eine eigene, dreistufige Methode zur Wertpapieranalyse entwickelt: Auf Basis eines ­quantitativen Screenings wird für jedes Wertpapier ein ESG-Wert auf einer ­Skala von null bis 100 berechnet. Der ­Governance-Score fließt ­dabei mit mindestens 30 Prozent ein, der Social-Score mit mindestens 20 ­Prozent und der Umwelt-Score muss mindestens zehn Prozent betragen. Diese Scores ­spiegeln tatsächlich nur Mindestanteile wider und variieren in der Realität von Branche zu Branche. Die Allokation im Bergbau- und Metallsektor weist beispielsweise eine prozentuale Struktur von 35/35/30 auf.

Anschließend wird die qualitative Bewertung berücksichtigt, indem die erreichte Punktzahl um bis zu 30 Prozentpunkte gehoben oder gesenkt wird. Abschließend erhält jedes Unternehmen seine finale ESG-Platzierung zwischen 1 und 10, wobei 1 die Bestnote darstellt. Dieses Ergebnis wird dann allen Investmentteams zur Verfügung gestellt, die es in ihren Anlageprozess einbinden.

Die Forschung tendiert zu einem positiven Verhältnis von Nachhaltigkeit und Performance. In welchen Fällen kostet Nachhaltigkeit Performance?

Nachhaltigkeit kann Performance kosten, wenn strenge SRI-Richtlinien mögliche ­Renditebringer aussortieren. Grundsätzlich aber senkt ESG eher das Risiko, statt es zu erhöhen, und kann so auf Dauer zu einer besseren Wertentwicklung führen.

Ziel unserer ESG-Integration ist, dass die ­Investment-Teams besser informiert sind und so bessere Entscheidungen treffen können – ­und nicht, das Anlageuniversum zu stark einzuschränken. Das Ergebnis ­sollte sein, dass denjenigen Investitionen mit ­höheren ESG-Risiken besondere Sorgfalt und zusätzliche Due Diligence gewidmet wird und, dass das Bewusstsein für potenzielle Chancen im Zusammenhang mit ESG geschärft wird.

Unsere Anlagerichtlinien besagen, dass der ESG-Score eines Portfolios besser sein muss als der der Benchmark. Das kann man als Einschränkung sehen, es muss aber gar keine sein. Unternehmen mit einem ­niedrigen Score müssen nur mit Firmen mit einem höheren Score ausgeglichen werden. Es geht um die Gesamtportfolio-Bilanz, das große Ganze.

Droht mit einer zu konsequenten ­Implementierung von nachhaltigen Assets, dass Portfolios instabil werden?

Das Risiko sehen wir so nicht: ESG sorgt vor allem für ein besseres Verständnis der Positionen im Portfolio. Insbesondere vermitteln ESG-Kriterien eine bessere Kenntnis der operativen, finanziellen und nicht zuletzt der Reputationsrisiken von Unternehmen und Ländern, die im Hinblick auf ESG schlechter aufgestellt sind. Investoren können ihr Portfolio dementsprechend anpassen.

Im Research zeigt sich, dass Firmen, die gesellschaftlich verträglich und umwelt­gerecht handeln, seltener in die Pleite rutschen oder ihre Schulden nicht bezahlen als andere. Wir sind daher fest davon überzeugt, dass ­Unternehmen, die einen nachhaltigen ­Ansatz ­verfolgen, verantwortungsvoller handeln und somit langfristig einen Mehrwert für unsere Anleger generieren können.

Sind heutige Portfolios für den Klimawandel gerüstet? Liegt die Gefahr weniger im Temperaturanstieg als in den gesellschaftlichen und politischen Reaktionen?

Gerade institutionelle Anleger haben in letzter Zeit die zunehmende Notwendigkeit erkannt, dem Klimawandel zu begegnen. Viele sehen mit Besorgnis die große Lücke zwischen den bescheidenen Schritten der Regierungen weltweit – die an sich kaum ausreichen, um die Ziele des Pariser Klima-Abkommens zu erreichen – und den bisher ergriffenen konkreten Maßnahmen.

Auch die Mehrheit der Unternehmen hat ihre Emissionsminderungsziele für 2030 noch nicht festgelegt, geschweige denn eine ­längerfristige Vision für ihre CO2-­Emissionen. Als großer institutioneller ­Investor sind wir besorgt, dass das ­Transitionsrisiko – die große und wachsende Kluft zwischen den Zielvorgaben der Regierungen und den Ambitionen der Unternehmen – eine Hauptursache für künftige Investitionsrisiken darstellt.

Sind nachhaltige Strategien oder Assets mittlerweile zu teuer?

Wir bei BNP Paribas Asset Management sind davon überzeugt, dass ­nachhaltiges ­Investieren die Analyse aller Risiken beinhalten sollte, einschließlich der ­vollständigen Betrachtung der ESG-Faktoren. Diese Risiken zu verstehen, eröffnet doch erst die Möglichkeit zu entscheiden, ob eine Anlage teuer, günstig oder fair bewertet ist.

Welche Implikationen wird die EU-­Taxonomie auf Investoren, Asset Manager, die Marktstabilität und den Nachhaltigkeitsgedanken haben?

Zur erfolgreichen Reduzierung der Auswirkungen des Klimawandels sind in Europa jährlich Investitionen von mindestens 175 Milliarden Euro nötig. Die Allokationsentscheidungen privater und institutioneller Anleger können einen ganz wesentlichen Beitrag dazu leisten, doch bislang fehlte eine eindeutige Klassifizierung dazu, was nachhaltige Investments sind – und was nicht. Mit der EU-Taxonomie erhalten ­Anleger nun klare Informationen und ­können damit Anlagechancen besser erkennen und nutzen. Eine standardisierte, wissenschaftliche und nachweisbasierte Taxonomie schiebt Greenwashing einen Riegel vor. Sie ermöglicht die Messung von Kapitalströmen in Umwelt­aktivitäten und hilft, Investionen ­genau da zu fördern, wo sie am ­dringendsten ­gebraucht werden. Wir glauben, dass die Taxonomie den Markt ähnlich umfassend neu gestalten wird wie seinerzeit die Einführung des metrischen Systems in Europa.

Viele Staaten werden heute von ­autokratisch angehauchten Populisten geführt. Hat dies Auswirkungen auf Ihre Governance-Analysen?

Hier zeigen sich die Folgen zunehmender Ungleichheit und sozialer Ausgrenzung. Das Versäumnis, die Gewinne aus Globalisierung und Kapitalismus gerecht unter allen zu verteilen, wird von vielen Ökonomen als Grund für die sogenannte populistische ­Gegenreaktion angesehen, die wir derzeit weltweit beobachten.

Die sich verändernde politische Landschaft könnte sich weiter negativ auswirken, nicht nur auf unsere Analysen oder einzelne ­Staaten, sondern bis auf die Grundlagen der Demokratie. Deshalb ist die Ungleichheit heute einer der wichtigsten Punkte, sowohl auf der politischen Agenda, als auch bei uns. Unsere Nachhaltigkeitsstrategie ist ja auf drei zentrale Themen hin ausgerichtet: Energiewende, Umwelt und Gleichstellung, die „3E“ (Energy Transition, Environment und Equality). Damit verfolgen wir ­konkrete Ziele, wie etwa weniger CO2, den Schutz der Wälder, sauberes Trinkwasser – aber auch Lohngerechtigkeit und faire Arbeitsbeding­ungen weltweit.

Wir Investoren können hier eine ganz ­wichtige Rolle spielen, indem wir das ­„soziale ­Eigenkapital“ in ­Investitionsanalysen und -praktiken einbeziehen und die ­Unternehmen ermutigen, ihre Arbeits- und Beschäftigungspraktiken und -auswirkungen gut zu bedenken. Denn über die Unternehmen können in vielerlei Hinsicht Möglichkeiten für eine integrativere und nachhaltigere Gesellschaft geschaffen werden.

Denken Sie etwa an das Thema Steuern: Steuern sollten dort gezahlt werden, wo die Werte geschaffen werden. Eines unserer Ziele für mehr Gleichheit und integratives Wachstum ist deshalb, Unternehmen dazu anzuhalten, transparentere Steuerstrategien zu verfolgen.

Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten bestehen aus Ihrer Sicht bei der Umsetzung der 17 SDGs?

Wer Geld investiert, erzielt immer eine ­Wirkung. Sicher geht es zuerst um die ­Rendite, doch wer zum Beispiel Aktien kauft, unterstützt damit auch das Unter­nehmen und dessen Geschäftstätigkeit.

Beim Impact Investing sollen Investitionen überdies einen positiven Beitrag für ­Umwelt oder Gesellschaft leisten. Das bedeutet nicht, alle Probleme des Planeten quasi im Handstreich zu lösen.

Wir glauben, dass die Welt eine bessere wird, wenn ihre Wirtschaft kohlenstoffarm, ökologisch nachhaltig, gerecht und integrativ gestaltet würde. Wir glauben auch, dass institutionelle Investoren – sowohl Ver­mögensverwalter als auch Vermögens­inhaber – die Verpflichtung haben, Maßnahmen zu ergreifen, um mit Impact Investing zur Erreichung der 17 SDGs beizutragen.

Diese Verpflichtung nehmen wir an, doch für gute Ausbildung oder Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen können wir mit unseren Investmentlösungen nur ­wenig tun – für den Abbau von Ungleichheit und Verbesserung der Wassereffizienz bei ­unseren Investitionszielen aber sehr wohl. Daher konzentrieren wir uns mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie auf diejenigen ­Bereiche, wo wir annehmen, dass wir mit unserem Kerngeschäft größeren Einfluss ausüben können.

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