Banken
17. November 2016

Bundesbank warnt vor Zinsanstieg

Wann die Zinsen wieder steigen werden, kann auch die Bundesbank nicht prognostizieren. Sie mahnt Banken und Lebensversicherer jedoch zur Vorsicht vor falschen Gewissheiten und davor, in Erwartung dauerhaft niedriger Zinsen zu große Risiken einzugehen.

Im aktuellen makroökonomischen Umfeld besteht die Gefahr, dass Risiken unterschätzt werden. Niedrige Zinsen, niedrige Risikoprämien und hohe Bewertungsniveaus betreffen alle Sektoren der Volkswirtschaft. Es bestehen Anreize, höhere Schulden aufzunehmen. Damit steigt die Verwundbarkeit gegenüber fallenden Vermögenspreisen und steigenden Zinsen. Dies ist eine der Kernbotschaften aus dem Finanzstabilitätsbericht 2016, den Professor Dr. Claudia Buch, Vizepräsidentin der Bundesbank, Mitte November vorstellte. Vor allem Banken und Lebensversicherer würden dem Bericht zufolge unter einem Anstieg des Zinsniveaus leiden. Eine ausreichende Eigenkapitalbasis ist deswegen Voraussetzung dafür, dass die Finanzmärkte ihre Funktion für die Realwirtschaft übernehmen und die realwirtschaftliche Dynamik fördern können.
Wann die Zinsen wieder steigen, vermag auch die Bundesbankerin nicht sicher zu prognostizieren. Dass derartige Prognosen fehlerbehaftet sein können, macht sie mit Verweis auf die Wahlprognosen zur US-Präsidentenwahl deutlich: Denn nur 11 von 96 Prognosen haben den Wahlausgang richtig prognostiziert. „Verlassen sich alle Beobachter auf die Prognosen, kann dies zu falschen Gewissheiten führen“, so Buch. Mit Blick auf die Finanzmärkte sieht sie derzeit die Gefahr, dass sich Marktteilnehmer in einem Zustand falscher Gewissheit befinden und in Erwartung dauerhaft niedriger Zinsen und hoher Vermögenspreise zu große Risiken eingehen. „In der Summe könnten Risiken systematisch unterschätzt werden; der Wert von Sicherheiten bei Kreditgeschäften könnte zu hoch angesetzt sein“, erklärte Buch. 
Die Überraschung sei dann umso größer, wenn das gegenteilige Ereignis eintritt. Auf den Finanzmärkten führen Überraschungen zu abrupten Preiskorrekturen, wie die Bundesbankerin mit Blick auf die Marktreaktion nach dem Brexit-Votum anmerkte. „Marktzinsen können sprunghaft steigen, und dies kann zu einem hohen Anpassungsbedarf mit möglichen negativen Folgen für die Realwirtschaft führen“, so Buch. Als Beispiel für unterschätztes Risiko greift sie Unternehmensanleihen und deren Spreads heraus: „Auch diese scheinen die tatsächlichen Risiken – gemessen an den Ausfallraten – aktuell nicht ausreichend widerzuspiegeln.“
Bankensektor mit höherem Zinsänderungsrisiko
Die Entwicklung im deutschen Unternehmenssektor weiche in Teilen von diesen weltweiten Trends ab. Die Insolvenzquoten seien auf einem historischen Tiefstand. Entsprechend gering sind laut Buch die Kreditrisiken in den Bilanzen der deutschen Banken aus dem Inlandsgeschäft. Gleichwohl bauen sich zunehmend Liquiditäts- und Zinsänderungsrisiken auf. Aufgrund der gesunkenen Kreditzinsen geraten auch die Geschäftsmodelle der deutschen Banken und Sparkassen, die stark vom Kredit- und Einlagengeschäft abhängen, unter Druck. „Die Banken vergeben in Deutschland Kredite mit längeren Laufzeiten, um ihre Zinserträge stabil zu halten“, sagte Andreas Dombret, Bundesbankvorstand für die Banken- und Finanzaufsicht. Diese längeren Zinsbindungsfristen führten unter anderem dazu, dass der Bankensektor weniger flexibel auf Zinsänderungen reagieren könne. „Durch die längere Laufzeitbindung gehen Banken und Sparkassen höhere Zinsänderungsrisiken ein. Diese gilt es aktiv abzusichern“, so Dombret. Hier müsse eine ausreichende Kapitalisierung vorliegen. Insgesamt sieht Dombret die deutschen Banken und Sparkassen jedoch gut aufgestellt: „Die Solvenz und Liquidität der deutschen Banken und Sparkassen steht außer Frage. Positiv ist hervorzuheben, dass die Institute ihre Eigenmittel in den vergangenen Jahren erhöht und beim diesjährigen EBA-Stresstest gut abgeschnitten haben.“ Gleichzeitig wiederholte er seine Warnung, dass viele deutsche Banken zu wenig profitabel seien. 
Kein Anzeichen für exzessive Kreditvergabe
Mit den niedrigen Zinsen erhöhen sich die Anreize, in Wohnimmobilien zu investieren. Risiken für die Finanzstabilität können dem Bericht zufolge entstehen, wenn stark steigende Preise für Wohnimmobilien mit einer deutlichen Kreditexpansion und nachlassenden Standards bei der Kreditvergabe zusammenfallen. Dies kann vor allem dann auftreten, wenn viele Marktteilnehmer die zukünftige Schuldentragfähigkeit zu positiv einschätzen. Buch beruhigt in dieser Hinsicht jedoch: „Obwohl die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland seit dem Jahr 2010 deutlich steigen, gibt es aber aktuell keine Anzeichen für eine exzessive Kreditvergabe oder eine Abschwächung der Kreditvergabestandards.“ 
portfolio institutionell newsflash 16.11.2016/Kerstin Bendix
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