Schwarzer Schwan
8. Juni 2016

Corporate Challenge

Den krisengeschüttelten Finanzinstituten in den USA geht es inzwischen wieder blendend. Allerdings gibt es eine Bank, die sich in diesen Tagen einer Flut von Herausforderungen gegenübersieht.

Der größten US-Bank, JP Morgan Chase & Co., liegt schon lange das Wohl der Menschen am Herzen. Das zeigt sich allein an dem großartigen Einsatz, mit der das Unternehmen den JP Morgan Corporate Challenge, ein Art Mikro-Marathon für Mitarbeiter aus Firmen unterschiedlicher Branchen, unter anderem in Frankfurt am Main veranstaltet. Bei den Events geht es übrigens erst in zweiter Linie um Sport. „Wichtiger sind Werte, die von den Unternehmen als erstrebenswert betrachtet werden: Team-Geist, Kommunikation, Kollegialität, Fairness und Gesundheit“, so jedenfalls steht es auf der Internetseite mit der etwas unglücklichen Adresse jpmccc.de geschrieben. Gleichwohl konnte man sich in den vergangenen Wochen des Eindrucks nicht erwehren, dass die einstige US-Vorzeigebank ihre ethischen Werte ein wenig schleifen lässt, was bisweilen auch für Team-Geist, Kommunikation, Kollegialität, Fairness und Gesundheit gilt. 
Team-Geist und Kollegialität 
Wie es um Team-Geist und Kollegialität bei JP Morgan bestellt ist, zeigt das im Frühjahr 2012 bekanntgewordene Spekulationsdebakel um den „Londoner Wal“, der den bürgerlichen Namen Bruno Iksil trägt. Er hat diesen Spitznamen für seine gigantischen Spekulationsgeschäfte bekommen, die letztlich in einem noch gigantischeren Verlust von 6,2 Milliarden Dollar mündeten. Doch ins Kittchen muss der Trader dafür nicht, schließlich fungiert der „Whale“, wie er in der Londoner City genannt wird, als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft. Als solcher liefert er seine Kollegen, den Spanier Martin-Artajo und den Franzosen Julien Grout, an die Justiz aus.
Allerdings wird bei JP Morgan bereits kräftig frisches Personal angeheuert, vorzugsweise der Nachwuchs mächtiger Regierungsfunktionäre in Asien mit dem sogenannten Söhne- und Töchter-Programm. Von untergeordneter Bedeutung ist hier, ob die Zöglinge das erforderliche Know-how mitbringen oder einfach nur als Türöffner dienen. Soviel zum Team-Geist. 
Kommunikation & Fairness 
Dagegen ist die als „systemrelevant“ eingestufte JP Morgan kommunikativ ganz groß. Wegen dubioser Hypothekengeschäfte fordert die zuständige US-Behörde FHFA in diesen Tagen nicht weniger als sechs Milliarden Dollar Schadenersatz von der Bank. Das Institut soll den gestrauchelten Verbriefungsagenturen Fannie Mae und Freddie Mac vor der Finanzkrise Hypothekenpapiere im Volumen von 33 Milliarden Dollar angedreht und dabei bewusst falsche Angaben über deren Qualität gemacht haben.
Bankchef Jamie Dimon gab, nicht ganz ungeschickt in der Rhetorik, zu bedenken, dass sein Haus für die Fehler nicht verantwortlich gemacht werden könne. Ein Großteil der Papiere soll von Washington Mutual und Bear Stearns herrühren. Und die hat JP Morgan schließlich erst 2008 übernommen. Aha! Und was ist mit der Due Diligence bei deren Übernahmen? Da haben dann wohl die Wirtschaftsprüfer geschlampt?
Gesundheit 
Die Geschäfte bei den Amerikanern laufen derzeit übrigens blendend – das Haus scheint auf den ersten Blick kerngesund. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte die Bank stramme 21,3 Milliarden Dollar Gewinn. Offenbar hat das Unternehmen kräftig bei den Marketingausgaben gespart und so den neuen Gewinnrekord eingefahren. Warum soll man viel Geld für Marketing und PR verpulvern, wenn man ohnehin regelmäßig in der Presse steht?
In jüngster Zeit fabrizierte JP Morgan alle zwei Wochen Schlagzeilen: Ende Juli wegen angeblicher Strommarkt-Manipulationen, für die die Bank im Rahmen eines Vergleichs mit der zuständigen Aufsichtsbehörde 410 Millionen Dollar berappen muss. Anfang August dann der nächste Gassenhauer, der PR nun wirklich obsolet macht: Diesmal wird JP Morgan, ebenso wie Goldman Sachs, wegen Preistreiberei am Alu-Markt verklagt. Kurze Zeit später dann die Lappalie, die dem Whale of London widerfahren ist. Und zu guter Letzt die drohende Rekordstrafe wegen Fannie und Freddie. Das Risiko aus laufenden Klagen beziffert die Bank kürzlich auf 6,8 Milliarden Dollar. Seit 2011 hat das Institut knapp acht Milliarden Dollar für die Beilegung von Rechtsfällen gezahlt, wie die Nachrichtenagentur dpa-AFX jüngst berechnet hat. Peanuts? Oder doch eine echte Corporate Challenge?
Wenn’s langfristig schlecht laufen sollte, hat man anhand des JP Morgan Corporate Challenge Firmenlaufs beziehungsweise der dazugehörigen Website das ätzende Bonitätsrating „CCC“ ja bereits vorweggenommen. Uns würde es nicht wundern, wenn JP Morgan eines Tages neben dem Bankgeschäft ein Kasino oder eine eigene Anwaltskanzlei eröffnet – Arbeit für die Rechtsverdreher gibt’s schließlich genug. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende.
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