Alternative Anlagen
19. August 2013

Das Für und Wider von Mikrofinanzinvestments

Die Lernkurve von Investoren und Anbietern im Bereich der Mikrofinanzinvestments ist steil – und oftmals holprig.
Die Bekämpfung von Armut in der Welt mit Hilfe institutioneller Anlagegelder ist ein hehres Ziel, das allerdings häufig verfehlt wird. Dennoch sollte man das ­Anlagesegment nicht verteufeln. Eine Bilanz.

Nationale und supranationale Organisationen wie die Kredit­anstalt für Wiederaufbau (KfW) und regionale Mikrofinanzinstitute – von denen es weltweit fast 20.000 geben soll – bieten Kleinstunternehmern Zugang zu einem breiten Spektrum von Finanzdienst­leistungen an. Das Schlagwort heißt „Mikrofinanz“ und ist nach ­Ansicht der KfW in allen Entwicklungs- und Schwellenländern sinnvoll. Der Begriff des Mikrokredits ist nicht identisch mit der viel­schichtigen „Mikrofinanz“, da er sich ausschließlich auf die Kreditvergabe ­bezieht. Fakt ist, der Sektor boomt.

Nach Angaben von Responsability, einem Pionier auf dem Gebiet des Social Investing und Anbieter zahlreicher Fonds, ist der globale Mikrofinanzsektor im vergangenen Jahr um 20 Prozent gewachsen. Das Gesamtvolumen des Marktes wird inzwischen auf 60 Milliarden Dollar geschätzt. Für das laufende Jahr erwartet Responsability ein Wachstum in der Größenordnung von 15 bis 20 Prozent. Demnach wird eifrig an der Bekämpfung der Armut gefeilt. Gleichwohl herrscht in der öffentlichen Wahrnehmung der Mikrofinanzierung nicht nur eitel Sonnenschein; an dem Segment wird auch immer wieder Kritik ­geübt. Das ist unter anderem auf die teils horrenden Kreditzinsen zurückzuführen, die im Durchschnitt bei 20 Prozent (plus Gebühren) liegen. Mit dieser Bürde werden die Anstrengungen der Kleinstunternehmer, die nicht selten Analphabeten sind und im Umgang mit Geld häufig kaum Erfahrung haben, konterkariert. Die üppigen Zinsen ­seien den enormen operativen Kosten geschuldet und der Kleinteiligkeit der Kreditvergabe, heißt es in der Branche.

Besonders kritisch ist allerdings, dass nicht alle in dem Sektor ­tätigen Mikrofinanzinstitute (MFI) aus Nichtregierungs­organisationen oder namhaften Stiftungen hervorgehen, sondern auch rendite­getriebene Akteure mitmischen. Das ist auch der Grund, warum Branchenvertreter, wie der in Frankfurt am Main angesiedelte Mikro­finanz-Fondsinitiator „Invest in Visions“, einräumen: „Mikrofinanz ist und war kein Heilmittel gegen die Armut – ein Kredit ist ein Mittel zum Zweck, und Finanzdienstleistungen sind ein Geschäftsmodell. Aber neben Kre­diten eröffnen Sparkonten, Versicherungen und Giro­konten finanzielle Stabilität und den Menschen, die sonst keinen ­Zugang zu diesen Mitteln erhalten, die Chance, ihr Leben besser zu gestalten.“

Der erste Mikrofinanzfonds in Europa wurde 2003 in Luxemburg aufgelegt. Seither kamen einige dieser Vehikel hinzu, die sich am Symbiotix-MF-Index messen. Beim Blick darauf entpuppt sich ­Mikrofinanz als Anlage-Dorado. Seit der ersten Berechnung der ­Symbiotix-Benchmark vor zehn Jahren hat der Index keine negative Jahres-Performance verzeichnet, sondern mit 2,5 bis 4,5 Prozent per annum rentiert. Und laut einer Analyse von Absolut Research erzielte beispielsweise der Dual Return Vision Fonds Local Currency aus dem Hause Absolute Portfolio Management in den vergangenen drei ­Jahren eine Wertsteigerung von 3,6 Prozent per annum, wobei die Standard­abweichung mit lediglich 0,7 Prozent beziffert wird. Der sogenannte­ Fair Trade Fund von Responsability erzielte im gleichen Zeitraum ­einen Wertzuwachs von glatt drei Prozent per annum, wobei­ die Standardabweichung hier 1,1 Prozent beträgt.

Wie bei anderen Fonds schwankt die Rendite auch im Mikrofinanz­universum mit dem Grad der Investments, die eingegangen werden. Während manche Fonds ausschließlich Kredite an MFI vergeben, ­investieren andere bisweilen auch in börsennotierte Unternehmen oder Private Equity. ­Daneben spielen bei der Performance noch ­andere ­Aspekte ­eine Rolle. Zumal das Ergebnis von Mikrofinanzanlagen letztlich nicht nur von der Bonität der Kreditnehmer abhängt, ­sondern auch vom Devisenmanagement des Vermögensverwalters. Und auch dem Investitionsgrad kommt eine zentrale Bedeutung zu.

Angebotsvielfalt hinterfragen

Wachstum ist für Edda Schröder, die geschäftsführende ­Gesellschafterin des Finanzportfolioverwalters und Fondsinitiators Invest in Visions (IVV) und einstige Chefin von Schroder Investment Management, ein wichtiges Thema. Im Gespräch mit portfolio ­institutionell erläutert die Unternehmerin, die sich seit sieben Jahren mit Mikro­finanz beschäftigt, die mittelfristige Zielsetzung für ihren IIV-Mikrofinanzfonds, den ersten in Deutschland zum öffentlichen Vertrieb zugelassenen Mikrofinanzfonds. Dessen Volumen beträgt rund 35 Millionen Euro. „Aufgrund der positiven Zuflüsse ist der Fonds derzeit nur zu etwa 67 Prozent investiert. Noch im Juli soll der ­Investitionsgrad aber die 80-Prozent-Marke knacken.“ Ab diesem ­Niveau hält Schröder die angestrebte jährliche Zielrendite von drei bis vier Prozent für machbar, zumal die auf Tagesgeldkonten und am Geldmarkt geparkte Liquidität kaum etwas abwerfen dürfte. ­Möglichst bald ­sollen dann 95 Prozent der Mittel untergebracht sein. „Wir sind auf der ­Suche nach profitablen Mikrofinanzinstituten mit nach­haltiger Ausrichtung – und nicht nach reiner Gewinnmaximierung“, erläutert Schröder die Marschroute.

Konkret richtet sich ihr Fokus auf kleine und mittlere Mikro­finanzinstitute (Tier 2 und Tier 3 genannt), die vor allem im ­länd­lichen ­Bereich tätig sind und oft nur als Kreditinstitute, nicht aber als ­Vollbanken tätig sind. Der Fonds investiert weltweit in zahlreichen ­Entwicklungsländern. In ­Osteuropa will Schröder dagegen zurzeit nicht präsent sein. Ihr ­Verkaufsargument ist neben der stetigen ­Rendite auch die geringe Korrelation zu anderen Anlageklassen, ­wodurch eine effiziente ­Diversifikation im Portfolio ermöglicht wird. Angesichts des bislang recht überschau­baren Investitionsgrades ist auch die Rendite bei IIV bescheiden. Für 2011 wird für die ­insti­tutionelle Tranche des Fonds ­eine Jahresrendite von 0,19 Prozent ­angegeben. Der niedrige Wert ­relativiert sich, wenn man bedenkt, dass der Fonds erst im Oktober 2011 aufgelegt wurde. 2012 lag die Rendite dann bei 1,47 Prozent. Im laufenden Turnus konnte bereits ein Plus von 1,42 Prozent (Stichtag 30. Juni) erzielt werden. Die Volatilität des IIV-­Mikrofinanzfonds liegt derweil bei marktüblichen 0,62 Prozent.

Regulierung wirkt stützend

Stand heute kann davon ausgegangen werden, dass das Angebotsspektrum sukzessive wächst. Nach Angaben von Dr. Carsten Fischer, Partner bei Dechert LLP, besteht bei inländischen Fondsinitiatoren Interesse, neue Vehikel für Micro Finance aufzulegen. In der Regel werden dafür bis dato überwiegend Luxemburger Fondsvehikel heran­gezogen. Das am 22. Juli in Deutschland in Kraft getretene Kapital­anlage-Gesetzbuch (KAGB) verbessert nun aber die Wettbewerbs­fähigkeit deutscher Fondslösungen, wie Fischer ausführt.

Versicherungen und Versorgungswerken, die mit einem Investment liebäugeln, rät der Jurist, insbesondere das Kapitalanlage-Rundschreiben zu beachten, das von der deutschen Finanzaufsicht Bafin zur Konkretisierung der Anlageverordnung erlassen wurde. Danach ist bei Darlehensfonds insbesondere sicherzustellen, dass die Rück­gabe der Anteile mindestens einmal innerhalb von sieben Monaten möglich ist. Ferner sind unverbriefte Darlehensforderungen im ­Spezialfondsbereich grundsätzlich auf 30 Prozent des Nettovermögens­wertes des Fonds beschränkt. „Damit sind entsprechende Mikro­finanzfonds von Versicherungsunternehmen und Versorgungs­werken grundsätzlich nicht erwerbbar. Und aktuell ist keine hiervon abweichende Verwaltungspraxis der Bafin für Mikrofinanzfonds ­bekannt“, ergänzt Fischer.

Mikrofinanzierungen sind heute in vielen Ländern an der Tagesordnung. Aber im Gegensatz zum Niveau der Kleinstkredite, etwa in Afrika und Asien, liegen die Kreditsummen in Osteuropa häufig bei vergleichsweise üppigen 10.000 Euro. Für diese Region kommt dem privat verwalteten European Fund for Southeast Europe (EFSE) besondere ­Bedeutung zu. Der von der KfW initiierte Fonds ist mit 873  ­Millionen Euro (Stand 31. Dezember 2012) einer der weltweit größten Mikrofinanzfonds. Er ist als Public-Private-Partnership-Fonds ­konzipiert und hat als Blaupause für die Konstruktion anderer Entwicklungsfinanzfonds gedient. Als strukturierter Fonds bietet EFSE drei Tranchen, die sich nach Risiko- und Renditeklassen (Senior ­Notes, Mezzanine, Junior-Tranche) unterscheiden. Die Junior C ­Shares bilden eine First-loss-Tranche und werden von Investoren der internationalen Gebergemeinschaft gehalten. Die Mezzanine-­­Tran­chen werden von Development Finance Agencies, wie der KfW ­gehalten, während die Senior Notes sowohl institutionellen Anlegern als auch Privatpersonen vorbehalten sind. Seit der Gründung im ­Dezember 2005 hat EFSE über 350.000 Kredite vergeben.

Am Ende des vergangenen Jahres summierte sich das Mikro­finanzportfolio der Kreditanstalt für Wiederaufbau auf rund 2,1 Milliarden Euro. Nach Angaben von Matthias Adler aus dem Geschäfts­bereich „KfW Entwicklungsbank“ entfallen davon 28 Prozent auf ­Südosteuropa und den Kaukasus, 21 Prozent auf Asien und elf Prozent auf die Subsahara-Region. Von untergeordneter Bedeutung sind Lateinamerika (acht Prozent), Nordafrika und der Nahe Osten mit zusammen vier Prozent. Der Rest basiert auf überregionalen Vorhaben. Wie KfW-Mann Adler gegenüber portfolio institutionell unterstreicht, wird durch die von der KfW angebotenen Anlagevehikel keine Rendite­maximierung angestrebt.

Aus Investorensicht

Ein Verfechter von Mikrofinanzinvestments ist Michael Dittrich von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die mit einem Stiftungskapital von zwei Milliarden Euro zu den größten Stiftungen in Europa zählt. Die DBU hat knapp zwei Prozent ihres Kapitals in Mikro­finanzprodukte investiert. Für Dittrich, der sich vor einigen Jahren Mikrofinanzprojekte in Indien angesehen hat, ist es wichtig, dass es sich vor Ort um erfahrene Organisationen handelt, die die Kreditnehmer, das Umfeld und die Schuldentragfähigkeit sachgerecht beurteilen. Zur Begründung sagt er: „Auch Mikrofinanzprodukte sind wie andere Kapitalanlagen ­risikobehaftet. In den Zielländern kann es beispielsweise zu Naturkatastrophen, Korruption oder Missmanagement auch in den verteilenden Mikrofinanzinstituten oder zu politischen Unruhen kommen, die eine Rückführung der Kredite beeinträch­tigen.“ Auch die eingeschränkte Korrelation sei mit Vorsicht zu betrachten. Denn bei einem massiven Einbruch in der globalen Wirtschaft könnten auch die Zielländer der Mikrokredite und ihre Banken nachteilig betroffen sein, erläutert Dittrich, der seine Affinität zu der Mikrofinanz so erklärt: „Für mich ist das eine klassische nachhaltige Kapital­anlage. Es ist sowohl eine kapitalmarktgerechte Verzinsung möglich, und man begünstigt daneben auch Entwicklungsmöglich­keiten in Schwellenländern. Insoweit kann man von einer doppelten Dividende durch die positive Wirkung der Kapitalanlagen sprechen.“

Beim Evangelischen Johannesstift hat man sich ebenfalls mit Investments im Mikrofinanzbereich auseinandergesetzt. Nach Angaben von Jens Güldner, Leiter Vermögensmanagement, hat die diakonische Einrichtung zwei Millionen Euro in eine Anleihe der KfW investiert. Ausschlaggebende Kriterien waren neben der Liquidität des Bonds auch das Rating und die Sicherheit der KfW. Darüber hinaus konnte sich das Johannesstift aber zu keinen weiteren Anlagen durchringen, was Güldner mit der eingeschränkten Liquidität bei Fonds in diesem Segment begründet. Und auch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) hat sich gründlich mit Mikrofinanz ­beschäftigt – ein Investment im Top-Segment (Tier 1/Tier 2) wurde inzwischen jedoch wieder liquidiert. Das Instrument stellte nach Angaben von Ann-Grit Schulze, Referentin für Finanzen bei der Stiftung EVZ, ein Instrument zur Bekämpfung von moderner Zwangsarbeit dar. Für die Stiftung stand die soziale Rendite im Vordergrund, so dass der Ertragsaspekt grundsätzlich vernachlässigbar sei. „Dennoch wurde intern zunehmend die Profitabilität des Fonds diskutiert, da nicht zuletzt hohe Verwaltungs- und Managementgebühren zum ­Tragen kamen“, wie Schulze erläutert. „Zudem nahm das Fonds­volumen durch eine Änderung in der Management- und Vertriebsstruktur stark ab, so dass wir aus Risiko­aspekten in Bezug auf ­Illiquiditätsrisiken das Investment veräußern mussten.“

Subprime auf Indisch

Nach Angaben von Philip Mader vom Max-Planck-Institut für ­Gesellschaftsforschung in Köln, der mit Hunderten von Kleinkreditnehmern in den Slums von Andhra Pradesch Gespräche führte, hatten im Jahr 2008 nicht weniger als 16 Prozent aller Einwohner dieses indischen Bundesstaates, dem Kernmarkt der indischen Mikrofinanz, mindestens einen Minikredit, wie er in einem Fachbeitrag für die ­Börsen-Zeitung (2010) ausführte. Viele Mikrofinanzinstitute seien in immer härtere Konkurrenz um Marktanteile geraten: „Ähnlich wie die Banken im US-Subprime-Kreditmarkt vor wenigen Jahren versuchten sie, selbst nicht kreditwürdige und hochverschuldete Arme mit immer größeren Krediten zu locken und zu halten.“ Gegenüber portfolio institutionell stellt er heute die Entwicklung des Sektors nicht weniger kritisch dar: „Muhammed Yunus, der Friedensnobelpreisträger, hat vor ein paar Jahren gesagt, dass seines Erachtens die ­Grenze zwischen Mikrofinanzierern und Kredithaien bei 20 Prozent zu ­ziehen ist. Leider liegt der Großteil des Sektors, den er mitbegründet hat, weit darüber, was nicht einmal unbedingt am Profitgedanken liegt, sondern daran, dass es einfach sehr teuer ist, solche kleinen ­Kredite zu verwalten und wöchentlich einzutreiben.“

Skeptisch führt Mader aus, dass Mikrokredite aus Sicht der ­Armen eine sehr teure Art der Hilfe seien. Im Hinblick auf Sektorstudien kommt der Forscher zu der Schlussfolgerung: „Leider hat, im Gegensatz zum populären Mythos eines Allheilmittels gegen Armut, keine methodisch fundierte Studie bis heute nachweisen können, dass Mikro­finanzierung Armut reduziert.“

Fazit: Wenn institutionelle Investoren etwas Gutes tun möchten, ­stoßen Sie auf ein umfangreiches Angebot an Mikrofinanzprodukten. Diese Anlagen können im Portfoliokontext für eine sinnvolle ­Bei­mischung sorgen und stetige Renditen abwerfen – bei moderater ­Volatilität. Damit ist aber nicht gesagt, dass die Darlehensvergabe aus Sicht der Kreditnehmer von nachhaltigem Erfolg gekrönt ist.

portfolio institutionell, Ausgabe 7/2013

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