Schwarzer Schwan
19. April 2013

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten

Nach außen biedere schwäbische Kaufleute, tatsächlich aber abgezockte Finanzjongleure: Oberschwaben ist das Hedgefonds-Paradies Deutschlands!

Oberschwaben ist ein frommes Fleckchen Erde. Hier findet in Weingarten alljährlich an Christi Himmelfahrt der Blutritt statt, bei dem einige Tropfen des Bluts Jesu Christi dem staunenden Pilgervolk gezeigt werden. In Blaubeuren, Ehingen und Ulm wurde nun auch das Gleichnis von den anvertrauten Talenten in einer modernen Fassung aufgeführt. Im neutestamentarischen Original schildert Jesus einen Herrn, der seine drei Knechte reich mit finanziellen Mitteln ausstattet und nach seiner Rückkehr von einer Reise Abrechnung hält. In der neuzeitlichen Version erinnert Oberschwaben an ein Hedgefonds-Paradies, und das Stück wird aufgeführt von Laiendarstellern.
In diesem spielte sich folgendes ab: Es begab sich zu der Zeit, als König Ferdinand im fernen Wolfsburg den Kurs der VW-Aktie auf über 1.000 Euro schickte. Da kam der Blaubeurer Kaufmann Adolf Merckle, mit finanziellen Mitteln reich ausgestattet, auf die Idee, im Rahmen einer Global-Macro-Strategie VW-Papiere zu shorten. Zu der Zeit, als der Schweizer Franken wie von allen irdischen Lasten befreit in den Himmel schoss, entschloss sich  der Ulmer Drogerist Erwin Müller, mit finanziellen Mitteln reich ausgestattet, im Rahmen eines großen Currency Trade gegen den Franken zu wetten. Anders als im Original-Gleichnis gingen die Spekulationen jedoch schief. Müller verlor 235 Millionen Euro (Buchverlust), Merckle das Leben. 
Und der dritte Knecht? Zu der Zeit, als sein Drogerieimperium wackelte, machte der Ehinger Kaufmann Anton Schlecker, einst mit finanziellen Mitteln reich ausgestattet, zu lange dasselbe, nämlich nichts. Wie im Gleichnis ging er seines Geldes also verlustig. Denn laut Wikipedia-Interpretation erfährt sich der Mensch als talentiert, mit Gaben ausgestattet, die er „in Treue“ zu verwalten und zu mehren hat. Es besteht das Risiko ihres Verlustes, sollten sie nicht zum Einsatz kommen. „Haben“ bedeutet also über Talente zu verfügen und mit ihnen zu wirtschaften. 
Dazu passt, dass die Handelnden, Erwin Müller und die Familie von Adolf Merckle, einen Großteil ihres Vermögens retten konnten. Es wäre aber vermutlich besser gewesen, sie hätten ihre Talente nicht als Hedgefonds-Laiendarsteller, sondern als Kaufleute genutzt. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio institutionell ein sonniges Wochenende.
Autoren:

In Verbindung stehende Artikel:

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.