Schwarzer Schwan
2. März 2018

Das große Latinum

Alle reden über Mifid II. Lesen Sie hier, was wirklich dahinter steckt.

Die deutsche Papierindustrie kann für 2017 eine im Schnitt positive Bilanz ziehen und sieht optimistisch in die Zukunft. Das erklärte der Präsident des Verbandes Deutscher Papierfabriken (VDP), Winfried Schaur, vorige Woche auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes. Der Umsatz der Branche stieg im vergangenen Jahr um 3,2 Prozent auf 14,7 Milliarden Euro. Offenbar kann die von vielen nachhaltig denkenden Unternehmen verfolgte Kampagne "Think before you print", also: "Erst denken, dann drucken" den Papierfabrikanten nichts anhaben. 
Aufforderungen wie diese werden seit geraumer Zeit an E-Mails angehängt. Das Ulmer Institut für Umweltforschung hat nach Angaben des vertrauenswürdigen Informationsdienstes „Der Postillon“ schon 2013 herausgefunden, dass Signaturen dieser Art am Ende einer E-Mail nur in etwa 0,000034 Prozent aller Fälle dazu führen, dass der Empfänger tatsächlich innehält, nachdenkt und zum Entschluss kommt, dass er die elektronische Nachricht nicht in ausgedruckter Form benötigt.
99 von 100 E-Mail-Empfängern ignorieren oder übersehen den Warnhinweis und drucken ihn zur Freude der Papierhersteller einfach mit. Da der Warnhinweis in vielen Fällen zu einem Seitenumbruch führt, wird dabei stets ein Blatt Papier mehr bedruckt als ursprünglich benötigt. Und dennoch: Die fortschreitende Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und bringt die Papierhersteller in arge Nöte, weil jeder alles nur noch elektronisch macht. 
Unbestätigten Gerüchten zufolge kann sich die deutsche Papierindustrie aber dank einer bis dato kaum thematisierten Kooperation mit der Europäischen Union über Wasser halten: Das Geheimprojekt trägt den internen Code „2014/65/EU“ und wird der Bevölkerung als EU-Regulierungsvorhaben „Mifid II“ verkauft. Dabei geht es vordergründig um eine Harmonisierung der Finanzmärkte im europäischen Binnenmarkt. Doch in Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine Art zeitlich unbefristetes, ja sogar ausbaufähiges Konjunkturprogramm für die immer mehr unter der Digitalisierung leidende Papierindustrie. 
Bernd Wittkowski von der Börsen-Zeitung ist es in dieser Woche gelungen, die Kooperation von EU und Papierfabrikanten schwarz auf weiß zu belegen. Das langjährige Mitglied der Chefredaktion der Börsen-Zeitung berichtete von der Bilanzpressekonferenz der hessisch-thüringischen Sparkassen. Dort bot Verbandschef Gerhard Grandke Anschauungsunterricht in Sachen Mifid II. 
Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein Kunde will im Rahmen einer Beratung erstmals Wertpapiere kaufen. Er erhält die Mifid-Broschüre: 32 Seiten mit Informationen zur Sparkasse und ihren Leistungen sowie exemplarischen Kostenberechnungen. Es folgt die Depoteröffnung mit einem vierseitigen Vertrag. Mit dem vierseitigen Wertpapierhandelsgesetzbogen werden die Kundenangaben aufgenommen, auch zu Kenntnissen und Erfahrungen im Wertpapierbereich. Anschließend werden die ,,Basisinformationen über Wertpapiere und weitere Kapitalanlagen‘‘ überreicht: weitere 200 Seiten, die die Papierindustrie auf ihrem Umsatzkonto verbuchen kann. 
Verhältnismäßig wenig Geschäft machen die Papierfabrikanten mit der zweiseitigen ,,Geeignetheitserklärung‘‘ (sie dokumentiert, wenn ein konkretes Produkt zur Anlage vorgeschlagen wird), dem bis zu vier Seiten starken EU-Basisinformationsblatt sowie der nun auch noch vorgeschriebenen aber völlig sinnfreien Ex-ante-Kosteninformation. Doch die EU wäre nicht die EU, hätte sie nicht noch einen Joker im Ärmel, mit der die darbenden Papierfabriken besser ausgelastet werden können. Wittkowski schreibt: „Will der Kunde etwa einen offenen Immobilienfonds kaufen, bekommt er bei Wahl der Papierform noch den Verkaufsprospekt und den Jahresbericht des Fonds in die Hand gedrückt: locker 200 oder mehr Seiten.“
Und da sage noch einer, die Europäische Union sei mit ihrem Latein und überhaupt am Ende. 
Think before you print.  
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