Strategien
6. November 2020

Das große Missverständnis

Bei nachhaltigen Kapitalanlagen geht es nicht per se um die ­Förderung von Nachhaltigkeit – sondern darum, massive ­finanzielle Kollateralschäden effektiver Nachhaltigkeitsbemühungen in der Realwirtschaft abzumildern. Ein konsequenter Fokus auf Risiken ist hier der richtige Ansatz.

Dieser Tage reiben sich viele mit Blick auf die aktuelle Debatte um nachhaltige Investments die Augen. Hartgesottene ­Investmentprofis, die ihr Leben lang ihren Job im Wesentlichen als das Management von Risiko und Rendite betrachteten, müssen sich nun von ihren Vertriebsabteilungen erklären lassen, dass sie ihre Redeweise doch bitte etwas anpassen mögen, um nicht als allzu aus der Zeit ­gefallen aufzufallen. Und gehen nun mit schrecklich grünen Werbebroschüren hausieren, in denen sie – neben der weiterhin risikoadjustiert maximierten Ertragsgenerierung – als erfreulichen ­Nebeneffekt die Rettung der Welt anpreisen. Mitunter appellieren nun auch Umweltaktivisten und Gewerkschaftler an die gleichen Portfoliomanager, die gestern noch fossilen Firmen den Rücken stärkten und das Management zu ­operationellen Kostensenkungen drängten, sich künftig im Rahmen von Engagements für mehr Umweltschutz einzusetzen. Ziehen denn auf einmal alle an einem Strang und lösen sich – angesichts des Drucks der globalen Probleme – ­alle alten und neuen Interessenskonflikte in Wohlgefallen auf?

Offensichtlich ist hier viel Greenwashing am Werk und das alte Spiel mit Sein und Schein, welches Marketingabteilungen nun an veränderte Regulatorik und Kundenbedürfnisse anpassen, entfaltet sich auch hier in voller Pracht. Doch liegt am Grunde der ganzen Verwirrung weit mehr als diese mehr oder weniger leicht ­durchschaubaren Täuschungen, welche sich hoffentlich im Zuge stärkerer Standardisierung und Professionalisierung des ­Marktes nachhaltiger Anlagen ein wenig legen: nämlich ein großes ­Missverständnis. Das Missverständnis liegt darin, dass das primäre Ziel der ­Berücksichtigung von ESG-Kriterien im Investment­prozess darin besteht, mittels diesen eine realwirtschaftliche ­Wirkung (wie eine Senkung der CO₂-Emissionen) zu erzielen, etwa ­indem nachhaltige Unternehmen belohnt und nicht-nachhaltige Unternehmen bestraft werden. Die weitaus weniger glamouröse, aber wichtigere Funktion nachhaltiger Kapitalanlagen besteht darin, dass sie einen ersten Versuch darstellen, gewaltige (etwa durch den Klimawandel entstehende) Risiken, welche die Zukunftsfähigkeit kapitalgedeckter Altersvorsorge und die Stabilität des Finanzsystems insgesamt bedrohen, halbwegs beherrschbar zu machen. Sprich: Die hauseigenen Probleme des Finanzsektors zu lösen.

In der Tat sind staatliche Akteure nicht ganz unschuldig, die ­Illusion aufrechtzuerhalten, beim Thema Sustainable Finance ­ginge es primär um die Ausübung einer Lenkungsfunktion in der Realwirtschaft. 180 Milliarden Euro jährlich, so hat die europäische Kommission ausgerechnet, müssen an Investitionen allein in den Klimaschutz fließen. Klar ist, dass dieses Kapital angesichts des Unwillens oder des Unvermögens zahlreicher Regierungen, dafür zu annähernd hohen Besteuerungsniveaus wie noch zu Zeiten des Wirtschaftswunders der 1950er zurückzukehren, nur unter ­kräftiger Mitwirkung des privaten Sektors aufgebracht ­werden kann. ­Regulatorische Initiativen wie die Offenlegungs-Verordnung und die Taxonomie-Verordnung, welche versuchen, auf sanftem Wege über die Etablierung von Standards nachhaltige Investments voranzutreiben, werden so tatsächlich als Mittel zu diesem Zwecke ­angesehen. Mit unklaren Erfolgsaussichten. „Eine Wirkung nachhaltiger Anlagen kann sich nur durch Additionalität ergeben“, so der ehemalige FNG-Vorstand Frank Wettlauffer. „Also nur dann, wenn sich ein Grenzinvestor entscheidet, ein grünes ­Investment zu tätigen, vor dem andere zurückschrecken.“ Bei ­liquiden ­Märkten sei dies schwer einzulösen. Der Fokus auf ­Wirkung ist zudem verkürzt, suggeriert er doch tatsächlich, dass funktionierender ­Klimaschutz vor allem darin besteht, neben ­bestehende Kohlekraftwerke einen Windpark zu setzen, sowie den motorisierten Individual­verkehr durch neue digitale Infrastruktur zu ergänzen.

Denn bei der Dynamik, welche Finanzmärkte in Puncto Nach­haltigkeit erfasst hat, geht es eben nicht nur um die Frage, ob sich grüne Investitionen finanziell rechnen. Sondern in erster Linie um die Frage, was mit sich aktuell rechnenden braunen Investitionen in einer politischen ungewissen Zukunft passiert. Um ein plastisches Beispiel zu geben: Die Mineralölkonzerne Shell und BP ­committeten sich im Frühjahr 2020, bis 2050 klimaneutral zu ­werden. Eine Analyse der Financial Times rechnete im Februar 2020 aus, was das mit Blick auf die gesamte Öl- und Gaswirtschaft bedeuten würde: Auf 900 Milliarden Dollar oder ein Drittel des ­Firmenwerts schätzte sie den Wert der Assets in Unternehmens­bilanzen, welche nicht verfeuert werden dürfen, um innerhalb der Emissionsgrenzen eines 1,5-Grad-Szenarios zu bleiben. Angesichts dieser Zahlen lässt sich fragen: Wie renditeträchtig müssen zukünftig getätigte Investitionen in neue Technologien und ­Erneuerbare Energien sein, um diese ­potentiellen Abschreibungen auch nur auszugleichen – geschweige denn, um eine üppige ­Dividendenrendite wie in der Vergangenheit auszuschütten? Dies lässt nur einen Schluss zu: Effektiver Klimaschutz führt in erster Linie zu gewaltigen Abschreibungen auf das Kapital fossiler ­Unternehmen. Dass diese Botschaft auf den ­wenigsten Werbe­broschüren steht – schon gar nicht auf denen von nicht-nachhaltig gemanagten Produkten – verwundert nicht.

Gleichwohl ergibt sich diese Perspektive, wenn man die Publikationen von Zentralbanken, Aufsichtsbehörden sowie Investorenzusammenschlüssen wie PRI konsultiert. Die Rede ist in diesem Fall vor allem von einem: Risiken. Ob Klimawandel, politische Risiken durch soziale Spannungen oder demographischer Wandel hin zu einer stärker nachhaltigkeitsbewussten Generation: Die Auswirkungen sind materiell und von bisherigen Finanzkennzahlen fast nicht ­erfasst. Nun sind aber Risiken tatsächlich nicht etwas, was professionell tätigen Finanzexperten fremd sein sollte, vor allem wenn ­ihnen – wie im Falle des Klimawandels – bei Nicht-Anpassung der Portfolien sowohl im Erfolgsfalle globaler Bemühungen (CO₂-Steuer, Kohleausstieg, Ende des Verbrennermotors) als auch im Scheiternsfall (New York und Mumbai unter dem Meeresspiegel) ihre Portfolien um die Ohren fliegen. Aus der daraus gewonnenen Erkenntnis rührt die anziehende Aktivität der sich um Finanzstabilität sorgenden Aufsichtsorgane ebenso wie die der Investment­branche, die langsam Einsicht in einen blinden Fleck gewinnt.

Wieso aber dann die schrecklich grünen Werbebroschüren? Natürlich ist man hier schnell wieder beim Spiel der Marketing­abteilungen, welchen die Rettung der Welt als der interessantere Pitch erscheint als die dröge Botschaft: „Wir halten beim Risiko­management die Augen offen und erweitern massiv unseren Blick­winkel.“ Aber nicht nur. Denn neben dem wachsenden Sektor der (oftmals illiquiden) Impact-Investments, die tatsächlich versuchen messbar zu machen, welche Wirkung zusätzliches Investment in gesellschaftlichen relevanten Bereichen tatsächlich entfaltet, ergibt sich aus Risikomanagementsicht eine elementare Bedeutung, ­möglichst schnell möglichst viel Kapital aus risikobehafteten Bereichen in zukunfts­fähige Wirtschafts­bereiche zu lenken. Wer diese verstehen will, muss politisch ­denken. Denn in dem Maße, wie Kapital weiterhin in gewaltigem Maße in braune Assets investiert wird, erschwert oder verun­möglicht dies eine effektive politische Transformation. 2,7 ­Billionen Dollar, so eine NGO-Studie im Frühjahr 2020, haben ­allein 35 ­globale Banken seit der Unterzeichnung des Pariser Klima­ab­kommens in fossile Energien investiert. Dies ist entweder als Naivität oder aber – schlimmer noch – als ­bewusste Spekulation gegen die politische Handlungsfähigkeit zu werten, das Abkommen tatsächlich umzusetzen. Denn diese Vermögenswerte, die beispielsweise bei effektiver Umweltregulierung in ­großem Maße als Stranded Assets abgeschrieben werden müssten, tauchen im Kalkül politischer Entscheidungsträger als Kosten auf, welche von gesellschaftlichen Kräften zu tragen sein werden.

BIS warnt vor „Green Swan Events“

Liest man einen Report der BIS aus dem Januar 2020, ist nicht ­auszuschließen, dass dies am Ende Zentralbanken – und nicht ­etwa die globalen Banken – sein werden. Gravierende Folge des Missachtens von ökologischen Risiken könnte sein, dass aus dem ernstgemeinten Versuch, gegen ökologische Probleme mittels ­Regulierung vorzugehen, eine Finanzkrise folgte: „Das Folgen der gegenwärtigen Trends könnte die Zentralbanken in die Lage von ‚climate rescuers of last resort‘ versetzen, was unhaltbar würde, da Geld- und Finanzströme wenig gegen die irreversiblen Auswirkungen des Klimawandels ausrichten können.“ Der BIS-Bericht ­konkludiert: „Mit anderen Worten: Eine neue, durch den Klimawandel ausgelöste globale Finanzkrise würde Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden machtlos machen.“ Keine schöne ­Aussicht für Versicherungen und Pensionskassen, die an einmal mehr vor allem durch Zentralbanken ­funktionstüchtig gehaltenen Kapitalmärkten anlegen müssen. Das moralisch problematischste an braunen Investments ist somit nicht per se, dass dadurch fossilen Unternehmen Kapital bereitgestellt wird, sondern dass fossile ­Investoren über ihre systemrelevante Funktion im globalen Finanzsystem die Gemeinschaft quasi in Geiselhaft nehmen können – ganz ähnlich wie große Banken in der globalen Finanzkrise 2008. Wenn dies nicht geschieht und ein schneller Ausstieg gelingt, ohne ­Altersvorsorge und Finanzstabilität zu gefährden, haben sich die schrecklich grünen Werbebroschüren doch gelohnt.

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