Schwarzer Schwan
21. Juli 2017

Das große Rad

Als institutioneller Investor sind Sie es gewohnt, mit großen Zahlen umzugehen, sich mit führenden Anbietern zu umgeben und überhaupt ein großes Rad zu drehen. Dass auch kleine Häuser ein großes Rad drehen können, hat ein Redaktionsgespräch hier im Verlag jüngst bewiesen.

Die Geschichte beginnt, als das Jahr 2008 gerade endet. Sicher erinnern Sie sich noch gut an die Zeit: Die Finanzkrise kochte gerade so richtig hoch, wie das Beispiel „Daimler“ belegt. Der Autobauer hatte zu jener Zeit arge Geldsorgen und musste seinen Gläubigern notgedrungen einen Kupon von neun Prozent bieten, um überhaupt noch an fresh money zu gelangen, während der Bär an den Aktienmärkten steppte. Doch das hielt die Jungspunde Henrik Muhle und Dr. Uwe Rathausky im beschaulichen Aschaffenburg nicht davon ab, ihr Erspartes zusammenzukratzen und am 15. Dezember 2008 mit ihrem eigenen Mischfonds an den Start zu gehen – und damit kurzerhand in die Anleihen von Daimler zu investieren. 
Mit mentaler Starthilfe der damals schon renommierten Acatis Investment GmbH von Dr. Hendrik Leber, die man für den Vertrieb einspannen konnte, und Seed Money von Hauck & Aufhäuser hatten die angehenden Asset Manager viel Verstand bewiesen – und noch mehr Glück gehabt. Beide Unternehmer waren damals so um die 30 Jahre alt. 
Spiritualität und ausgebuffte Ideen 
Kurz zuvor hatten sie ihr eigenes Unternehmen gegründet, dessen Namen so gar nicht in die Finanzwelt zu passen scheint: Gané AG. Die Namensfindung orientiert sich an der Gottheit Ganesha, in der indische Kaufleute ihren Schutzpatron sehen und die für Weisheit und Scharfsinn steht. Weniger spirituell, sondern eher ausgebufft  ist der Value-Ansatz von Muhle und Rathausky, den sie mit einer ereignisorientierten Herangehensweise kombinieren –  ein „Event-driven-Hedgefonds“ arbeitet nicht viel anders. 
Doch wie war das damals? Fasziniert vom Anlageerfolg eines Warren Buffett und dessen legendärer Partnerschaft legten die Gründer los. Zweck der Gesellschaft war und ist die Umsetzung eines Investmentansatzes, den die beiden Vorstände und Hauptgesellschafter bereits vor der Gründung der Gané AG gemeinsam entwickelt und stetig verbessert haben. Seither steht Gané für qualitativ hochwertiges Value-Investing und eine kontrollierte Mehrung des Kapitals, sagt Henrik Muhle heute, auch wenn er einräumt, dass in den Anfangsjahren als selbstständiger Unternehmer alles doppelt so lange gedauert habe und doppelt so schwer gewesen sei. 
Gut, wenn man ein stabiles Netzwerk hat. Mentale Unterstützung bezog man nicht nur von Dr. Hendrik Leber und weiteren renommierten Mitgliedern des eigenen Anlageausschusses, sondern auch von André Kostolany, der gesagt haben soll, nicht reich müsse man sein, sondern unabhängig. „Unabhängigkeit habe ich auch, wenn ich wenig Geld ausgebe“, sagt Henrik Muhle nicht ohne Stolz und betont: „Wir geben auch heute noch abgrundtief wenig Geld aus“. Die Büromöbel in der ersten Firmenzentrale stammten aus der Insolvenzmasse einer anderen Firma. Die Büromiete habe anfänglich bei sieben Euro je Quadratmeter gelegen. Und den Fondsprospekt habe man seinerzeit selbst geschrieben – das habe 50.000 Euro Kosten für Rechtsanwälte gespart. 
Überwinde die Todeszone
Das Konzept geht auf. Während der erste Halbjahresbericht des Acatis Gané Value Event-Fonds gerade einmal sechs Seiten umfasst und das darin ausgewiesene Fondsvermögen zum Stichtag 31. März 2009 maue 1.612.921,80 Euro schwer ist, waren es 18 Monate später schon 13 Seiten und 51,2 Millionen Euro. Inzwischen bringt es das Anlagevehikel mit seinen insgesamt vier Tranchen auf knapp das 30-Fache dessen. Wenn das kein Schwarzer Schwan ist? 
Beflügelt von der generellen Nachfrage nach Mischfonds öffneten sich für Muhle viele Türen im semi-institutionellen Bereich, wie er inzwischen weiß. „Die Hemmschwelle, einem Anbieter von Mischfonds Geld anzuvertrauen, der noch nicht so viel Track Record hat, ist wesentlich geringer als früher.“ Aber man müsse transparent arbeiten und die Rendite stimmen. 
Rückblickend zieht Henrik Muhle ein bemerkenswertes Fazit: „2009 war ein mieses Jahr, um Geld einzusammeln, aber ein hervorragendes Jahr, um Rendite zu machen. Aber ich rate jedem, sein Fondsprojekt einzustellen, wenn er nicht mindestens die Todeszone von zehn Millionen Euro überwindet.“ 
Bis heute liegt dem Unternehmer viel daran, die Kosten im Zaum zu halten. Man fahre besser, sagt Muhle daran anknüpfend, „wenn man nicht laufend angerufen wird, wenn man kein allzu großes Team hat. Und man fährt besser, wenn man nicht den Druck einer großen Organisation hat. Wir wären auch mit 100 Millionen Euro Fondsvolumen profitabel. Zeigen Sie mir die Gesellschaft, die auch nur einen Mittelabfluss von 50 Prozent verkraften kann.“ Man habe davon Abstand genommen, eine große Organisation aufzubauen, sagt Muhle zum Schluss des Gesprächs. „Ob das so bleibt, weiß ich nicht.“  
Am Ziel indessen habe sich nichts geändert. Man wolle eine aktienähnliche, aber kontinuierliche Rendite erzielen, die die Anleger in allen Börsenphasen ruhig schlafen lässt. Dass es im Tagesgeschäft – etwa bei Geschäftsessen mit Vorständen börsennotierter Unternehmen – auch mal etwas ruppiger zugehen kann, wenn man kritische Fragen Muhles nicht beantworten möchte, ist Teil des Systems. 
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einmal mehr ein schönes Wochenende. 
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