Investoren
10. Mai 2022

Das Land der unbegrenzten Anlagemöglichkeiten

In den USA gibt es zahlreiche Superlative in der Kapitalanlage. Angefangen bei den hochliquiden Finanzmärkten über viele selbstbewusste Pensionseinrichtungen bis hin zu erstaunlichen Aktienquoten. Das ist kein Zufall. Vermögensaufbau, Altersvorsorge und Wirtschaftsförderung gehen Hand in Hand.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind mit großem Abstand der bedeutendste Markt für die kapitalgedeckte Altersversorgung. Das geht aus der „Global Pension Assets Study 2022“ des Thinking Ahead Institute hervor. Sie beleuchtet 22 der unter Rentengesichtspunkten führenden Länder, darunter neben den USA auch Japan, Großbritannien, die Niederlande und Australien. Wie die Untersuchung verdeutlicht, ist das Kapital, das für Millionen heutiger und künftiger Pensionäre von elementarer Bedeutung ist, am Jahresende 2021 auf den Rekordwert von 56,6 Billionen US-Dollar gewachsen. Das ist ein ordentliches Jahresplus von 6,9 Prozent.

Als Markt mit dem größten Pensionsvermögen nehmen die USA in der Studie eine Schlüsselrolle ein, wenn es um den Vermögensaufbau geht. Dank jahrzehntelanger Anstrengungen bei der kapitalgedeckten Altersversorgung entfallen heute 62 Prozent des verwalteten Pensionsvermögens der 22 betrachteten Nationen auf die größte Volkswirtschaft der Welt mit ihren rund 330 Millionen Einwohnern. Anders ausgedrückt: Ein Land, das nur 4,2 Prozent der Weltbevölkerung stellt, hält fast zwei Drittel der globalen Pension Assets.

In diesem Zusammenhang gibt es weitere Superlative im Bereich des institutionellen Asset Managements: 17 der 50 größten Endanleger stammen aus den Vereinigten Staaten, wie eine andere Studie des Thinking Ahead Institute zeigt, darunter etwa das California Public Employees Retirement System (Calpers). Zum Vergleich: Andere reiche Nationen wie Kanada, China, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Niederlande konnten jeweils nur drei Großanleger aufbieten.

Aktienquoten schrumpfen seit 20 Jahren

Doch zurück zur Global Pension Assets Study 2022. Die Untersuchung ermöglicht tiefe Einblicke in die Portfolios der Top-Anleger und in die Trends, die sie setzen. So ist beispielsweise die Aktienquote der Investoren in den 22 betrachteten Märkten seit Beginn des neuen Jahrtausends von 61 Prozent auf 45 Prozent geschrumpft. Das überrascht nicht. Schließlich entwickelt sich das Angebot alternativer Investments seit Jahren rasant und zieht frisches Kapital an. Das gilt insbesondere für Immobilien und Infrastruktur (Eigen- und Fremdkapital), bis hin zu Hedgefonds, Corporate Private Equity sowie Private Debt in den unterschiedlichsten Ausprägungen.

Ein anderer Investmenttrend macht deutlich, dass Pensionsanleger rund um den Globus nicht nur den Anteil von Aktien als Ganzes, sondern auch das Subsegment der Dividendentitel aus ihrem Heimatland herunterfahren – um die Equity-Position globaler auszurichten. Auch das soll Risiken senken und Chancen erhöhen. Laut der aktuellen Global-Pension-Assets-Studie sank die Gewichtung inländischer Aktien (gemessen am gesamten Equity-Bestand) in den betrachteten 22 Ländern im Durchschnitt von 66,6 Prozent im Jahr 2001 auf 37,7 Prozent. Vorreiter hier ist Kanada. In dem Land, dessen Einkommen sich vor allem auf konjunktursensitive Rohstoffe, Industrie und Landwirtschaft stützt, ging der Anteil einheimischer Aktien binnen 20 Jahren von über 60 auf etwa 20 Prozent zurück.

Amerikaner pflegen ihren Home Bias

Die US-Amerikaner machen den Trend nicht mit. Vielmehr pflegen sie ihren Home Bias mit Hingabe. Zwar sank der Anteil einheimischer Aktien ab dem Beginn des neuen Jahrtausends zunächst auch hier. Doch seit einiger Zeit schon verharrt er bei gut 60 Prozent. Auf Portfolioebene ergibt sich daher im Durchschnitt folgende Struktur: Laut einer im Januar 2022 veröffentlichten Studie von Wilshire Consulting, deren Zahlen aktueller sind, als die der Pensionsstudie, halten staatliche US-Pensionsfonds satte 30 Prozent ihres Investmentbestands in inländischen Aktien. 22 Prozent entfallen auf festverzinsliche Wertpapiere, 18 Prozent auf internationale Aktien, zwölf Prozent auf Sachwerte und je neun Prozent auf hochverzinsliche Wertpapiere und Private Equity.

Die USA spielen vermutlich auch in Zukunft eine Schlüsselrolle in den Portfolios in- und ausländischer Investoren. Einerseits sind die US-Aktienmärkte die größten der Welt und gehören nach Angaben der Finanzmarkt-Vereinigung Sifma zu den tiefsten, liquidesten und effizientesten überhaupt. Laut der Statistik entfielen Ende vergangenen Jahres 42 Prozent der globalen Aktienmarktkapitalisierung von insgesamt 125 Billionen Dollar auf die US-Aktienmärkte. Das ist das 3,6-fache des zweitgrößten Marktes China und mag erklären, warum US-Aktien für die nordamerikanischen Großanleger so bedeutsam sind. Echte Alternativen gibt es einfach nicht.

Marija Veitmane, die für das Investmenthaus State Street von London aus die Märkte beobachtet, sieht die Sache so: „Damit US-Investoren Kapital ins Ausland verlagern können, muss diese Region nicht nur ein hervorragendes Renditepotenzial bieten, sondern auch Sicherheit und Stabilität.“ Wenn man sich nun andere große Märkte wie China, Europa, Japan und Hongkong vor Augen führt, fallen einige durch das Raster, China etwa und aktuell auch Europa. Bei State Street bevorzugen sie weiterhin US-Aktien gegenüber europäischen. Das liegt am Krieg in der Ukraine, steigenden Energiekosten und absehbaren Versorgungslücken für europäische Firmen. US-Konzerne seien sehr stabil, liquide und hätten robuste Gewinnaussichten. Für US-Pensionsfonds gibt es also keine Gründe, Aktien im Ausland zu kaufen.

Blick in die Anlagepraxis

Umfangreiche Positionen an US-Aktien halten zum Beispiel der New York State Common Retirement Fund und das State of Wisconsin Investment Board. Sie sind die zwei größten staatlichen Investitionsplattformen in den USA – also institutionelle Investoren, die in einem bestimmten Staat ansässig sind oder aus einer Branche stammen, und die mit der Verwaltung und Anlage eines Kapitalpools aus diesem Staat oder Sektor betraut sind. In diese Kategorien können Pensionsfonds ebenso fallen wie Staatsfonds und andere Anlageorganisationen.

Beim New York State Common Retirement Fund sind sie ziemlich selbstbewusst und bieten nach eigener Darstellung „Rentensicherheit“ für über eine Million Mitglieder, Rentner und Leistungsempfänger aus den Reihen der einheimischen Staats- und Kommunalbediensteten. Doch wo kommt diese Zuversicht her?

Ein Blick in die Bilanz zeigt, dass der Pensionsfonds, der zugleich eine staatliche Investitionsplattform ist, das am 31. Dezember 2021 zu Ende gegangene Quartal mit einem geschätzten Vermögen von 279,7 Milliarden Dollar abgeschlossen hat. An dem Stichtag hatte der Fonds etwas mehr als die Hälfte seines Vermögens (51,4 Prozent) in öffentlich gehandelte Aktien investiert. Die andere Hälfte besteht aus Barmitteln, Anleihen und Hypotheken (22,4 Prozent), Private Equity (12,4 Prozent), Immobilien und Realvermögen sowie Krediten. Investments vor der eigenen Haustür sind fester Bestandteil der Allokation.

Pensionsfonds fördern lokale Unternehmen

Wie der New York State Common Retirement Fund hervorhebt, spielt sein Kapital „eine bedeutende und vorteilhafte Rolle in der Wirtschaft des Staates New York“. Auf der Suche nach „solider“ Rendite fließt das Kapital zwar „in jeden Winkel des Staates“. Wann immer möglich, soll der Fonds aber in Unternehmen investieren, die in New York operieren. Das soll dort das Wirtschaftswachstum ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen. Im Geschäftsjahr 2020/21, das am 31. März vorigen Jahres zu Ende ging, verbuchte der Fonds eine Jahresrendite von 33,5 Prozent. Warum also in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.

Dieses Motto verfolgen sie auch im Mittleren Westen – beim State of Wisconsin Investment Board. Die 1951 gegründete Organisation ist für die Verwaltung mehrerer staatlicher Treuhandfonds verantwortlich. Und im Asset Management kommt ein ausgefeiltes Konzept zum Tragen: Eigenen Angaben zufolge hat die Investmentgesellschaft „eine disziplinierte, umsichtige und innovative Anlagestrategie entwickelt, die darauf ausgelegt ist, eine Vielzahl von wirtschaftlichen Umfeldern zu überstehen“. Mit diesem Plan verfolgen sie in Wisconsin mehrere Ziele: Einerseits sollen die Renten der Mitglieder geschützt werden, andererseits sollen ihre Beiträge für die Ruhestandsplanung stabil bleiben. Und unter dem Strich soll (natürlich) eine angemessene Rendite hängen bleiben.

Beteiligungen an Firmen aus der Umgebung

Zum 31. Dezember 2021 verwaltete das State of Wisconsin Investment Board ein Vermögen von mehr als 165,6 Milliarden Dollar. Wichtigste Säule im Portfolio der mehrfach preisgekrönten Organisation sind Aktien mit einem Anteil von 51 Prozent (Stand 2020). Der Rest ist breit gestreut (und dabei auch mit Fremdkapital gehebelt) über Zinsträger, Privatmarktanlagen und Immobilien. Ebenso wie beim New York State Common Retirement Fund sind auch beim State of Wisconsin Investment Board Beteiligungen an Firmen aus der Region Alltag.

Inzwischen flossen bereits fast 25 Milliarden Dollar in Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern. Bei der Umsetzung des finanziellen Engagements kommen mehrere Vehikel und Beteiligungsformen zum Tragen. So dient das „Wisconsin Private Debt Portfolio“ dem Zweck, Betriebe im In- und Ausland zu finanzieren. Das „Wisconsin Venture Capital Portfolio“ wiederum soll Start-ups Schwung verleihen. Venture Capital bietet, so die Einschätzung in Wisconsin, auf risikobereinigter Basis gute Anlagerenditen für die Begünstigten.

Das Engagement schafft außerdem Arbeitsplätze und führt zu mehr Wohlstand in der Region. Insofern gehen Kapitalanlage, Ruhestandsplanung und Wirtschaftsförderung Hand in Hand. Zugleich festigen die lokalen Investoren die Rolle der USA als bedeutendster Pensions- und Aktienmarkt.

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