Schwarzer Schwan
9. September 2016

Das Schwarzgeld der Weißkittel

Ärzte befolgen vor allem eine Kapitalanlagestrategie: Bloß nichts dem Staat schenken! Dies tun die Weißkittel äußerst konsequent, wie die Anbieter von Schiffsfonds, Medienfonds oder Immobilien bezeugen können. Traumhafte Verlustzuweisungen von 200 Prozent halfen (zunächst) über lausige Renditen hinweg. Hauptsache dem Fiskus nichts geschenkt.

Diesem Denkmuster verhaftet blieb etwa der ehemalige Chirurg Jérôme Cahuzac – und das auch noch nach seiner Ernennung zum Haushaltsminister der sozialistischen Regierung der Fünften Republik der Grande Nation. In diesem Amt machte sich der Staatsdiener scheinbar wie die französische Wiedergeburt des römischen Philosophen Cicero für die res publica stark, als er es „schockierend“ nannte, wenn Franzosen sich der Steuerpflicht mittels Auslandskonten entziehen, während der Allgemeinheit zur Sanierung der Staatsfinanzen kräftige Steuererhöhungen auferlegt werden. 
Tatsächlich war der doppelzüngige Staatsdiener ein Wiedergänger unseres verschnupften Fast-Bundestrainers Christoph Daum. Dieser erklärte einst anlässlich einer Pressekonferenz zu seiner freiwilligen gerichtsmedizinischen Analyse auf Drogenrückstände: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“ Der anschließend ermittelte Kokainkonsum erwies sich jedoch laut Wikipedia zum damaligen Zeitpunkt als der höchste, der jemals im Institut für Rechtsmedizin der Universität zu Köln gemessen wurde.
Auch der Chirurg und Finanzfilou Jérôme Cahuzac – der Steuerhinterziehung verdächtigt – tat dem Präsidenten François Hollande und der Nationalversammlung ein absolut reines Gewissen kund, und dass er seiner Steuerpflicht – großes „ADAC-Ehrenwort“ – immer nachgekommen sei. Später musste er jedoch einräumen, dass er in einer „Lügenspirale gefangen“ gewesen sei. In der Realität unterhielt Cahuzac nämlich seit den frühen 90er Jahren Schweizer Auslandskonten bei der UBS und dem Bankhaus Reyl. Als die Schweizer Banken unter Offenlegungsdruck gerieten, prüfte Cahuzac offenbar sein Gewissen und stellte viele Gedanken über Steuergerechtigkeit, Steuermoral sowie Steuerehrlichkeit an – und machte dann konsequent das in seinen Augen einzig Richtige: Mit Hilfe von Briefkastenfirmen in Panama und auf den Seychellen transferierte er das Geld nach Singapur!
In dieser Woche begann nun laut FAZ ein Verfahren wegen Steuerbetrugs und Geldwäsche gegen den Ex-Haushaltsminister. Dieses empfindet Cahuzac übrigens als ungerecht, weil er bereits 2,3 Millionen Euro an den Staat zahlen musste. Das schmähliche Ende seiner politischen Karriere hat Jérôme Cahuzac indes einem eher banalen Grund zu „verdanken“: Auch Patricia Ménard, damalige Ehefrau des ehemaligen Haushaltsministers Cahuzac, bleibt typischen Denkmustern verhaftet. Sie argwöhnte wie die eifersüchtige Göttergattin Hera, dass ihrem Halbgott in Weiß neben seinen Pflichten gegenüber dem Staatsamt und seiner Ehefrau noch Zeit für Mätressen blieb. Ein nicht ganz unbegründeter Verdacht, wie sich herausstellte, da sich in der französischen Histoire ehemalige und aktuelle Präsidenten sowie nicht zuletzt Dominique Strauss-Kahn als äußerst umtriebig erwiesen.
Madame Ménard kam also nicht umhin, Privatdetektive auf ihren Gemahl anzusetzen. Diese ermittelten, quelle surprise, dass er zwar nicht seine Ehefrau, jedoch seine steuerlichen Pflichten vernachlässigte. Ein solcher Steuervermeidungstrieb sollte Madame Ménard eigentlich vertraut sein. Emanzipiert wie französische Frauen seit Jeanne d´Arc nun mal sind, hatte sie nämlich ihre eigene Steuervermeidungsstrategie und bunkerte vor dem Fiskus 2,3 Millionen Euro auf der Isle of Man. Das sollte aus zwei Gründen nicht allzu stark überraschen. Gleich und gleich gesellt sich eben gern. Außerdem: Madame Ménard ist ebenfalls Ärztin. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende. 
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