Administration
30. Mai 2022

„Das war Pionierarbeit“

Clemens Schuerhoff zählt zu den erfahrensten Köpfen im institutionellen Asset Management in Deutschland. Zum 20. Geburtstag von portfolio institutionell spricht der Kommalpha-Vorstand im großen Interview über Meilensteine.

Herr Schuerhoff, welche beruflichen Erinnerungen haben Sie an das Jahr 2002?

Clemens Schuerhoff: Ich habe sehr spannende und aufregende Erinnerungen an 2002! Ich war als externer Consultant mit anderen Consultants und einer kleinen Rumpfmannschaft an der Gründung einer KVG (damals KAG) maßgeblich beteiligt. Das Nikolausrundschreiben der Bafin aus dem Dezember 2001 war ganz frisch und das klare Gründungskonzept der KVG war komplett auf Administration und somit auf das Master-KVG-Modell ausgerichtet. Das war damals völlig neuartig, dass Asset Management ausgelagert werden konnte und aus Sicht einer KVG der Fokus auf Administration, Reporting, Schnittstellenmanagement und auf Master- und Segmentfondsstrukturen gelegt wurde.

Das war Pionierarbeit und eine meiner wesentlichen Aufgaben war es, das Geschäftsmodell zu visualisieren und ein Profil hinsichtlich der Positionierung und Wahrnehmung am Markt zu entwickeln. Die Ergebnisse mündeten in Bausteine wie die erste Homepage, Präsentationen, Beschreibung der Gesellschaft, Questionnaire-Antworten u.v.m. Zudem war ich in hohem Maße verantwortlich, das Preismodell für die Administrationsleistungen zu entwickeln. Das erfolgte auf Basis einer Art Deckungsbeitragsschema mit den Ist-Kosten zuzüglich Vertriebskosten und Clustern, die die Komplexität des Mandates abbildeten. Wir nannten es ganz kreativ „Pricing-Tool“, da es eine normierte Anwendung im Hause wurde.

Zudem hat sich damals das Internet und die E-Mail als Kommunikationsweg angefangen zu etablieren, so dass wir entsprechende E-Reportings und Module entwickelt haben. Außerdem haben wiruns bereits damals viel mit Daten- und Schnittstellenmanagement beschäftigt. Nach Erteilung der Bafin-Lizenz wurde ich später Pressesprecher dieser Gesellschaft und zwar als externer Consultant, somit als Whitelabel-Produkt. Es handelte sich seinerzeit um die BHW Invest. Heutige Rechtsnachfolgerin ist die BNY Mellon Service KVG.

Welche wesentlichen Veränderungen in den vergangenen zwei Dekaden gab es aus Ihrer Sicht im Bereich der institutionellen Kapitalanlage?

Hierüber könnte ich eine sehr lange Abhandlung oder sogar ein Buch schreiben, aber ich versuche es mit wenigen Sätzen. Es gab mit 9/11 und der Finanzkrise ab 2008 / 2009 zwei exogene Ereignisse, die viele Konsequenzen hatten. Kriege, Niedrigzinsphase, Liquiditätsschwemme, Einfluss von geopolitischen Ereignissen auf den Finanzmarkt, Angst und Panik, um nur einige zu nennen. Zudem war der Euro noch recht frisch, was ebenfalls als Aspekt nicht zu vernachlässigen ist.

Parallel haben sich Finanzinstrumente durch die Kreativität der Anbieter und die Entwicklung der Märkte weiterentwickelt und es wurden neue Instrumente geschaffen, Stichwort Financial Engineering. Diese Gemengelage und Evolution der Kapital- und Finanzmärkte sorgte für Spezialisierung, Schaffung und Entwicklung neuer Asset-Klassen, die unabhängig vom Zins waren und sind. Abschließend ist noch zu betonen, dass es in den letzten zwanzig Jahren auch eine extreme technische Entwicklung gab im Hinblick auf Datenmanagement und –übertragung, Reporting-Granulariät und Aktualität, Globalisierung usw.

Wenn ich mich für eine der vielen Veränderungen entscheiden müsste, dann wäre es die Zinsentwicklung seit 2002 bis hin zu negativen Renditen und der Zahlung von Verwahrentgelten für Guthaben. Das erscheint mir immer noch unfassbar und nicht vermittelbar! Die Väter der Zinstheorie drehen sich im Grabe um.

Wie stark hat die Komplexität im Tagesgeschäft zugenommen?

Die Komplexität im Tagesgeschäft hat erheblich zugenommen und Anfang der 2000erJahre erscheint aus heutiger Sicht als heile Welt. Trotz Automatisierung und Nutzung von Technik ist das Tagesgeschäft schnelllebiger beziehungsweise höher getaktet und mit mehr Druck ausgestattet. Wir müssen viel mehr und vielfältigere Informationen mit unserem Gehirn verarbeiten und über viele Kanäle kommunizieren, was erschöpfend ist. Das gilt aber sicher für viele Branchen und zieht sich auch in den privaten Bereich. Digital Detox ist daher sehr zu empfehlen.

Wie hat man damals Nachhaltigkeit gesehen?

Aus heutiger Sicht war Nachhaltigkeit ein absolutes Nischenthema und nicht auf dem Radar des institutionellen Asset Managements. Mit Ausnahme von Kirchen und einigen wenigen Exoten spielte es für die großen Kundensegmente keine Rolle bei der Portfoliokonstruktion. Ich kann mich an den Leitfaden der Evangelischen Kirche Deutschland gut erinnern, der für mich die erste Publikation war, die nachhaltige und ethische Geldanlage relativ umfassend beschrieb.

Auch im VAG gab es damals schon einen Satz, dass Versicherungen das gebundene Vermögen nach nachhaltigen und ethischen Kriterien anlegen sollen. Das waren aber insgesamt generische und unspezifische Vorgaben, deren Einhaltung und Messung nicht verfolgt und geprüft wurden. Das Einzige, was es damals schon gab, waren bestimmte grobe Ausschlusskriterien im sektoralen Sinne. Richtig „dreckige“ Emittenten von brutalen Kriegswaffen oder im Umweltbereich wurden gemieden, aber meist erst, wenn sie durch irgendwelche Ereignisse in den Fokus der Medien und Analysten gerückt sind. Wind- und Solarparks, Wasserkraftwerke beziehungsweise generell Infrastruktur, Green Bonds et cetera waren alles Fremdworte beziehungsweise nicht existent im Hinblick auf die Kapitalanlage institutioneller Vermögen.

Kommt jetzt der große Regimewechsel? Nämlich Anstieg der Zinsen, Kapitalflüsse zurück in Anleihen, steigende Anforderungen der Stakeholder, der Bedeutung der Geopolitik?

Ich erwarte und hoffe auf eine graduelle und längerfristige Wandlung des Regimes. Denn ein zu starker Anstieg der Zinsen in einer kurzen Zeit birgt eine erhebliche Sprengkraft für die immer noch rentenlastigen Portfolien und die Bilanzen verbindlichkeitsorientierter Investoren. Anleihen waren in den letzten Jahren auch schon stark nachgefragt und das wird bei einer Zinserhöhung so bleiben beziehungsweise sich konsequenterweise erhöhen.

Die Frage wird sein, welche Emissionen und Anleihen verfügbar und kaufbar sein werden, wenn die Nachfrage sehr hoch ist. Alternative Assets und zinsunsensitive Finanzinstrumente werden weiterhin etabliert und am Markt bleiben, auch wenn der Zins steigt. Governance-Themen werden natürlich wichtiger, dafür sorgen die diversen ESG-Regularien. Insofern wird den Anforderungen der Stakeholder Rechnung getragen. Dass deren Anforderungen erheblich steigen, sehe ich nicht.

Am unsichersten bin ich mir beim Einfluss der Geopolitik auf die Finanzmärkte und im Hinblick auf das Verhalten der Akteure. Lokalere Lieferketten und De-Globalisierung sowie in Teilen Protektionismus sowie Kriege und Spannungen in Regionen, wo wir es vor kurzem nicht erwartet haben, sind Aspekte, deren Wirkung und Ausprägung schwer einzuschätzen sind. Auf jeden Fall sorgen sie für Verunsicherung.

Ich bin auch gespannt, wie die Notenbanken gedenken, ihre Bilanzen zu verkürzen und die Staaten mit ihrer massiven Verschuldung umgehen. Das könnte auch erhebliche Auswirkungen auf den Bondmarkt haben. Vielleicht passiert aber auch nichts und wir gewöhnen uns an die großen Zahlen und ignorieren diese Probleme einfach. Das ist in den letzten 20 Jahren schon diverse Male vorgekommen. Ich befürchte, dass das Thema Inflation auch kein vorübergehendes Phänomen sein wird, sondern über einige Jahre als Einflussfaktor und Risiko für die Finanzmärkte wirken wird.

Was erwarten Sie für die nächsten 20 Jahre im Kontext der institutionellen Kapitalanlage und hier insbesondere im Sales?

Ich erwarte keine großen Revolutionen, sondern ein Fortschreiten der Evolution, die wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben. Digitale Assets werden sich als Anlageform etablieren und zwar primär mit ganz normalen Underlyings. Ich denke hier zum Beispiel an Immobilien, Debt und Forderungen und weniger im Sinne von Krypto-Währungen. Die Distributed-Ledger-Technologie wird sich in Bereichen des Backoffices, Settlements und der Marktinfrastruktur als Framework etablieren.

Hinsichtlich des Bereiches Sales sehe ich wenige Veränderungen. Institutional Sales wird immer „peoples business“ bleiben trotz aller Technizität und Datenbasierung. Die finalen Entscheidungskriterien für einen Anbieter basieren auf Vertrauen und Kompetenz der handelnden Personen des Anbieters, sei es KVG, Asset Manager oder Verwahrstelle. Eine Art von automatisierter Entscheidungsfindung für ein Mandat auf Basis von RfPs und quantitativen Informationen halte ich für völlig ausgeschlossen.

Sicher werden zukünftig noch mehr Daten bei der Mandatierung einbezogen, was zu einer automatisierten Entscheidungsgrundlage für Investoren führen wird. Im Umkehrschluss heißt dies für die Sales-Bereiche der Anbieter, alle Kanäle, also RfP-Consultants, RfP-Portale und Datenbanken und im weitesten Sinne auch die Öffentlichkeit samt Investoren, mit qualitativen und quantitativen Informationen über das Haus zu versorgen und für deren Aktualität zu sorgen. Diesbezüglich ist der Markt aber auch bereits jetzt recht ausgereift nach meiner Ansicht.

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