Versicherungen
18. Mai 2022

„Datenbasierung ersetzt Free-Style-Management“

portfolio institutionell feiert 20. Geburtstag. Aus diesem Anlass erläutert Christof Kessler, Vorstandssprecher der Gothaer Asset Management, wie sich die professionelle Kapitalanlage in diesem Zeitraum weiterentwickelt hat.

Herr Kessler, welche beruflichen Erinnerungen haben Sie persönlich an das Jahr 2002?

Das Jahr 2002 beendete den Bärenmarkt, die Reaktion auf die Blase in TMT-Aktien. Um die Jahrtausendwende war der Dax von drei Aktien auf historische Höchststände getrieben worden. Im Jahr 2002 gab es keine Aktie mit einem positiven Saldo zum Jahresende. Viele junge Analysten und Portfolio­manager erlebten das Ende ihrer Karriere. Genauso endete die Hoffnung der Börsianer, aus Deutschland ein Land der Aktionäre zu schaffen.

Welche wesentlichen Änderungen in den vergangenen zwei Dekaden gab es aus Ihrer Sicht in der institutionellen Kapitalanlage?

Das Portfoliomanagement wurde aufgrund vieler Krisen immer stärker durch quantitatives Risikomanagement unterstützt. Dazu sind Entscheidungsprozesse heute viel stringenter als dies früher bei vielen Firmen mit ­sogenannten Star-Managern der Fall war. Gleichzeitig werden große Mandate heute fast nur noch mithilfe von Consultants vergeben, die sowohl die Beständigkeit der Performance als auch die Transparenz der Prozesse als entscheidendes Kriterium definieren. Free-Style-Management wurde durch datenbasierte Portfoliokonstruktion und Prozesse ersetzt.

Wie stark hat die Komplexität im Tagesgeschäft zugenommen?

Sicherlich hat die Komplexität zugenommen, betrachtet man lediglich die Menge an Daten und Indikatoren, die heute notwendig sind, um das Portfoliomanagement, das Risiko­management und das Reporting zu gewährleisten. Allerdings stehen dafür auch sehr moderne Datenbanken mit sehr modernen Programmen zur Verfügung. Dies macht die Komplexität beherrschbar.

Wie hat man damals Nachhaltigkeit gesehen?

Im Jahre 2002 gab es auch schon viele Diskussionen zum Thema Nachhaltigkeit. Die waren allerdings meilenweit entfernt von dem, was heute mit diesem Thema gemeint ist. Außerdem standen andere Themen im Fokus – wie zum Beispiel Governance. Ansonsten dominierten Themen im Zusammenhang mit ethischen Grundsätzen. Diese wurden damals allerdings kundenspezifisch in Form von Restriktionen ermittelt und dann durch Ausschlusskriterien verarbeitet. Der Asset Manager selbst hatte sich selbst keine Leitlinien zu geben.

Kommt jetzt der große Regimewechsel? Nämlich Anstieg der Zinsen, Kapitalflüsse zurück in Anleihen, steigende Anforderungen der Stakeholder, der Bedeutung der Geopolitik?

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Notenbanken, die Fiskalpolitik und andere einflussreiche Entscheider der Weltpolitik es schaffen, eine Hyperinflation zu verhindern. Wenn dem so ist, sollten Zinsen den gewohnten Zusammenhang von Wachstum und normaler Inflation reflektieren. Krisenzinsen, die wir in den letzten Jahren hatten, sind nicht nachhaltig. Realzinsen von minus zwei Prozent sind es ebenso wenig. Anleihen verändern – wenn sie wieder um drei Prozent rentieren – das Allokationsverhalten von institutionellen Investoren. Beispielsweise sind in diesem Zinsumfeld wieder Umschichtungen von Anlagen aus dem privaten Sektor in den öffentlichen Sektor zu erwarten. Fremdkapital in Infrastrukturprojekten, ob nun öffentliche Netze oder Erneuerbare Energien, sind in diesem Umfeld lange nicht mehr so attraktiv, wie im Krisenzinsumfeld.

Geopolitik wird heute oft im Zusammenhang mit der Ukraine gesehen. Dabei hat die Deglobalisierung, und damit die geopolitischen Spannungen, schon vor vielen Jahren begonnen. Europa und insbesondere Deutschland sind nicht die Gewinner der Deglobalisierung. Institutionelle Investoren müssen deswegen in lokale Wachstumsmärkte außerhalb Europas investieren.

Was erwarten Sie für die nächsten 20 Jahre im Kontext der institutionellen Kapitalanlage?

Ich gehe davon aus, dass im notierten Wertpapierbereich immer mehr passives Management genutzt wird. Aktives Management wird sich auf die Integration von nicht notierten Anlagen aus dem privaten Sektor konzentrieren, die heute in Europa oft noch von Banken gehalten werden.

Zusätzlich werden sich noch viele Anlageformen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz entwickeln. Wenn institutionelle Investoren aus Deutschland in ­dieser Entwicklung eine Rolle spielen wollen, müssen sie sich daran gewöhnen, eine größere Allokation für Investitionen in Zukunftstechnologien bereitzustellen. Dies verlangt andere Fähigkeiten in Asset-Management-Firmen, als dies heute der Fall ist. Insofern bedarf es auch hier einer Umorientierung im Asset Management. Diversität muss nicht nur ein Thema von Gender sein, sondern vor allem ein Thema diverser Herkunft und Ausbildungen.

Über den Interviewten:
Christof Kessler ist bereits seit 2010 Vorstandssprecher der Gothar Asset Management AG. Zuvor war er – ebenfalls lange und in Köln – Geschäftsführer und Chief Investment Officer für Fixed Income und Währungen der Oppenheim KAG.

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