Pension Management
4. April 2013

Deutschland, dein Pensionspatriarchat

In Deutschland schaffen es nur wenige Frauen in die Beletage von Pensionseinrichtungen. Im Ausland ist es besser. Zum Beispiel in Holland, dem Tulpenmatriarchat. Dort stehen die Herren unter der Knute.

Geschätzte neun von zehn Teilnehmern auf Veranstaltungen für die Finanzszene im Allgemeinen und für die Disziplinen Asset- und Pensionsmanagement im Besonderen sind …? Na? Genau: Männer! Besonders gut sieht man das gemeinhin nicht vom Podium, sondern aus der letzten Reihe, also von hinten. Graue oder graumelierte ­Kurzhaarschnitte dominieren. Frauen, vor allem vergleichsweise ­junge, sind zwar in der Regel am Konferenzempfang stark vertreten, aber eben nicht unter den sogenannten Professionals im Veranstaltungssaal selbst. Warum das so ist, das hat sicherlich viele Gründe – zumal ­gerade institutionelles Asset Management moderner Prägung ja noch gar nicht so alt ist. Noch interessanter ist freilich die Frage, wann sich das einmal ändert.

Vielleicht im Jahr 2018. Dann sollen wenigstens bei der Deutschen Bank 25 Prozent der Führungskräfte weiblichen Geschlechts sein. Die übliche Normalverteilung auf die vier Geschäftsbereiche der Blauen – darunter das Asset & Wealth Management der Bank – unterstellt, ­dürfte die Situation im Konferenzsaal schon deutlich bunter machen. Ob diese Entwicklung dann unter „Diversifikation“ oder unter „Diversity“ läuft, ist in diesem Fall nur eine begriffliche Unterscheidung. Gut wäre beides allemal – das hat man nicht nur in der Psychologie, ­sondern auch in der Vermögensverwaltung über die vergangenen ­Jahre gelernt.

Geschlechterverteilung erinnert an den Vatikan

Werden wir konkreter: Wie ist es um die Diversity der deutschen Geschlechter bestellt, wenn man in die oberen Etagen, vielleicht sogar in die Beletage, von Pensionseinrichtungen blickt? Ziemlich mau, ehrlich gesagt, in Deutschland allemal. Gerade einmal eine Handvoll Namen kommen selbst Angehörigen der Szene spontan über die ­Lippen: Charlotte Klinnert von der ZVK der Stadt Köln zum Beispiel. Oder Dajana Brodmann vom WPV, Verena Volpert von Eon und Tanja Gharavi von der Hamburger Pensionsverwaltung. Im Dezember ­überraschte die Nestlé-Pensionskasse zudem mit der Verpflichtung von Bettina Nürk, die im Vorstand nun die Kapitalanlagen verant­wortet. Aber auch für diese wenigen Frauen gilt: Über ihnen gibt’s ­immer noch jemanden, einen Mann. Man ist geneigt, von ­einem ­regelrechten Pensionspatriarchat zu sprechen, das fast schon an die ­einseitige Geschlechterverteilung im Vatikan erinnert.

Darum lassen wir unsere Blicke schweifen, weg von Deutschland und Italien, und werden wir internationaler! Blicken wir über die Grenze nach Nordwesten aufs Flachland. Dort ist gerade eine Frau, Else­ Bos, an der Spitze des fünfköpfigen Vorstands des mächtigen Pensionsadministrators PGGM vereidigt worden, der für 2,5 Millionen Holländer etwa 130 Milliarden Euro verwaltet, das meiste davon für den Pensioenfonds Zorg & Welzijn oder kurz PFZW. Gemeinsam mit der medial sehr präsenten Angelien Kemna, die als Chief ­Investment Officer beim noch mächtigeren Konkurrenten APG ­Investments für 4,5 Millionen Holländer in 30 Pensionsfonds ­ins­gesamt sogar 325 Milliarden Euro lenken darf, bildet Else Bos ­quasi ­eine Art holländisches Pensionsmatriarchat. Aus dieser Perspektive wurde Deutschland gegen Holland gewiss noch nie betrachtet.

Auch ein Blick weiter nördlich sollte die deutschen Pensions­frauen ermutigen und die Männer zum Nachdenken bringen. In Dänemark steht Laila Mortensen an der Spitze der 14,5 Milliarden Euro schweren Industriens Pension, welche die Pensionen von 400.000 Menschen und etwa 10.000 Unternehmen verantwortet. In Schweden stehen gleich zwei Frauen an der Spitze der größten schwedischen Versorgungseinrichtungen: Eva Halvarsson bei AP2 (verwaltet 29 Milliarden Euro) und Kerstin Hessius bei AP3 (verwaltet 28 Milliarden Euro). Finnland steht dem kaum nach, allen voran Suvi-Anne Siimes, die Chefin von Tela, in der finnische Pensionseinrichtungen wie Ilmarinen, Varma und Kela organisiert sind und die damit rund 150 ­Milliarden Euro vertritt. Dazu gesellt sich noch Eeva Grannenfelt. Sie ist ­Herrin über die Anlage von 7,5 Milliarden Euro für die Pensionen von 230.000 finnischen Arbeitnehmern und Selbstständigen. ­Deutlich ­kleiner, aber ebenfalls von einer Frau als Chefanlegerin gelenkt wird die Kapitalanlage der finnischen Kirche, der „Kirkon keskus­rahasto“ (von Ira van Gilse van der Pals).

Ausgerechnet in Norwegen ist das Gras nicht grüner

Vor allzu vorschnellen Theorien muss allerdings gewarnt werden: Denn nicht überall ist das Gras grüner als bei uns. Wie zum Beispiel in Norwegen – also ausgerechnet in dem Land, das sich zusammen mit Schweden und Dänemark gemeinhin als Musterland der Gleichberechtigung in unseren Köpfen festgesetzt hat. Deren mit umgerechnet 513 Milliarden Euro dotierter größter Pensionsfonds, gleichzeitig der größte weltweit und gemanagt von der Zentralbanktochter Norges Bank Investment Management (NBIM), wird von sechs Herren unter der Leitung von Yngve Slyngstad dominiert. Die einzige Frau, Jessica Irschick, hat sich gerade erst aus familiären Gründen als Chefin des Treasury verabschiedet. Es wird spannend, ob diese Stelle ebenfalls wieder an eine Frau gehen wird. Unser Tipp lautet: eher nein.

Zurück nach Deutschland: Bettina Nürk, Tanja Gharavi & Co. ­mögen manchen sogar als Beispiele dafür dienen, dass Frauen auch hierzulande eine Chance auf die Beletage im Asset Management oder in der Pensionsbranche haben. Aber gemessen an der Zahl der mög­lichen Posten ist diese Chance doch sehr gering. „Statistisch nicht ­signifikant“, würden Zahlenmenschen dazu sagen. In der Welt der klaren Worte ist es noch weniger: ein Offenbarungseid. Und es ist ­einer mit Ansage. Denn darauf zu hoffen, dass ausgerechnet die ­Männer wirklich die Katalysatoren für das Fortkommen der Frauen in der Finanzbranche sein werden, scheint doch sehr optimistisch zu sein, wenn nicht gar ziemlich naiv. Die oben erwähnte Deutsche Bank ist ein schönes Beispiel dafür. Der Anteil der Frauen im neuen, ­siebenköpfigen Vorstand unter der Leitung von Anshu Jain und ­Jürgen Fitschen ist trotz aller guten Vorsätze immer noch genauso hoch wie in der ­Ver­gangenheit: null. Der Frauenanteil des neuen, 18-köpfigen „Group Executive Committee“ unter der gleichen Leitung beträgt ebenfalls null. Und im neu zusammengeführten „Asset & Wealth ­Management“ unter Michele Faissola sieht es – jedenfalls zurzeit – auch noch nicht viel anders aus. Unser Fazit: Die Frauen ­sollten tun, was sie am besten können: Ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen­ und nicht auf die Männer warten. Frauen aller ­Länder, vereinigt­ Euch!

portfolio institutionell, Ausgabe 3/2013

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