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1. Juli 2013

Die Dritte Industrielle Revolution und der Sturm auf die Portfolios

Öl, Kohle und Atomkraft sind Geschichte, die Zukunft gehört den Erneuerbaren Energien. Zukunftsforscher Jeremy Rifkin erklärte auf dem Fachforum die neue Welt. Die Dritte Industrielle Revolution gelingt aber nur, wenn sich auch parallel eine neue Infrastruktur entwickelt. Am Ende entstehen eine neue Gesellschaft und neue Investmentchancen.

Herr Rifkin, wie weit ist Deutschland bei der Dritten Industriellen Revolution?
Jeremy Rifkin:
Mit dem Verbrennungsmotor und der Autobahn war Deutschland ein Wegbereiter für die Zweite Industrielle Revolution, und es ist offensichtlich, dass Deutschland auch die Dritte Industrielle Revo­lution anführt. Die Bundeskanzlerin hat mir mehrmals versichert, dass sie voll hinter den fünf Säulen der Dritten Industriellen ­Revolution steht. Eine gute Nachricht ist außerdem, dass sich auch andere politische ­Parteien in Deutschland zur Dritten Industriellen Revolution bekannt haben.
Diese Dritte Industrielle Revolution ist der offizielle Plan der Europäischen Union, und ich konnte bei der ­Entwicklung des Plans in den vergangenen elf Jahren dabei sein. Der Plan wurde vom Europäischen Parlament im Jahr 2007 gebilligt und nimmt nun seinen Weg durch die Instanzen.
Die Welt braucht eine neue Vision für die Ökonomie und eine neue, machbare ­Strategie. Diese muss auch zügig in den Schwellen­ländern umgesetzt werden. Und wir müssen in 30 Jahren ohne Kohle auskommen. Das ist die Basis, die mich zur Dritten Industriellen Revolution führte.
In Europa haben Deutschland und Dänemark einen klaren Vorsprung. Deutsche ­Unternehmen, wie Siemens, die Deutsche ­Telekom, Bosch, Daimler und so weiter, sind von der Dritten Industriellen Revolution überzeugt.

Die Versorger RWE, Eon und EnBW auch?
Eon ist gerade mit dem Thema Wasserstoff zu meiner Forschungsgruppe gestoßen und engagiert sich in der Wasserstoffspeicherung. In Deutschland liegt der Anteil der ­Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch nun bei über 20 Prozent. Darum lohnt es sich für die Versorger nicht mehr, die ­traditionellen Energieträger Atomkraft oder fossile Brennstoffe zu finanzieren. Damit ist für diese Energieträger der Zweiten Industriellen Revo­lution das Aus besiegelt.

Gibt es wirklich keine Alternative zur Dritten Industriellen Revolution? Beispielsweise scheint Fracking eine günstige Methode zu sein, um das Zeitalter der fossilen Energie­träger zu verlängern.
Das ist Nonsense. Einfach nur Nonsense! Schiefergas ist nicht billig und zieht eine Menge an externen Effekten nach sich. Schiefergas wird nur gehandelt, weil Öl teuer ist.
Das andere Problem ist, dass fossile Brennstoffe zur größten Krise führen, mit der sich der Mensch auseinandersetzen muss: dem Klimawandel. Schiefergas mag weniger Kohlendioxid freisetzen – aber es ist immer noch Kohlendioxid. Es ist erwiesen, dass sich unsere Art in einer Krise befindet. Der Klimawandel ändert den globalen Wasserkreislauf, so dass es zu mehr Extremereignissen kommen wird: Überschwemm­ungen, Dürren,  längere Winter, Hurrikans, Tsunamis und ­Tornados.
Wir sind in der Endphase der Zweiten ­Industriellen Revolution und befinden uns heute mitten in einer tiefen globalen ökonomischen Krise. Dies wurde deutschen und vielen anderen Unternehmen klar. Wir hatten eine Krise, die sich 2008 entfaltet hat, als im Juli das Barrel Öl auf 147 Dollar stieg. Das war das Hoch, und darum ging auf der ganzen Welt die Kaufkraft verloren. Alles stoppte, weil alles vom Ölpreis abhängt: Dünger, Pflanzenschutzmittel, Baumaterialien, pharmazeutische Produkte und so weiter. Diese Produkte werden aus fossiler Energie gewonnen. Wenn der Ölpreis auf über 90 Dollar zu steigen beginnt, steigt auch alles andere. ­Achten Sie doch einmal darauf, wie der ­Ölpreis die Quartalsergebnisse von Unilever und Colgate-Palmolive beeinflusst. Im Juli 2008 kam es darum zum ökonomischen Erdbeben. Der Kollaps der Finanzmärkte 60 ­Tage später war dann ein Nachbeben.  

Was hat die Pleite von Lehman Brothers mit dem Ölpreis zu tun?
Wenn die echte Ökonomie zusammenbricht, ist es nicht möglich, eine mit Schulden vollbeladene fiktionale Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Um den Zusammenhang zu verstehen, muss man in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in den USA zurück­gehen. Die Zweite Industrielle Revolution reifte mit der Intensivierung des Straßen­baus von Ende der 50er Jahre bis in die ­späten 80er Jahre. Die Interstates waren das größte öffentliche Bauprojekt und die Basis für die Entwicklung der Vororte und von Einkaufszentren. Als alle Interstates gebaut waren, war der Höhepunkt der Bauwut erreicht. Es folgte die Rezession im Wohnungswesen.
Wichtig war dann, wie die USA aus der Rezession herausgekommen sind: Da es noch keine Dritte Industrielle Revolution gab, ­wurde auf die seit den 50er Jahren angelegten Ersparnisse zurückgegriffen. Nach der Entsparung folgten die Verbraucherkredite und sub-prime Mortgages. Diese basierten auf ­einem Ponzi-System, in dem jeder sein Haus als Geldautomat nutzte. Weiter trieb die USA mit ihrer Kaufkraft, die aus dem in den vergangenen Jahrzehnten geschaffenen Reichtum resultierte, die globale Wirtschaft an. Das Ende kam dann, als der Ölpreis auf 147 Dollar je Barrel stieg und die globale Wirtschaft lähmte. 60 Tage später wurden dann auch die Schulden zu schwer. Die Finanzkrise entstand also nicht in einem Vakuum.

 

Was sind die nächsten Schritte der Dritten ­Industriellen Revolution?
Wir brauchen, wie gesagt, eine ökonomische Vision und eine Strategie. Schauen wir einmal zurück, wie es zu den großen ­ökonomischen Revolutionen kam. Diese ­ergeben den Fahrplan für Anleger und alle anderen. Wenn wir zurückblicken, erkennen wir, dass sich die großen ökonomischen ­Paradigmenwechsel dann ereignen, wenn neue Energiezeitalter entstehen. Aber diese neuen Energiezeitalter führen auch zu ­komplexeren Gesellschaften. Diese neuen Epochen bringen mehr Menschen ­zusammen. Sie verflechten Fähigkeiten und bilden neue Fähigkeiten aus. Sie kreieren Märkte. Und sie erfordern eine neue Kommunikation, die ­flexibel genug sein muss, alles koordinieren zu können. In der Historie sind Kommunikation und Energierevolutionen immer zusammengelaufen.
Im 20. Jahrhundert konvergierten Kommunikation und Energie, als eine zentralisierte Elektrifizierung entstand und Telefon, Radio sowie Fernsehen die Kommunikationsmedien wurden, um eine zerstreute Auto-, Öl- und Vorstadts-Konsumgesellschaft zu ­managen.
Nun sind wir am Kehrpunkt der neuen Konvergenz von Kommunikation und Energie: der Dritten Industriellen Revolution. Und für diese ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Es stimmt hoffnungsvoll, dass es mit dem Internet eine mächtige Kommunikationsrevolution gab. Ich wuchs mit einer zentralisierten Sender-Empfänger-Kommunika­tion auf, die von oben nach unten und von ­einem zu vielen ging: Radio, Fernsehen, ­Zeitungen, Zeitschriften. Das Internet ist ein dezentralisiertes Kommunikationsmedium. Es ist ein Gemeinschaftsmedium, das sich horizontal verteilt. Heute verfügt ein Drittel der Menschen über günstige Computer und Handys, mit denen sie eigene Texte, Audios und Videos zu sehr geringen Kosten verschicken können – und zwar mit der größten ­jemals gesehenen distributiven Power.
Wir gehen nun in ein neues Energiezeitalter über. Dezentralisierte Energien sind Energien, die an jeder Stelle unseres Planeten gefunden werden können: Sonne, Wind, ­Geothermie, Wellenkraft sowie Abfälle aus der Forst- und Landwirtschaft. Diese ­Energien müssen wieder gemeinschaftlich und horizontal verteilt werden. So kann alles perfekt zusammenpassen.
Das alte Stromnetz kann sich dagegen nicht Millionen von kleinen Anbietern ­öffnen, die ihre Energie ins Netz bekommen wollen, da es nur eine Richtung ermöglicht. Es braucht aber eine Digitalisierung.

Die Dritte Industrielle Revolution stützt sich auf fünf Säulen. Die erste Säule, also der Wechsel hin zu den Erneuerbaren Energien lässt sich schon klar erkennen. Bei den anderen vier Säulen, insbesondere der Speicherung von nicht konstant vorhandenen Renewables, wie Sonne und Wind, hapert es aber noch gewaltig.­
Für die erste Säule waren die Einspeisevergütungen eine tolle Sache. Zu Säule zwei: Es gibt in der EU 191 Millionen Gebäude: Wohnungen, Büros und Fabriken. Diese ­verbrauchen die meiste Energie und ­erzeugen das meiste Kohlendioxid. Erst danach kommt als zweitgrößter Kohlendioxiderzeuger die Fleischproduktion, gefolgt von der Transportbranche. Das Ziel muss sein, jedes ­bestehende Gebäude in der EU zu einer ­privaten Mini-Energieerzeugungsanlage aufzurüsten. Dann wird auf dem Dach Solarstrom gewonnen, Windenergie an den Hauswänden geerntet und im Keller nach ­Erdwärme gebohrt. So kann genug Energie für das Gebäude gewonnen werden und ­zudem überflüssige Energie in das Energie-Internet eingegeben werden.
Heute in zehn Jahren werden wir ­mehrere 10.000 Gebäude in der Welt zu kleinen Energie­anlagen umgerüstet haben. In 20 ­Jahren werden wir ­mehrere hundert Millionen Gebäude haben, die Solarstrom erzeugen. Die Kurve ist also exponentiell. Das ­Gleiche wird für die Technologien für die Energiegewinnung gelten.
Was ­konventionelle Energieerzeuger ­nervös macht, ist, dass es Sonne, Wind, ­Bioabfall und Geothermie umsonst gibt. Dann kommt Säule drei, die Speicherung, und so weiter. Einen Plan B zu den fünf ­Säulen gibt es nicht.

Werden die für die Dritte Industrielle Revolution benötigten Technologien ein neuer deutscher Exportschlager?
Es wird keine Produktrevolution geben. Exportiert werden wird die Infrastruktur. In den USA steckt Präsident Obama Milliarden an Dollar in isolierte Pilotprojekte, zum ­Beispiel für eine Batteriefabrik in einem ­Bundesstaat und in einem anderen für eine Autofabrik. Man müsste aber gleichzeitig in die ganze ­Infrastruktur investieren. Ich hoffe, dass Kalifornien Deutschland folgen wird.

Wohin werden in den nächsten zwei bis drei Jahren die nächsten Investments von institutionellen Anlegern fließen?
Die Investoren sollten sich jedes Investment anschauen, das mit den fünf Säulen verbunden ist. Beispielsweise sollten Anleger sich alles anschauen, was mit der ­Konstruktion und Konversion von Gebäuden zusammenhängt. Auch Speichertechnologien sind ein großes Thema. Die Speicherung ist der ­heilige Gral.
Sinnvoll sind auch Investments in die vierte Säule, also das Energie-Internet. ­Künftig wird es drei Internets geben. Wir haben das Informations-Internet, das Energie-Internet entwickelt sich, und dann kommt das Logistik-­Internet. Die fünf Säulen führen zur ­Entwicklung dieser drei Internets. Sinnvoll sind also Investments in das Energie-Internet und in der fünften Säule Investments in ­Logistik und Transport. Grundvoraussetzung ist, dass das Investment regional sein muss.

Welche Risiken sehen Sie?
Es gibt keine Risiken, weil die Returns im Voraus bekannt sind. Man kann sich ­anschauen, wie viel Energie eingespart wird und welche Produktivitätsgewinne möglich sind. Die Infrastruktur finanziert sich aus den erzielten Energieeinspeicherungen. Was die Investmentbranche verstehen muss, ist das Wesen der Produktivität. Das Problem ist nur, dass die Investmentbranche keine ­Ahnung hat, was Produktivität ist.

Also was ist Produktivität?
In der Vergangenheit dachte man, dass Produktivität aus den Faktoren Arbeit und ­Kapital resultiert. Robert Solow, der 1987 den Wirtschaftsnobelpreis für ökonomische Wachstumstheorien gewann, zeigte auf, dass Arbeit und Kapital nur für 14 Prozent der ­Produktivität verantwortlich sind. Die ­restlichen 86 Prozent sind auf den technischen Fortschritt zurückzuführen. Henry Ford war das auch schon bekannt.

Wann wird es das Logistik-Internet geben?
Das wird das Neueste sein. Mit diesem Thema befasse ich mich gerade selbst in dem neuen Buch, an dem ich schreibe. Was ich aber schon sagen kann: Die heutige Logistik ist sehr ineffizient, weil alles auf dem verti­kalen Modell der Zweiten Industriellen Revolution basiert. Darum haben große Unternehmen ihre eigenen kleinen Warenhäuser und Distributionszentren et cetera. Im Falle eines Trucks, der von Quebec nach Los Angeles fährt, fährt ein Fahrer die ganze Strecke und lädt an seinen Zielorten die Waren ab. Das ist eine zentralisierte Distribution, bei der aber viel an Produktivität verloren geht.
Was wir brauchen, ist eine Logistikinfrastruktur aus Tausenden von kleinen Warenhäusern als Knotenpunkte, die für jedermann offen sind. Das ist dann ein gemeinschaft­liches, horizontales Modell. Es mag kompliziert sein, aber die benötigte Technologie ist vorhanden. Das Logistik-Internet wird die Produktivität dramatisch erhöhen!

Wann werden denn Retail-Gelder in Investments fließen, die mit der Dritten ­Industriellen Revolution verbunden sind?
Die große Mehrheit an Erneuerbaren Energien wird in Deutschland bereits von ­privater Seite sowie Kooperativen bereitgestellt und nicht von Energieversorgern. Energie­versorger sind nicht mehr Energieakteure, das neue Zeitalter ist komplett individuell. Hausbesitzer und Kooperativen werden­ die Unterstützer sein. Die ­Energie­versorger finanzieren nicht die Erneuerbaren Energien, sie erhöhen nur die Stromrechnung für die Endverbraucher. Der Endverbraucher ist also der Finanzier. Aber die Menschen hier in Deutschland sagen sich, dass, wenn sie schon zahlen sollen, auch daran verdienen wollen. Das ist wirklich bottom-up. Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie ausgeprägt das regionale Denken in Deutschland ist.       

Aus meiner Sicht könnten die ­Schwellenländer die größten Profiteure der Dritten ­Industriellen Revolution sein. Sie haben viele natürliche Ressourcen und relativ geringe „sunk costs“ in der Zweiten Industriellen Revolution. 
Völlig richtig. Die Schwellenländer haben eine große Menge an natürlichen Ressourcen und können sich wegen der mit der Dritten Industriellen Revolution verbundenen Dezen­tralisierung auch geopolitisch verbessern. Es gibt auch keinen Weg für China, an genug fossile Energieträger und Atomkraftwerke für 1,2 Milliarden Menschen zu kommen. Es ist besser, jeden Quadratmeter des eigenen ­Landes zu nutzen, als verzweifelt nach Öl ­unter dem arktischen Ozean zu suchen oder nach Schiefergas in Pennsylvania zu bohren.

portfolio institutionell, Ausgabe 5/2013

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