Schwarzer Schwan
27. April 2012

Die Fondsindustrie stöbert auf dem Schrottplatz

Lesen Sie in dieser Woche, mit welchen „zunehmend wichtigen Themen“ die Fondsindustrie um die Gunst der Anleger buhlt. Aber Achtung: Es könnten Argumente dabei sein, die Sie schon in Ihrer Jugend gehört haben.

„Wissen Sie, wie viel Gold in ihrem alten Handy steckt?“ fragte jüngst eine auf Finanzthemen spezialisierte PR-Agentur in einer Interview-Anfrage. Weiter hieß es darin: Schrott und Abfälle beinhalten wertvolle Rohstoffe, die verstärkt industriell zurückgewonnen werden. „In Zeiten von Ressourcenverknappung werden Themen wie die Wiederverwertung, etwa von alten Elektrogeräten, zunehmend wichtiger.“ So in etwa lautet auch die Argumentation der Fondsbranche, die diese Sau gerade durchs Dorf hetzt. Diese Recycling-Sau, wenn man so will, hört auf den Namen „Urban Mining“,  was so viel heißen soll wie, wertvolle Rohstoffe aus Abfall und Elektroschrott zurückzugewinnen. Die Anbieter so genannter Urban-Mining-Fonds machen damit endlich einen uralten Menschheitstraum wahr: Aus Müll wird Geld.
Natürlich ist Recycling wichtig, klar, aber muss man deshalb gleich von „Urban Mining“ sprechen? Früher gab’s schließlich auch schon Schrotthändler und Wertstoffsammler. Man denke nur an die schwäbische Hausfrau, die Recycling-Ikone schlechthin. Ganz zu schweigen von den armen Schluckern, die den Sperrmüll auf Verwertbares hin durchstöbern und in den deutschen Großstädten mit Taschenlampen nach Pfandflaschen suchen. „Sind das dann Urban Miner?“, möchte man Fondsmanager wie Pieter Busscher fragen, der sich mit seinem „Smart Materials“ Fonds in der Branche tummelt. Busscher argumentiert zurecht: „Innovative Materialien und Technologien haben in der Vergangenheit geholfen, die mit der Ressourcenverknappung einhergehenden Herausforderungen zu bewältigen.“
Dessen ungeachtet ist die Wiederverwertung aber längst ein alter Hut. Schließlich ist die Gelbe Tonne keine Erfindung des dritten Jahrtausends, genauso wie Glascontainer und Wertstoffhöfe, sondern seit Jahren gang und gäbe. Dass das anglizistische „Recycling“ nun auch schon seit 32 Jahren im deutschen Rechtschreibduden steht, ist für die Anbieter von Investmentprodukten allerdings kein Hindernis, das Thema erst jetzt ganz groß aufzuziehen. Und das mit Nachhaltigkeitsanstrich, natürlich. Offenbar wurde mit Urban Mining die jahrtausendealte Kultur der Wiederverwertung recycelt.
Wie bei anderen Themen ist die Fondsbranche wieder einmal Spätzünder – dann aber richtig. Denn der nächste logische Schritt ist längst klar: Universal Mining, also das Schrottsammeln im Weltraum – ein kleiner Schritt für die Fondsindustrie, aber ein großer Schritt für die Menschheit! Man denke nur an die wertvollen Ressourcen maroder Satelliten im Orbit. Ein Universal-Mining-Fonds zur ultimativen Abrundung für jedes breit diversifizierte Portfolio? Das wär‘s! „Erschließen Sie sich nicht nur neue Dimensionen, sondern auch neue Anlageregionen zur Diversifizierung“, könnte auf dem Fact Sheet des Anlagevehikels prangen.
Eine vielversprechende Asset-Klasse könnte „Emerging Waste“ sein oder „Corporate Waste“ – ganz heißes Zukunftsthema! Hedgefonds könnten sich dementsprechend der Strategie „Waste driven“ widmen. Auch für Private-Equity-Fonds bietet die schöne neue Welt interessante Opportunitäten. Man stelle sich nur vor, was der Lagerbestand von Nokia wert sein muss, bei dem vielen Gold in den vielen unverkauften Handys. KKR lässt das schon mal durchrechnen, vielleicht kommt es ja zu einem Buy-out. Junk Bonds, fragen Sie? Ach, die gibt es ja schon zuhauf!
Ihre regionalen Schrottsammler und portfolio wünschen Ihnen ein schönes Wochenende.
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