Interviews
6. November 2026

„Die regulatorische Dynamik der vergangenen Jahre war erheblich“

Oliver Hardt ist Head of ESG Capital Markets & Sustainability Management bei der Bayerischen Versorgungskammer (BVK). Hier äußert er sich zur regulatorischen Dynamik der vergangenen Jahre und erklärt, wie die „Kammer“ mit Nachhaltigkeits- und Klimarisiken in der Kapitalanlage umgeht.

Herr Hardt, sehen Sie es auch so, dass es stiller um Nachhaltigkeit geworden ist?

Der öffentliche Diskurs hat sich aus meiner Sicht verändert. Vor einigen Jahren war Nachhaltigkeit ein stark öffentlich diskutiertes Thema, getragen von Regulierung, Medien und Kapitalmarktteilnehmern. Heute wird darüber weniger gesprochen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Thema an Bedeutung verloren hätte. Vielmehr ist Nachhaltigkeit in vielen Bereichen von der Sonderdisziplin zum festen Bestandteil professioneller Kapitalanlage geworden.

Aus Sicht eines langfristig orientierten Investors steht heute weniger die Frage im Vordergrund, ob Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt werden sollten, sondern wie diese sachgerecht in Risikoanalyse, Portfoliosteuerung und Investmententscheidungen integriert werden können. Themen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, Biodiversitätsverlust, technologische Transformation oder geopolitische Verschiebungen entfalten reale wirtschaftliche Auswirkungen und beeinflussen Geschäftsmodelle, Kapitalströme und langfristige Ertragsperspektiven.

Ich würde daher eher von einer Konsolidierung als von einem Bedeutungsverlust sprechen. Nachhaltigkeit wird zunehmend als Bestandteil eines vorausschauenden Risiko- und Chancenmanagements verstanden und weniger als eigenständiges Spezialthema.

Ist die BVK weiterhin auf Kurs oder schalten Sie einen Gang zurück?

Die BVK verfolgt unverändert einen langfristigen und systematischen Ansatz zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeits- und Klimarisiken in der Kapitalanlage. Für uns geht es dabei nicht um kurzfristige Trends, sondern um strukturelle Entwicklungen mit potenziell erheblicher Bedeutung für die langfristige Risikotragfähigkeit und Werthaltigkeit unserer Kapitalanlagen.

Mit dem Beitritt zu den UN PRI und der Net-Zero Asset Owner Alliance haben wir unsere strategische Ausrichtung frühzeitig definiert und in verbindliche Zielpfade übersetzt. Die formulierten Zwischenziele für 2025 wurden erreicht. Darauf aufbauend wurden weiterführende Ziele für 2030 beschlossen.

Die Entwicklung zeigt, dass Nachhaltigkeit bei der BVK inzwischen den Übergang von der Strategiephase in die Phase der Umsetzung, Messung und kontinuierlichen Weiterentwicklung vollzogen hat. Von einem Zurückschalten kann daher keine Rede sein.

Hat die ESG-Regulierung Ressourcen gebunden, die besser in Nachhaltigkeit investiert worden wären?

Die regulatorische Dynamik der vergangenen Jahre war erheblich. Viele institutionelle Investoren haben beträchtliche Ressourcen aufgewendet, um neue Anforderungen umzusetzen. Grundsätzlich unterstützen wir die Ziele von Transparenz, Vergleichbarkeit und einem besseren Verständnis von Nachhaltigkeitsrisiken. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob jede zusätzliche Berichtspflicht auch einen entsprechenden Mehrwert für Investitionsentscheidungen schafft.

Aus Sicht eines Asset Owners sollte Regulierung möglichst dort ansetzen, wo sie eine bessere Steuerung von Risiken und Chancen ermöglicht. Entscheidend ist letztlich nicht die Menge der Berichterstattung, sondern deren Aussagekraft und Entscheidungsrelevanz. Nachhaltigkeit entsteht nicht durch Dokumentation allein, sondern durch qualitativ hochwertige Analysen, den Dialog mit Marktteilnehmern und die Integration relevanter Erkenntnisse in den Investmentprozess.

Wo setzt die BVK heute ihre Prioritäten?

Unsere Prioritäten leiten sich unmittelbar aus unserem gesetzlichen und treuhänderischen Auftrag ab. Als langfristiger Investor konzentrieren wir uns auf Themen, die einen wesentlichen Einfluss auf Risiko, Rendite und die langfristige Stabilität der Kapitalanlage haben können.

Dazu zählen insbesondere Klimarisiken und Dekarbonisierung, die Weiterentwicklung von Governance-Standards, die Resilienz globaler Wertschöpfungsketten sowie der aktive Dialog mit Vermögensverwaltern und Unternehmen. Darüber hinaus beobachten wir Themen wie Biodiversität, Naturkapital und Wasserverfügbarkeit, die sich zunehmend zu wirtschaftlich relevanten Einflussfaktoren entwickeln.

Gleichzeitig berücksichtigen wir die besondere Struktur der Bayerischen Versorgungskammer. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, einzelne gesellschaftliche Positionen zu bevorzugen, sondern Nachhaltigkeitsaspekte mit Augenmaß und im Einklang mit unserem Versorgungsauftrag zu berücksichtigen. Maßstab bleibt der langfristige Nutzen für unsere Mitglieder, Versicherten und Leistungsempfängerinnen sowie -empfänger.

Welche regulatorischen Aufgaben muss die BVK erfüllen?

Institutionelle Investoren müssen heute eine Vielzahl regulatorischer Anforderungen erfüllen, darunter Offenlegungs- und Berichtspflichten sowie die Integration relevanter Nachhaltigkeitsrisiken in ihre Anlageprozesse. Die grundsätzliche Zielsetzung ist nachvollziehbar: Nachhaltigkeits- und Klimarisiken sollen transparent gemacht und bei Anlageentscheidungen angemessen berücksichtigt werden. Entscheidend bleibt jedoch, dass die Anforderungen praktikabel bleiben und einen erkennbaren Mehrwert für die Steuerung der Kapitalanlage liefern.

Sind die Anforderungen gerechtfertigt oder wären schlankere Vorgaben sinnvoll?

Regulierung erfüllt eine wichtige Orientierungs- und Transparenzfunktion. Einheitliche Standards können die Vergleichbarkeit verbessern und die Berücksichtigung langfristiger Risiken unterstützen. Gleichzeitig sollten regulatorische Anforderungen praktikabel, konsistent und international anschlussfähig ausgestaltet sein. Aus unserer Sicht ist eine Konzentration auf belastbare und entscheidungsrelevante Kennzahlen oftmals hilfreicher als eine stetige Ausweitung der Berichtspflichten.

Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Für Investoren rückt zunehmend die Frage in den Vordergrund, welche Unternehmen und Geschäftsmodelle langfristig widerstandsfähig sind und von den Transformationsprozessen profitieren können. Die Debatte verschiebt sich damit von der ausschließlichen Vermeidung von Risiken hin zu der Frage, welche Investitionen zur Bewältigung dieser Herausforderungen beitragen und gleichzeitig attraktive Risiko-Rendite-Profile bieten. Nachhaltigkeit wird künftig noch stärker mit Resilienz, Transformation, Versorgungssicherheit und langfristiger Wertschöpfung verbunden sein. Unser Anspruch bleibt unverändert die langfristige Sicherung der Versorgungsleistungen. Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen wir dort, wo sie dazu beitragen, Risiken besser zu steuern, Transformationsprozesse zu begleiten und langfristig stabile Wertschöpfung für unsere Mitglieder, Versicherten und Leistungsempfängerinnen sowie -empfänger zu erzielen.

Die Fragen stellte Tobias Bürger.

Über den Interviewten: Oliver Hardt arbeitet seit April 2023 als Stabstellenleiter für Vorstandsangelegenheiten und Nachhaltigkeit im Ressort Kapitalanlagen für die Bayerische Versorgungskammer in München. In dieser Funktion verantwortet er bei der größten öffentlich-rechtlichen Versorgungsgruppe Deutschlands alle Themen rund um die Nachhaltigkeitsstrategie des Ressorts sowie der Unternehmensnachhaltigkeit.

Hardt ist Fachmann für ESG-Themen, Corporate Social Responsibility und gesellschaftliche Unternehmensverantwortung. Er kam damals von der Deutschen Kreditbank zur BVK. Bei dem Finanzinstitut hatte er sich als Senior Manager ESG/Sustainability for Disclosure & Reporting/Rating intensiv mit ESG-Berichterstattungen, Methodiken zum SDG-Mapping auf Portfolioebene sowie ESG-Corporates-Ratings befasst.

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