Traditionelle Anlagen
21. Dezember 2021

Die Zentralbank als Aktionär

Nicht nur Fixed Income scheint eine Spielwiese der Notenbanken, weltweit gibt es auch einige Zentralbanken, die enorme Mengen an Aktien halten – allen voran die Bank of Japan. Auch die Tschechische Nationalbank, die zum Herbst den Leitzins deutlich anhob, hält Aktien. Doch Ausdruck von gestiegenen Inflationssorgen sind die Assets wohl nicht, da auch Zentralbanken ohne Aktien im ­Bestand zu einer Straffung ­ihrer Geldpolitik übergehen.

Vielerorts rund um den Globus zieht die Inflation deutlich an. ­Aktuell gibt es weltweit einige Notenbanken, die an der Zins­schraube drehen. Manchmal ist das aus purer Not getrieben, wie im Fall von Brasilien, das aktuell einen Leitzins von 7,75 Prozent hat. Die Inflationsrate in dem südamerikanischen Land ist im Laufe­ des Jahres stark angestiegen und liegt inzwischen bei über zehn Prozent. Während die Zentralbank der Eurozone angesichts historisch hoher Inflationsraten weiter von einem vorübergehenden Phänomen ausgeht, scheint sich der amtierende und frisch ­ernannte Fed-Chef Jerome Powell, so Dr. Jens Erhardt in seiner ­Finanzwoche vom zweiten Dezember, zum geldpolitischen Falken zu entwickeln. In den USA stieg die Inflationsrate auf über sechs Prozent im Oktober, wodurch der Druck auf die Fed wächst. Powell kündigt eine straffere Geldpolitik an und reduziert die Anleihekäufe­ der Federal Reserve, während die Terminmärkte bereits von einer dreifachen Zinserhöhung in den USA im kommenden Jahr ­ausgingen, so Erhardt. Konkret angekündigt hat Jerome Powell ­eine Zinserhöhung noch nicht.

Meist sind es aber Zentralbanken kleinerer Staaten, die aktuell ihre Geldpolitik straffen und ihre Leitzinsen erhöhen. So zum Beispiel die Tschechische Nationalbank: Sie erhöhte den Leitzins in ­mehreren Stufen zuletzt sogar auf 2,75 Prozent. Von 0,5 Prozent Anfang August erhöhte die Bank zunächst auf 0,75 Prozent, im September verdoppelte sie auf 1,5 Prozent und Anfang November schließlich hob sie dann den Leitzins auf 2,75 Prozent. Bei ihrer letzten Zinsentscheidung legte die Czech National Bank, CNB, ­sogar ganze 125 Basispunkte drauf, was geldpolitisch ein ­drastischer Schritt ist. Ihre Entscheidung begründete die Zentralbank mit den gestiegenen Inflationserwartungen. Die allgemeine Teuerung ­werde während des Winters sieben Prozent erreichen, erwartet sie. Durch eine straffere Geldpolitik im Lauf des Jahres 2022 soll die ­Inflation sich wieder dem Zwei-Prozent-Ziel nähern, so die Czech National Bank in einer Mitteilung. Auch in Ungarn und Polen ­liegen die Leitzinsen aktuell im europäischen Vergleich hoch: Bei 2,1 und 1,25 Prozent.

18 Milliarden Euro in Aktien

Ähnlich wie die japanische oder die Schweizerische Notenbank hält auch die Czech National Bank selbst Aktien auf ihrer Bilanz. 2015 schrieb die Czech National Bank: „Die Investition von zehn ­Prozent der CNB-Reserven in Aktien war ein Erfolg. Die Bank hat in eine besser-performende Asset-Klasse diversifiziert und ihre Risk-­Return-Position verbessert.“ Gemäß dem Annual Report 2020 hielt sie Ende 2020 Aktien im Wert von 468,535 Milliarden ­Tschechischen Kronen, umgerechnet circa 18,4 Milliarden Euro auf der Bilanz. Der überwiegende Teil der Papiere notiert in Euro (240 Milliarden CZK), desweiteren diversifiziert die Zentralbank über Papiere aus dem S&P 500 (112 Milliarden CZK), dem FTSE 100, dem japanischen Nikkei 225 sowie kanadischen und australischen Aktien.­Interessant ist auch, dass die Czech National Bank bei den Kredit-risiken ihrer Assets stark in Deutschland übergewichtet ist: Ende 2020 hielt sie deutsche Papiere im Wert von 973,787 Milliarden CZK, ­umgerechnet 38,2 Milliarden Euro. Die deutsche Inflationsrate von zuletzt 5,2 Prozent (November) – auch diese dürften die tschechischen Währungshüter ­also mit Sorge betrachten. Dass es einen dirkten Zusammenhang zwischen den Inflationssorgen der Notenbank und ihrer Aktienanlage gibt, lässt sich nicht belegen.

Die Notenbank mit dem weltweit mit Abstand größten Aktien-­Exposure dürfte die Japanische Notenbank sein. Um das heimische Finanzsystem zu stabilisieren, begann die Bank of Japan im Jahr 2010 damit, börsennotierte Aktien-ETF-Anteile zu kaufen. Im ­November 2020 hielt die Zentralbank solche ETF-Anteile im Wert von 434 Milliarden US-Dollar und wurde damit zum größten ­„Aktionär“ des Landes. Der japanische Government Pension ­Investment Fund liegt seitdem auf Platz zwei. Zugute kommen dürfte der Zentralbank auch, dass die Dividenden japanischer ­Unternehmen in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt haben. Laut Nikko Asset Management haben sich die Dividenden im ­Tokyo Stock Exchange Index seit 2013 mehr als verdoppelt. Sonderlich besorgt um die Inflation muss die japanische Notenbank nicht sein: Die Inflationsrate in Japan betrug zuletzt 0,1 Prozent (Oktober). Historisch tief und legendär liegen dementsprechend auch die Leitzinsen in Fernost: Der aktuelle Leitzins in Japan beträgt ­minus 0,1 Prozent (Oktober).

Schweizer SNB streicht fossile Investments

Auch die Schweizerische Notenbank, die SNB, kauft Aktien. Die SNB hält Aktien aus den verschiedenen Wirtschaftssektoren grundsätzlich gemäß deren Marktkapitalisierung. In Aktien und ­Unternehmensanleihen von systemrelevanten Banken weltweit ­investiert die Zentralbank jedoch nicht. Bei ihrer Aktienanlage ­verfolgt die SNB über Ausschlüsse auch Grundsätze der Nachhaltigkeit. Ende 2020 erweiterte die Nationalbank das Ausschluss­kriterium betreffend Umwelt. Neu schließt sie auch Aktien und Anleihen von Unternehmen aus, die primär Kohle abbauen, da in der Schweiz ein breiter Konsens für den Kohleausstieg besteht, heißt es im Geschäftsbericht 2020 der SNB. Zu einem Wechsel der Zinspolitik in Richtung einer Leitzinserhöhung hat die Aktien­anlage aber nicht geführt – im Gegenteil. Die Schweizerische ­Nationalbank hat einen aktuellen Leitzins von minus 0,75 Prozent. Für einen Wechsel ihrer Geldpolitik gibt es in der Schweiz im ­Moment auch wenig Grund, denn die Schweiz ist bisher von der Teuerungswelle weitgehend verschont geblieben. Die Inflation lag im Oktober im Alpenland bei 1,3 Prozent.

Ein weiterer Kandidat mit Leitzinserhöhungsambitionen dagegen liegt im Norden Europas. Die Norwegische Zentralbank erhöhte im September die Leitzinsen leicht auf aktuell 0,25 Prozent. Sie selbst hält zwar keine Aktien – dafür hat aber der von einer ihrer Tochtergesellschaften, der Norges Bank Investment Management, ­gemanagte norwegische Ölfonds eine Menge Aktien im Portfolio. Vielleicht sind die Inflationssorgen und die jüngste Zinserhöhung aber auch dadurch beeinflusst, dass rund 30 Prozent der Assets des umgerechnet 1,4 Billionen schweren Government Pension Fund Global (GPFG) in festverzinslichen Papieren angelegt sind und man deren Renditen schwinden sieht? Die Zentralbank begründete­ die jüngste Zinsanhebung allerdings mit der sich normalisierenden wirtschaftlichen Situation nach den Beschränkungen durch die Pandemie. „Eine sich normalisierende Wirtschaft unterstellt, dass es angemessen ist, mit einer allmählichen Normalisierung des Leitzinses zu beginnen“, sagte Zentralbankchef Øystein Olsen anlässlich der Zinserhöhung im September. Die zugrundeliegende Inflation sei zwar niedrig, aber die zunehmende Aktivität und das steigende Lohnwachstum würden dazu beitragen, die Inflation in Richtung des Inflationsziels von zwei Prozent zu treiben. Zuletzt lag die Inflationsrate in Norwegen bei 4,6 Prozent (Oktober), nach vier Prozent im August und im September.

Norwegen plant weitere Zinserhöhungen

Die Norwegische Notenbank hat als dezidiertes Ziel, die Inflation niedrig und stabil zu halten („keeping inflation low and stable“). Auch soll die Zentralbank durch Bereitstellen einer robusten und effizienten Infrastruktur die Stabilität im Finanzsystem fördern. Seit Mai 2020 hatte der Leitzins bei null Prozent gelegen. Zwischen 2014 und 2019 schwankte er zwischen 0,75 und 1,5 Prozent. Für ­Dezember hat die Norwegische Notenbank bereits eine weitere ­Anhebung des Leitzinses angekündigt. Insgesamt vier weitere Zinsschritte bis Ende 2022 könnten folgen – und ein Zinssatz von dann 1,25 Prozent.

Immer wieder wird darüber spekuliert, dass auch die großen ­Zentralbanken wie die Fed und die EZB im Zuge ihrer Wertpapierkaufprogramme eines Tages auch Aktien kaufen könnten, ­beispielsweise um die Märkte zu stabilisieren. Japan, die Schweiz und auch Tschechien zeigen, dass Notenbanken mit Aktienanlagen auch ihr Risiko diversifizieren können. Doch ein direkter ­Zusammenhang zwischen der Aktienanlage einer Notenbank und ihrer­ Zinspolitik lässt sich nicht ermitteln, dafür gibt es zuviele Faktoren, die die Geldpolitik beeinflussen. Beeinflussen kann die Aktienanlage aber die Risikobetrachtung. Die Schweizer Notenbank zum Beispiel hat in ihrem Aktienportfolio ein deutliches Übergewicht an amerikanischen Papieren. Dadurch ist sie auch von der US-Zinspolitik nicht unbeeinflusst, während die Bank of Japan vor allem im heimischen Aktienmarkt investiert. Für die Tschechische Nationalbank sind Euro-Papiere und deutsche Wertpapiere von Bedeutung – und damit auch der geldpolitische Kurs der Europäischen Zentralbank.

Aktuell liegt die Inflationsrate in der Eurozone bei 4,9 Prozent ­(November 2021). Im Juli 2021 hat der EZB-Rat seine neue ­geldpolitische Strategie vorgestellt, der zufolge die EZB nun mittelfristig Inflationsraten von zwei Prozent anpeilt. Das neue Inflations­ziel sei „symmetrisch“, das heisst, Abweichungen von diesem Ziel nach oben und unten sind gleichermaßen unerwünscht. Es dürfte spannend werden, was EZB-Präsidentin Christine Lagarde im ­Dezember an geldpolitischen Entscheidungen verkünden wird, ­zumal die Stimmung in der Öffentlichkeit hierzulande bereits stark in Richtung einer geldpolitischen Straffung tendiert. Der Druck auf die Euro-Währungshüter dürfte weiter steigen.

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