Schwarzer Schwan
27. November 2015

Ein Koloss aus Lehm

Von dem erfolgsverwöhnten und steinreichen US-Hedgefonds-Manager Ray Dalio stammt folgendes Bonmot: „To have a great company you have to make two things great – the culture and the people.” Was sich so leicht daher sagt und noch leichter zitieren lässt, ist in der Praxis mitunter ein Knochenjob, von dem Firmenlenker ein Lied singen können.

Da können Unternehmensberater noch so lange auf die Geschäftsleitung einreden, „Leadership“ predigen und den Segen einer gesunden Firmenkultur herausstreichen. Das ganze Brimborium und Beraterkauderwelsch nutzt nichts, wenn die Menschen, um die es letztlich geht – die Mitarbeiter –, sich nicht mitgenommen fühlen und gegen jeden „Veränderungsprozess“ auf die Barrikaden gehen. Worum es geht? Um die in die Jahre gekommene und an der Börse mit mageren 84 Milliarden Euro bewertete Siemens AG. Erzrivale General Electric ist mehr als dreimal so wertvoll.  
Der heutige Firmen- und langjährige Finanzchef, Josef „Joe“ Kaeser, hat der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erst kürzlich ein brisantes Interview gegeben. Darin beklagt er bildreich, dass „eine Lehmschicht“ Siemens bedecke, die ihn daran hindert, das Traditionsunternehmen fit für die Zukunft zu machen. Die Ausgangslage: Einerseits ist Kaeser mit erheblichen Widerständen konfrontiert, etwa aus dem Gewerkschaftslager, andererseits saust ihm die Zeit davon. Das seit August 2013 amtierende Firmenoberhaupt will das Dax-Schwergewicht umbauen, auf Rendite trimmen und zur enteilten General Electric aufschließen – und nicht als CEO im Bundesverband Lehm e.V. zur Förderung des Lehmbaus Normen, Richtlinien und Informationsblätter herausgeben.
Gleich am ersten Arbeitstag schrieb Kaeser an die rund 350.000 Beschäftigten, er werde „Siemens in ruhigeres Fahrwasser zurückführen“. Doch so richtig ruhig ist das Fahrwasser um den Technologietanker bis heute nicht. Das mag nicht zuletzt an Kaesers Drehbuch zur Neuaufstellung des Industriekonglomerats liegen. Es trägt den Titel „Vision 2020“ und sieht drei Etappen vor. Nicht alles auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Geht es nach dem Firmenoberhaupt, dann bleibt bei Siemens in nächster Zeit kein Stein auf dem anderen. „In zehn Jahren haben wir 50 Prozent des Geschäfts ausgetauscht“, beschreibt er seine persönliche Vision 2025. 
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Vielleicht täte es auch eine kurzfristigere, aber tatkräftigere Vision 2016? Vorbild General Electric strotzt nur so vor Tatendrang und will beispielsweise seine Tochter GE Capital bis Ende 2016 fast komplett veräußern. Bislang wurden bereits Vermögenswerte im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar verkauft, darunter große Teile des Immobiliengeschäfts. GE Capital war einst der größte Teil des GE-Konzerns. Nun steht auch die unter dem Namen GE Asset Management (GEAM) betriebene Vermögensverwaltung zur Disposition. Der Geschäftszweig soll an eine andere Investmentfirma veräußert werden. Der Ableger verwaltet derzeit Assets in Höhe von rund 115 Milliarden US-Dollar für institutionelle und individuelle Anleger. Von so viel wertschöpfender Euphorie sind die Münchner meilenweit entfernt. 
Unter der Lehmschicht brodelt es 
Und wie es um das Gemeinschaftsgefühl bei Siemens bestellt ist, zeigt die Klage von Kaeser über interne Bremser. Die wiederum klagen über seine eigenwillige Art der Führung und seinen sehr begrenzten Kreis von Ratgebern. Dabei will der Spitzenmanager doch vieles besser machen als sein glückloser Vorgänger Peter Löscher. Den Lehm formen will er aber offenbar nicht: „Wenn nötig werden wir den Widerstand brechen“, kündigt er mit harschen Worten an. Bereits Löscher hatte einst von einer Lehmschicht gesprochen und damit die Strukturen im mittleren und oberen Management gemeint. 
Aus Investorensicht hat Kaeser keine andere Wahl, als die internen Widersacher auszubooten. In den vergangenen fünf Jahren hat das Dax-Mitglied seine Benchmark drastisch verfehlt: Während der Dax-Kursindex um knapp 37 Prozent anzog, steckte die Siemens-Aktie offenbar etwas im Lehm fest und legte nur um magere zwölf Prozent zu. In den vergangenen zwei Jahren sieht die Bilanz noch zäher aus, wobei Aktionäre abgesehen von Dividendenzahlungen unterm Strich Buchverluste eingefahren haben, während der Dax mit einem Plus von gut elf Prozent auch dieses Rennen klar für sich entscheidet. Ganz zu schweigen von General Electric: Dort lässt der oben skizzierte Umbauprozess die Aktie haussieren. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio einen schönen ersten Advent. 
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