Strategien
5. November 2021

Emerging Markets, Nachhaltigkeit und Ökumene

Auch in diesem Jahr standen Umweltfragen, Soziales und Aspekte guter Unternehmensführung bei der Jahreskon­ferenz im Zentrum zahlreicher Gesprächsrunden. Zum Beispiel bei der Panel-Diskussion „Nachhaltigkeit – das christliche Weltbild in der Kapitalanlage“ mit einer überraschenden Ökumene.

Moderatorin dieser ganz besonderen ­Gesprächsrunde mit Vertretern der Missionszentrale der Franziskaner, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und von Fondsgesellschaften war Martina Macpherson. Sie ist ­Präsidentin des Network for Sustainable Financial Markets, einer in London registrierten Denkfabrik, sowie Autorin und viel ­beschäftigte ESG-Spezialistin.

In ihrer ersten Frage an den Präsidenten der Missionszentrale der Franziskaner, Pater Matthias ­Maier, erkundigte sich Macpherson, wie er und sein Hilfswerk des römisch-katholischen Franziskanerordens ethisches Investment betreiben. „Unser Ziel ist das Gemeinwohl für ­alle. Wir als Franzis­kaner haben eine sehr lange Tradition und versuchen, eine alte ­Philosophie und Theologie des Mittelalters aufzunehmen“, entgegnete Maier.

700 Jahre Erfahrung im Umgang mit Geld

Die Franziskaner haben bereits im Mittelalter die ­Arbeit von Banken und Händlern kritisch hinterfragt. Von Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage war damals aber noch nicht die ­Rede. Im 21. Jahrhundert interpretieren sie diesen Ansatz neu: Seit 13 Jahren legt das Hilfswerk nachhaltige Investmentfonds auf – ­globale Fonds unter dem Namen Terrassisi. „Hier versuchen wir die mehr als 700-jährige Geschichte des Umgangs von ­Franziskanern mit Geld in ein modernes Investment umzusetzen“, erläuterte David Reusch, Geschäftsführer der Missionszentrale der Franziskaner, den Ursprung des Anlagekonzepts, dem ein mehrstufiger Nachhaltigkeitsansatz zugrunde liegt. Der Clou: „Ein Teil der Verwaltungsvergütung fließt an uns als Hilfswerk. Wir können damit unsere Arbeit und unsere Hilfsprojekte unterstützen“, so Reusch.

Jahreskonferenz als Ort der Ökumene

Bei der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig gibt es ein ähnliches Konzept, wie Oberkirchenrat Dr. Jörg Mayer, Leiter der dortigen Finanzabteilung, hervorhob. Die verschiedenen ­Glaubensgemeinschaften stellen sich also dem Thema ethisches Investieren und verfolgen dabei geistesverwandte Ziele. „Ich finde es wunderbar, dass wir hier ökumenisch auftreten“, sagte Mayer mit Blick auf die anderen Teilnehmer des Panels. „Und ich habe den Eindruck, dass wir ganz nah beieinander sind.“ Den Fokus auf die eigene Kapitalanlagestrategie gerichtet, betonte der Kirchen­finanzierer: „Unsere Glaubwürdigkeit hängt davon ab, wie wir ­Verantwortung übernehmen und wahrnehmen.“ Und daraus leite sich eine Investmentperspektive ab, die von Verantwortung geprägt sei. Mayer sprach von der „Verantwortung vor Gott und den ­Mitmenschen. Wir können also gar nicht anders, als ethisch investieren zu wollen.“

Oberkirchenrat Dr. Jörg Mayer arbeitet mit dem Leitfaden für ethisch-nachhaltige Investments.
Oberkirchenrat Dr. Jörg Mayer arbeitet mit dem
Leitfaden für ethisch-nachhaltige Investments.

In der Kapitalanlage verbindet die Landeskirche in Braunschweig mehrere Ziele miteinander. „Einerseits müssen wir ökonomische Grundsätze beachten. Unsere Geldanlagen müssen also auch ­etwas abwerfen. Andererseits sollen sie sozialverträglich, ökologisch und nachhaltig sein.“ Ein Spagat, gerade in der Post-Zins-Ära mit ihren mageren Renditen in fast allen Anlageklassen. Die Landeskirche weist Versorgungsverpflichtungen in Höhe von etwa 400 Millionen Euro aus – bei einer Bilanzsumme von einer halben Milliarde. Mayer muss 3 Prozent Rendite erwirtschaften. Nur dann kann er den Verpflichtungen langfristig nachkommen. Im Tagesgeschäft orientiert sich Investor Mayer am Leitfaden für ethisch-nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche.

Leitfaden thematisiert auch internationalen Bezugsrahmen

Dieser Leitfaden vom Arbeitskreis kirchlicher Investoren ­beschreibt Anlageinstrumente und definiert Ausschluss- und andere ­Selek­tionskriterien. Dabei geht es immer um die Frage, wie ­Kirchenvertreter für sie geeignete Anlagen in die ethisch-­nachhaltige Geldanlage einbauen können. Außerdem thematisiert der Leitfaden auch den internationalen Bezugsrahmen und die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SGDs) der Vereinten ­Nationen.

Der Arbeitskreis geht auch aktiv auf die Unternehmen im Investmentuniversum zu. Er ­betreibt Engagement und damit einen Nachhaltigkeitsansatz, der über die reine Stimmrechtsabgabe auf Hauptversammlungen ­(„Voting“) hinausgeht.

Mit ESG-Daten gute und schlechte Firmen aufspüren

Jeremy Kent, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft NN ­Investment Partners, lenkte die Aufmerksamkeit der Gesprächsteilnehmer auf ESG-Ratings, von denen es dank eines harten Wettbewerbs in der Szene und einer wachsenden Menge auswertbarer Daten zunehmend mehr gibt. „Einen großer Teil unserer Zeit ­verwenden wir auf das unternehmensspezifische Research der ­Unternehmen, die wir in unsere Portfolios aufnehmen.“ Dazu ­nutzen sie bei NN externe ESG-Ratings, ­stellen aber auch interne Analysen an. „Mit ihrer Hilfe bestimmen wir die Unternehmen, die in ihrer Vergleichsgruppe besonders gut oder auch besonders schlecht aufgestellt sind“, erläuterte der Portfoliomanager.

Ebenso wie der Arbeitskreis kirchlicher Investoren und andere Großanleger suchen auch Kent und seine Mitstreiter den direkten Draht zur Chefetage der Unternehmen, in die sie investieren. „Wir versuchen natürlich Veränderungen zum Besseren anzustoßen, insbesondere in Sachen ESG.“ Der Nachhaltigkeitsansatz „Engagement“, der aktive Dialog mit Unternehmen, ist übrigens nicht nur auf der ­Aktienseite praktikabel. Darauf wies Frank Diesterhöft von Insight Investment hin. „Investoren besitzen über ihre Fixed-­Income-Investments, die häufig noch immer einen wesentlichen Teil ihrer ­Kapitalanlage ausmachen, einen großen Hebel, im Gespräch mit Vorständen umstrittener Unternehmen Veränderungen zum Besseren anzustoßen.“

Die Franziskaner um Pater Matthias blicken auf mehr als 700 Jahre Erfahrung mit Geld zurück.
Die Franziskaner um Pater Matthias blicken auf
mehr als 700 Jahre Erfahrung mit Geld zurück.

Ebenso wie Portfoliomanager Kent machte aber auch Panel-Teilnehmer Diesterhöft deutlich, dass Investoren sich in jedem Fall ein eigenes Bild von dem jeweiligen Unternehmen machen sollten. Es reiche nicht aus, auf die Ergebnisse der ESG-Rating-Agenturen ­abzustellen, sondern man müsse als Geldgeber nachbohren. ­„Entweder in ­Eigenregie oder man nutzt Asset Manager, die diese wichtige Aufgabe zusätzlich übernehmen“, betonte Diesterhöft.

ESG-Ratings kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Moderatorin Macpherson griff diesen Punkt auf und erläuterte, dass ESG-Analysten häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen ­kommen. Grund dafür seien unterschiedlichen Rating-Konzepte der Anbieter. Legt man deren Rating-Noten nebeneinander, zeige sich eine Korrelation von spärlichen 0.61. Heißt: Die Bonitäts- und Nachhaltigkeitswächter bewerten ein und dasselbe Unternehmen mitunter ganz anders, setzen bisweilen unterschiedliche Schwerpunkte. Für Anleger, die aus den Bewertungsnoten Anlageentscheidungen ableiten wollen, bedeutet das: tiefer bohren. ­Übrigens sind sich die Bewertungsprofis bei klassischen Kredit-Ratings weitgehend einig, abzulesen an einer Korrelation von 0.99.

Wie wichtig Großanlegern das Thema Nachhaltigkeit ist, zeigte auch eine andere Panel-Diskussion. Übergeordnetes Thema waren aber die Schwellenländer. Für die meisten Großanleger sind die Emerging Markets seit Jahren Teil der strategischen Vermögens­allokation. Die Anlageprofis erwarten, dass Aktien, Renten und ­Alternatives aus den aufstrebenden Nationen ihren Beitrag zur ­Diversifikation des Gesamtportfolios leisten.

Covid-19 trifft Schwellenländer hart

Seit der Finanzkrise muss man hier aber Fragezeichen setzen. „In den vergangenen rund zehn Jahren war die Aussicht auf die gewünschte Diversifikation schwierig zu erreichen“, kommentierte der Moderater dieses Panels, Dr. Harald Eggerstedt vom Berater Faros Consulting. „In Zeiten wachsender Risiken fließt das Geld nun einmal in Länder mit einer größeren Markttiefe, zu bekannteren Institutionen“, so Eggerstedt mit Blick auf die Krisen der zurückliegenden Dekade. Und mit Verweis auf die Rendite von US-Staatsanleihen. Zuletzt ­litten die Schwellenländer immer wieder unter Kapitalabflüssen, etwa wegen der Corona-Krise und der Aussicht auf steigende Zinsen in den Vereinigten Staaten. „Es kam zu Rückschlägen bei der Bewertung in den Emerging Markets – ohne, dass in den ­Ländern selbst allzu viel passiert ist“, so Eggerstedt.

Von einem „verlorenen Jahrzehnt für Emerging Markets“ sprach rückblickend Achim Walde, Währungsspezialist von Metzler ­Capital Markets. „Wenn eine Emerging-Market-Währung das ­Vertrauen der Anleger verliert, kann das zu einer Abwärtsspirale und zu hohen Währungsverlusten kommen, die sich nicht wieder aufholen lassen“, warnte Walde. Profi in Sachen Schwellenländer und ausgefeilten Portfoliostrukturen ist Jens Güldner, Leiter Vermögensmanagement der Johannesstift Diakonie, wie aus seinem Eingangsstatement herauszuhören war: „Die Emerging Markets sind für uns ein sinnvoller Baustein in der Asset Allocation. Wir sind seit mehr als zehn Jahren investiert, und zwar sowohl auf der Aktien- als auch auf der Rentenseite“, erläuterte Jens Güldner und erläuterte auch gleich noch, wie er dazu vorgeht: „Wir machen das auf ­Zielfondsebene. So können wir unser Risikomanagement ­besser umsetzen.“

Spezialfonds steht auch dank Emerging Markets gut da

In ihrem eigenen Spezialfonds verknüpft die Johannesstift ­Diakonie Nachhaltigkeit und Emerging Markets. Das Portfolio wird zweimal im Jahr von der Rating-Agentur ISS ESG auf Herz und Nieren geprüft und bis hinunter auf die Einzeltitelbasis bewertet. Das betrifft Güldner zufolge auch die Zielfonds in den Schwellenländern. Im Ergebnis kennt der Finanzprofi jede Position im ­Detail. Mit an Bord ist ISS ESG. Die Rating-Agentur bewertet das Portfolio der Johannesstift Diakonie mit 53,5 von 100 möglichen Punkten. Ein guter Wert! Mit diesem Ergebnis erreicht es den begehrten „Prime“-Bereich. „Seit zweieinhalb Jahren schaffen wir es stetig, mit unserem Portfolio über dieser Prime-Schwelle zu sein. Und die Emerging Markets haben dazu ihren Beitrag geleistet.“

Soka-Bau hält Anleihen in Hart- und Lokalwährungen

Maria ­Leitzbach von der Soka-Bau investiert ebenfalls in Schwellenländer, mischt dem Portfolio neben Aktien und Renten auch ­Alternatives bei. „Wir verstehen die Emerging Markets als lang­fristige Anlageklasse“, erläuterte sie in Berlin. Im Anleihesegment ist die Pensionskasse zu gleichen Teilen in Hartwährungs- und ­Lokalwährungspapieren investiert. Insgesamt vier Prozent des Portfolios bestehen aus Emerging Market Debt. Hinzu kommen ­etwa 3,5 Prozent Aktien.

Trotz „gemischter Erfahrungen“, insbesondere bei Lokalwährungsanleihen, will Leitzbach an ihren aktiv verwalteten Schwellen­länderstrategien festhalten. Und tiefer in die Materie eintauchen! „Wir kommen von einem sehr globalen Emerging-Markets-­Portfolio und suchen nun nach Nischen bei Aktien und Anleihen.“ Konkret investiert Soka-Bau nun auch in die weniger beachteten Frontier Markets. Sie sind bei weitem nicht so liquide wie die etablierten Schwellen­ländermärkte. Für den EM-Platzhirsch China wiederum haben die Wiesbadener im vergangenen Jahr ein separates Mandat eingerichtet. Beide Strategien sind Teil eines Trends: „Wir suchen nicht mehr Investments, die sich an globale Indizes anlehnen, sondern wir ­suchen Nischen, die langfristig Wachstum bieten.“

Symbiose von Nachhaltigkeit und Emerging ­Markets

Die wohl perfekte Symbiose von Nachhaltigkeit und Emerging ­Markets zeigt sich im Portfolio der Fair-Finance Vorsorgekasse aus Wien, die eine aktive Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt. Vorstandsmitglied Johannes Puhr präzisierte: „Wir haben einen ganz speziellen Fokus auf Impact und investieren in Themenfonds wie Klima, Social Businesses, nachhaltige Immobilien, alternative Energiequellen oder Mikrofinanz, wo ein Portfolioanteil von zehn Prozent direkte Wirkung erzeugen kann, weil man unmittelbar auch in Schwellenländern investiert ist.“ Und damit schließt sich insofern der Kreis, als „alle unsere Investments dem Aspekt der Nachhaltigkeit unterliegen“, wie Puhr betonte.

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