Erneut setzt ein Immobilienfonds die Rücknahme aus
Der offene Immobilien-Publikumsfonds Fokus Wohnen Deutschland steht unter Druck. Nun setzt die KVG die Rücknahme und Ausgabe von Anteilen aus.
Die Probleme bei offenen Immobilienfonds nehmen immer größere Ausmaße an. Nachdem die Wohnselect Kapitalverwaltungsgesellschaft die Rücknahme von Anteilen des offenen Immobilienfonds Wertgrund Wohnselect D mit Wirkung zum 15. Januar 2026 vorübergehend ausgesetzt hatte, geht nun auch die Industria diesen Weg. Sie hat die Rücknahme und Ausgabe der Anteile für den offenen Immobilien-Publikumsfonds Fokus Wohnen Deutschland mit Wirkung zum 26. Februar auf Eis gelegt.
Die Rücknahme der Anteile wurde nach Unternehmensangaben „gemäß den gesetzlichen Vorgaben ausgesetzt, weil die liquiden Mittel des Sondervermögens nicht ausreichen oder nicht sogleich zur Verfügung stehen, um sowohl den Rücknahmepreis für die zur Rückgabe fälligen Anteile zu zahlen als auch die ordnungsgemäße laufende Bewirtschaftung des Sondervermögens sicherzustellen“, wie es in einer Mitteilung heißt. Darin bezeichnet sich die Industria als einen Spezialisten für Investitionen in deutsche Wohnimmobilien. Firmensitz ist Frankfurt am Main.
Nach der Zinswende steigen Finanzierungskosten, Transaktionen dauern länger
Die Ursache des Rücknahme- und Ausgabe-Stopps sind vielfältig. „Ein wesentlicher Einflussfaktor für die anhaltende Krise am Immobilienmarkt war die abrupte Zinswende im Jahr 2022. Seitdem sind die Finanzierungskosten deutlich gestiegen, Transaktionen dauern länger und das gesamte Transaktionsvolumen ist gesunken“, heißt es bei der Industria.
Das veränderte Kapitalmarktumfeld habe zudem dazu geführt, „dass alternative Anlageformen für viele Anleger wieder attraktiver wurden. Die offenen Immobilien-Publikumsfonds sind von dieser Entwicklung zeitverzögert betroffen und haben seit mehr als zwei Jahren hohe Nettomittelabflüsse zu verzeichnen. Eine Trendwende ist aktuell nicht absehbar.“
Dieser Entwicklung habe sich auch der Fokus Wohnen Deutschland nicht entziehen können. Seit Dezember 2025 habe sich der Trend noch einmal verstärkt. Die Kapitalverwaltungsgesellschaft Intreal, die das Sondervermögen verwaltet, habe „nach einer sorgfältigen Abwägung aller Argumente für eine Aussetzung der Rücknahme der Anteile entschieden“.
Verkaufserlöse schaffen nicht genügend Liquidität
Den Angaben zufolge wurden seit 2024 insgesamt zehn Objekte mit einem Volumen von 163 Millionen Euro verkauft. Allerdings seien die Veräußerungen bislang nicht ausreichend und der weitere Erfolg der Verkäufe sei schwer zu planen. Gleiches gelte für etwaige weitere Mittelabflüsse, heißt es.
Thomas Wirtz, Geschäftsführer der Industria Immobilien, erläutert: „Die Entscheidung über die Aussetzung wurde nach einer sorgfältigen Abwägung aller Argumente getroffen. Oberstes Ziel ist, die Interessen aller Anleger zu wahren – die Interessen der investierten Anleger und die Interessen derjenigen, die ihre Anteile zurückgegeben haben oder dies noch tun werden.“
Jens Grathwol, Head of Fund Management bei Industria, fügt hinzu: „Unsere Kapitalverwaltungsgesellschaft ist bestrebt, die Rücknahme der Anteile so schnell wie möglich wieder aufzunehmen. Aktuell wurden zehn Immobilien für Verkäufe identifiziert, um weitere Liquidität für die Bedienung von Anteilrückgaben zu generieren. Diese Objekte werden aktuell am Markt angeboten.“
Der Fokus Wohnen Deutschland wurde 2015 von der Intreal aufgelegt. Er wird seitdem von dieser administriert. Das Asset Management übernimmt seit Auflage die Industria (Eigenschreibweise: INDUSTRIA) Immobilien GmbH. Das Sondervermögen investiert überwiegend in deutsche Wohnimmobilien in Ballungsräumen und hält aktuell 45 Objekte mit insgesamt 2.743 Wohn- und 163 Gewerbeeinheiten. Das Bruttofondsvermögen beläuft sich auf rund 993 Millionen Euro.
Silberstreif am Horizont
Zurück zur Wohnselect Kapitalverwaltungsgesellschaft. Der Wertgrund Wohnselect D (Eigenschreibweise: WERTGRUND WohnSelect D) ist seit 2010 am Markt. Seine Manager investieren ausschließlich in deutsche Wohnimmobilien mit langfristig stabilen Cashflows. Über mehr als 15 Jahre hinweg wurde so ein breit diversifiziertes, rein deutsches Wohnimmobilienportfolio aufgebaut, wie das Unternehmen Mitte Januar erklärte.
Was die Schaffung von Liquidität angehört, hatte der Vorstand der Wertgrund Immobilien GmbH, Thomas Meyer, damals aber ein ernüchterndes Fazit gezogen: „Seit Mitte 2025 haben sich Verkaufsprozesse erneut deutlich erschwert und verlängert; derzeit rechnen wir mit Transaktionsdauern von deutlich mehr als sechs Monaten.“
„Deutsche Wohnimmobilien bleiben eine attraktive Anlageklasse und wir sehen eine gute Chance auf eine Fortführung des Fonds nach dem Ende der Rücknahmeaussetzung“, meint Vorstand Meyer. „Die strukturellen Perspektiven im deutschen Wohnsegment bleiben grundsätzlich intakt. Neubauaktivitäten in Deutschland liegen deutlich unter dem Bedarf, viele regionale Wohnungsmärkte sind angespannt und die Mieten zeigen langfristig stabile bis steigende Tendenzen.“
Deutsche offene Immobilien-Publikumsfonds verwalten laut der International Real Estate Business School an der Universität Regensburg ein Fondsvolumen von rund 118 Milliarden Euro. Das sei die mit Abstand größte Form der indirekten Immobilienanlage.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Immobilienfonds | Immobilienkrise
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