Statement
24. Februar 2020

ESG als Faktor für Risiko und Rendite

Die Berücksichtigung von ESG-Kriterien ist in Aktienportfolios bereits recht weit verbreitet. In Fixed Income-Portfolios ist dies bisher nicht in vergleichbarer Form der Fall. Da ESG-Faktoren jedoch nachgewiesenermaßen das Potenzial zur Steigerung von Renditen und zur Minderung des Abwärtsrisikos besitzen, sollten sie unserer Ansicht nach unbedingt zum ­Instrumentarium versierter Anleihekäufer gehören, um die Portfolioperformance zu optimieren.

Die Zeiten, in denen Umwelt- und Ethikfragen für Anleger lediglich eine Zusatzoption waren, liegen endgültig hinter uns. Umwelt-, ­Sozial- und Governance-Faktoren („Environment, Social and Governance“, ESG) haben sich von einer willkommenen ­Ergänzung von Anlageprodukten zu einem elementaren Portfoliobaustein ­gewandelt – und das aus gutem Grund. Knapp ein Drittel der ­Anleger ist überzeugt, dass Portfolios, die ESG-Faktoren ­integrieren, sich voraussichtlich besser entwickeln werden als diejenigen ohne ESG-Integration (RBC Global Asset Management 2018 ­Responsible Investing Survey). Als Instrument zur potenziellen Generierung von Alpha sollte der Ansatz also nicht außer Acht gelassen werden. Doch erfahrene Anleger haben ihr Augenmerk nicht nur auf die Gewinne gerichtet. Für die langfristige Performance kann das ­Risikomanagement ebenso bedeutend sein. Und ESG-Prinzipien werden der RBC-Studie zufolge von 67 Prozent aller Anleger als risikomindernd betrachtet. Bei kombinierter Betrachtung von Risiko und Rendite zeigt sich, dass das Vertrauen in die ESG-Analyse als ­Instrument zur übergreifenden Portfoliooptimierung wächst.

Chancen für den Fixed Income-Sektor

Lange Zeit waren Aktien die Hauptanlageklasse, in der ESG-Prinzipien einem Praxistest unterzogen wurden: Nahezu 85 Prozent der Akteure, die ESG-Faktoren berücksichtigten, taten dies der RBC-Studie zufolge im Aktiensegment. Die Studie zeigt jedoch auch, dass ESG-Analysen mittlerweile auch über das Aktiensegment ­hinaus eingesetzt werden – 60 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, sie auch für ihre Fixed Income-Portfolios zu nutzen.

Unserer Überzeugung nach sind Anleihen die nächste Anlageklasse, in der ESG-Kriterien in den Blickpunkt geraten. Doch welche Vorteile bieten sich für Anleihenanleger? Entscheidend ist das Potenzial von ESG-Kriterien, Schutz vor Abwärtsrisiken zu bieten.
Zwar können sowohl Aktien- als auch Anleihenanleger davon ­profitieren, ESG-Faktoren für die Risikominderung einzusetzen. Doch für Anleger im Fixed Income-Sektor ist dies von entscheidender Bedeutung, da das Wachstumspotenzial von Anleihen begrenzt, das mögliche Abwärtsrisiko jedoch erheblich ist.

Im direkten Vergleich hat sich ergeben, dass ESG-Faktoren stärkere Vorteile für die Reduzierung von Abwärtsrisiken als für die Steigerung des Aufwärtspotenzials bieten, weshalb sie gerade für Fixed Income-Anleger ein sinnvolles Kriterium darstellen. Insbesondere mit Blick auf Staatsanleihen zeigt sich, dass Analysen, die neben traditionellen makroökonomischen Variablen auch ESG-Faktoren berücksichtigen, belastbarer sind. Woran zeigt sich dies konkret? Eine gute ESG-Performance führt bei Staatsanleihen gemessen an den Spreads im Regelfall zu einem geringeren Kreditrisiko.

ESG-Potenzial erschließen

Um ESG-Faktoren erfolgreich in den Fixed Income-Bereich zu ­integrieren, ist ein aktiver Anlageansatz nach unserer Überzeugung unverzichtbar. Das Hauptargument für einen passiven Anlagestil sind die vermeintlich niedrigeren Kosten, doch im Anleihegeschäft wird hier zuweilen an der falschen Stelle gespart. Einzelne Volkswirtschaften und die globale Wirtschaft stellen komplexe Systeme dar. Sie sind keine Maschinen, die nach einem schlichten Input-Output-Prinzip funktionieren. Modelle und quantitative Verfahren können hilfreiche Erkenntnisse liefern – dasselbe gilt jedoch auch für menschliche Akteure. Da zahlreiche ESG-Risiken am Markt nur wenig bekannt sind, kann es leicht geschehen, dass Anlage­gelegenheiten falsch bewertet werden.

Durch ein aktives Anlagemanagement können Investoren Fehl­bewertungen identifizieren, ihre Anlagen proaktiv platzieren und so Renditen erzielen. Die kostengünstigeren passiven Anlage­strategien verfolgen dagegen einen groben Indexfolger-Ansatz und ­berücksichtigen somit also keine Anlagechancen aus Fehlbe­wertungen. Dies senkt ihr ­Potenzial, Alpha zu generieren. Neben der finanziellen Bonitätsanalyse können aktive Manager ESG-­Faktoren als zusätzlichen ­Filter einsetzen. Zudem können ESG- Faktoren auch als Indikator für die Qualität des Managements ­genutzt werden: So lässt sich davon ausgehen, dass Emittenten mit niedriger ESG-Bewertung in einigen Fällen ein höheres Risiko und eine geringere Liquidität ­aufweisen, was sich in ihren Credit ­Ratings jedoch nicht ausreichend widerspiegelt.

Intelligente Anwendung

Da ESG-Strategien zunächst für Aktien entwickelt wurden, können sie nicht 1:1 auf Anleihemärkte übertragen werden – ein gewisser Grad der Anpassung ist unumgänglich. So bieten etwa „Best in class“-Strategien umfangreiche Möglichkeiten für Aktieninvestments unter Berücksichtigung von ESG-Faktoren, sind jedoch auf den Anleihemärkten nur begrenzt anwendbar. Ein Ansatz, der in beiden Anlageklassen wirksam eingesetzt werden kann, ist jedoch die ESG-Integration. Der Ansatz setzt auf die systematische Ein­beziehung wesentlicher ESG-Faktoren im Rahmen des Anlage­prozesses. Er eignet sich optimal für die charakteristischen ­Merkmale von Anleihen und ihre individuellen Risikoprofile.

ESG und die Erfordernisse der Anleihemärkte

Höhere Renditen mögen für viele Anleger der wichtigste Anreiz sein, doch die Berücksichtigung von ESG-Faktoren bei Anleihen kann auch für gesellschaftliche Verbesserungen sorgen. ­Angesichts der wachsenden geopolitischen Instabilität und der ­eskalierenden Folgen des Klimawandels wird den langfristigen ­positiven Aus­wirkungen von ESG-Strategien zunehmend ­Beachtung geschenkt. Der Fixed-Income-Markt ist erheblich größer als das Aktienuni­versum (zwei Drittel gegenüber einem Drittel) und ­umfasst ­staatliche Emittenten sowie Emittenten in Staatsbesitz. Hierdurch entstehen Möglichkeiten, staatliches Handeln zu beeinflussen.

Es ist allgemein bekannt, dass Aktionäre bei Aufsichtsratssitzungen Einfluss nehmen können. Doch auch Anleihebesitzer haben Macht. Zwischen Anlegern und Emittenten besteht eine Vertragsbeziehung. Dies bietet die Chance, ESG-Kriterien in Emissionsvereinbarungen schriftlich festzuhalten.

Die Macht der Anleihebesitzer

Da Anleihen für die Emittenten eine finanziell effiziente Weise der Mittelbeschaffung darstellen (im Gegensatz zu den ­Aktienmärkten), sind viele von ihnen kontinuierlich an den Anleihemärkten aktiv und streben hierbei möglichst niedrige Kapitalkosten an. Dies ist ihnen nur möglich, wenn die Anleger darauf vertrauen, dass die Emittenten fähig und willens sind, ihre Verpflichtungen ­einzuhalten. Hierdurch erhalten die Anleger potenziell die Möglichkeit, in den Emissionsvereinbarungen Verbesserungen für Gesellschaft und Umwelt langfristig festzuschreiben.

Unserer Ansicht nach ergeben sich Vorteile daraus, dass Fixed-­Income-Anleger das Thema ESG erst spät entdeckt haben. Aktienanleger haben die Grundlagen des Ansatzes bereits festgelegt und so wichtige Vorarbeit geleistet. Dennoch gibt es nach wie vor ­großen Spielraum, wenn es darum geht, ESG-Kriterien als Anlageinstrumente an den Anleihemärkten einzusetzen, um Renditen zu erschließen und eine Absicherung gegen Abwärtsrisiken zu ­erreichen. Künftig bedarf es wohl eines größeren Angebots an ESG-basierten Fixed-Income-Angeboten, aus denen Anleger wählen können. Halten Sie die Augen offen!

Es braucht Flexibilität

Interview mit Stephen Thariyan, Partner, Co-Head of Developed Markets, BlueBay

Die Duration lang und die Bonität niedrig erwies sich als simples Erfolgsrezept. Was ist das Erfolgsrezept für die Zukunft?

War es tatsächlich so einfach? Zum Erfolg beigetragen haben unsere Positionierungen im Zusammenhang mit den QE-Programmen der Banken, die Untergewichtung ­beeinträchtigter Sektoren, die Vermeidung weitreichender Kreditausfälle und von ­„gefallenen Engel“. Basis hierfür war eine sorgfältige Auswahl und insbesondere ein flexibles Mandat, das den Managern ausreichend Spielraum lässt, vor dem Hintergrund sich verändernder technischer und fundamentaler Daten Wertnischen im gesamten Rating-Spektrum auszunutzen.
Dieselbe Strategie werden wir auch in ­Zukunft anwenden. Allerdings stehen wir zusätzlich vor der Herausforderung, dass die Bewertungen noch ungünstiger ­geworden sind und wir in einem teuren Umfeld weiter nach Wertpotenzial suchen müssen. In ­einem relativ günstigen Wachstumsumfeld sehen wir Carry als Renditemaßstab und nehmen eine noch aktivere Haltung ein, wenn ­unerwartete exogene Ereignisse zu Neubewertungen am Markt führen. Unser Erfolg beruht auf der Flexibilität in Bezug auf ­Ratings und auf unseren Fachkenntnissen in Bereichen wie hybride Finanz- und ­Unternehmensanleihen, Investitionen in strukturierte Produkte sowie Absolute-­Return-Strategien, die für Flexibilität im ­gesamten Fixed-Income-Universum sorgen.

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