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6. März 2026

ESG-Indizes ohne ausreichenden Impact

Wenn grüne Finanzierungen die Kapitalkosten emissionsintensiver Unternehmen erhöhen, entstehen Investitionsanreize zur Dekarbonisierung. ESG- und Klimaindizes sollen Kapital gezielt in klimafreundliche Geschäftsmodelle lenken und relative Finanzierungsvorteile schaffen. Als Benchmarks und Grundlage passiver Nachhaltigkeitsprodukte kommt ihnen eine zentrale Rolle zu.

Doch wie groß ist ihr ökonomischer Effekt? Unsere Studie „ESG/Climate vs Conventional Indices: Their Difference in Climate Premium“ (mit Dr. Bernd Scherer) analysiert 420 ESG- und Klimaindizes im Vergleich zu ihren Mutterindizes. Gemessen wird die Differenz in der Klimaprämie – also jenem Teil der Kapitalkosten, der auf ökologische Charakteristika zurückzuführen ist.

Das Ergebnis (Stand Mai 2023): Die durchschnittliche Differenz beträgt -2,4 Basispunkte. Der Effekt ist statistisch signifikant, ökonomisch jedoch gering. Zur vollständigen Internalisierung der gesellschaftlichen CO₂-Kosten wären – je nach Modellannahmen – mehrere hundert Basispunkte erforderlich. Ein zweiter Befund: Die Mutterindizes weisen bereits eine klimabezogene Kapitalkostensenkung von rund 17 Basispunkten auf. Kapitalmärkte reflektieren ökologische Risiken also bereits. Der zusätzliche Effekt expliziter ESG- oder Klimaindizes bleibt begrenzt; der Spielraum für weitere Differenzen ist kleiner als häufig angenommen.

Wodurch entstehen die Unterschiede? Entscheidend ist weniger das ESG-Label als die Abweichung vom Marktportfolio. Je stärker ein Index konzentriert ist und sich vom Mutterindex entfernt, desto größer fällt der Effekt auf die Klimaprämie aus. Impact erfordert echte Allokationsentscheidungen. Wer Tracking Error minimiert, minimiert den Einfluss auf Kapitalkosten. Thematische Unterschiede spielen eine untergeordnete Rolle. Auffällig ist jedoch, dass einzelne ESG-Themen – etwa Indizes mit Fokus auf Frauenanteile in Vorständen – teilweise höhere Kapitalkosten aufweisen. Nachhaltigkeitsdimensionen wirken also nicht zwingend in dieselbe ökonomische Richtung. Für Investoren bedeutet das: ESG- und Klimaindizes ermöglichen Wertausrichtung bei begrenztem Performance-Risiko. Wer substanzielle Kapitalkostenveränderungen erzielen möchte, muss größere Marktabweichungen akzeptieren.

Aus regulatorischer Perspektive ist die Frage, ob Green Finance in seiner aktuellen Ausgestaltung die gewünschte Lenkungswirkung entfaltet – oder ob der Effekt strukturell begrenzt bleibt. Alternativ bleibt die direkte Lösung: eine explizite Bepreisung von CO₂.

Katja Scherer ist Mitautorin der Studie und zum Zeitpunkt der Forschung wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dortmund

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