Warum Governance besonders wichtig ist

Krisen gehören zum Finanzgeschäft wie Butter zum Brot. Aber nicht alle Krisen haben externe Ursachen. Der Drang, Dinge auf Kante zu nähen, ist weit verbreitet. Während im Maschinenbau ­zumeist mit vielfachen Sicherheitsredundanzen gearbeitet wird, ­arbeitet man im Finanzsektor oft mit „Leverage“ und Bonus­systemen. Das bilanzielle Vorsichtsprinzip wurde durch „Mark-to-Market“ ersetzt, das exakter sein soll, aber vor allem hohe Boni ­ermöglicht. Händler haben Banken in gefährliche Schieflagen bis zur Insolvenz getrieben. Risikosysteme, wo Banken eigentlich ihr spezielles Know-how haben sollten, versagen regelmäßig. Die leicht vermeidbare Subprimekrise oder der Cum-Ex-Skandal zeigen, wie viele Banker sich gleichgerichtet verhalten.
Dass eingegriffen werden muss, ist klar. Die Wirtschaftstheorie ­liefert dafür genügend Ansätze. Im neoinstitutionalistischen Sinne agieren Finanzinstitute als „Agenten“ mit ­Informationsvorsprüngen. Dies gilt im Verhältnis zu ihren Kunden, den „Prinzipalen“. Aber auch innerhalb der Finanzhäuser selbst gibt es Probleme. Überall dort, wo jemand im Auftrag eines anderen tätig wird, besteht die Gefahr, dass der Beauftragte aufgrund eines Informationsvorsprungs zum eigenen Wohl und zu Lasten seines Auftraggebers ­arbeitet. Regeln und Aufsicht sind nötig.
Vielleicht ist unser Ärger über lästige Governance-Strukturen vom Grundsatz her falsch. Karl Marx hat Zeit seines Lebens versucht, seine Konzepte tief aus der Menschheitsgeschichte heraus zu ­entwickeln. Er begann mit den kleinen Gruppen, in denen unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler, zusammenlebten. Hier wusste jeder alles vom anderen. Der soziale Druck war hoch. Bis ins späte Mittelalter lebte die Masse in überschaubar großen Orten mit hoher sozialer Kontrolle. Erst in unserer Zeit wurde die Welt anonym.
Wer im Nachbarappartement lebt, weiß man nicht. Ob die Menschen, die sich regelmäßig in einem Bürogebäude versammeln oder sich in Zoom besprechen, etwas Nützliches für die Gesellschaft tun, oder diese ausbeuten und deren Normen verletzen, ist kaum rechtzeitig zu erfahren. Das kann sich eine Gesellschaft nicht leisten. Man kann es auch so formulieren: wenn die Menschen aus den Kirchen austreten und den moralischen Kompass verlieren, dann kommen die Regeln eben von anderer Stelle.
Die Qualifizierung von Governance-Regeln als Kriterium für ­Nachhaltigkeit erweitert den bisherigen Kanon von Maßnahmen verantwortungsvollen Handelns um eine Facette. Banken tun gut daran, ihre diesbezüglichen Aktivitäten zu verstärken. Versäum­nisse werden in Zukunft nicht mehr nur von behördlicher Seite, sondern von der Gesellschaft als Ganzes und vom Markt bestraft.

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