10. Februar 2012

ETF-Anbieter treffen im Morningstar-Roundtable-Gespräch aufeinander

Börsengehandelte Indexfonds werden für eine Vielzahl strategischer und taktischer Anwendungen im Portfoliomanagement eingesetzt. Dr. Dirk Klee (Blackrock), Simon Klein (Société Générale) und Thorsten Michalik (Deutsche Bank) diskutieren mit Dr. Caroline Herkströter (Norton Rose) die aktuellen Herausforderungen.

Börsengehandelte Indexfonds (ETFs) gelten als besonders transparent, günstig und liquide. Neben voll replizierenden ETFs sind Indexfonds am Markt etabliert, die die Performance ihrer Benchmark mit Hilfe von Swap-Geschäften nachbilden. Doch in jüngster Zeit wird unter den Marktteilnehmern zunehmend die Frage nach der Sicherheit von ETFs laut. Während so mancher Investor swap-basierte Fonds aufgrund möglicher Gegenparteirisiken moniert, kritisieren andere die Wertpapierleihe, die für ETF-Anbieter regelmäßig Zusatzertrag generieren soll. Die Europäische Aufsichtsbehörde Esma erwägt derweil, das regulatorische Rahmenwerk für Ucits und damit auch ETFs zu überarbeiten, wie einem jüngst vorgelegten Konsultationspapier zu entnehmen ist.
Ali Masarwah: Frau Dr. Herkströter, meine Herren, die ETF-Branche hat die Zahlen zum vergangenen Jahr vorgelegt. 2011 war für die Index-Tracker ein durchwachsenes Jahr, in Europa ist das verwaltete Vermögen in ETFs leicht geschrumpft. Es gab Zuflüsse, ganz im Gegensatz zu den aktiv verwalteten Fonds, aber die Inflows haben im Gegensatz zu 2008 nicht dafür sorgen können, dass ein Wachstum bei den Net-Assets stattgefunden hat. Das bringt mich auch gleich zur Eingangsfrage: Was hat die Branche stärker behindert, die marktbedingten Einflüsse wie die Euro-Krise, oder war es vielleicht die Diskussion um Risiken von ETFs, die ja die Branche zum guten Teil selbst initiiert hat?
Simon Klein: Ich gehe sehr stark davon aus, dass die Entwicklung 2011 ausschließlich auf die Märkte zurückzuführen ist. Wenn man sich das Bild genauer anschaut, dann sieht man ja, dass wir bis zur Mitte des Jahres doch weitaus höhere Zuflüsse hatten, speziell in Emerging-Market-ETFs wurde investiert. In der zweiten Jahreshälfte hat sich der Trend umgekehrt. Anleger haben sich wieder aus den Emerging-Markets zurückgezogen. Was im ersten Halbjahr gekauft wurde, stand im zweiten auf der Verkaufsliste. Speziell ab August ging es richtig los, Monat für Monat haben sich die Abflüsse beschleunigt. Anleger haben sich aus breitem europäischem Exposure zurückgezogen und haben in Länder-ETFs investiert, hauptsächlich in DAX-Produkte, „Flight to Quality“ war hier das Thema. Und natürlich war Gold noch ein weiterer Trend. Der Anleger investiert nicht aufgrund von regulatorischen Vorschriften sondern verlässt sich auf das Produkt und darauf, dass die Ucits-Richtlinien funktionieren. ETFs sind Sondervermögen. Ich denke, dass ein Ergebnis der Regulierungsdiskussion ist, dass wir künftig mit ETFs wahrscheinlich ein noch sichereres und transparenteres Produkt bekommen werden.
Dirk Klee: Das durchwachsene Jahr war überwiegend der Marktsituation geschuldet. Die ETF-Branche ist aber auch 2011 gewachsen, im Gegensatz zu eigentlich allen anderen Produktkategorien. Die Wachstums-Story ist intakt, aber man kann sie natürlich nicht linear auf 30 % jährlich fortschreiben, so wie wir das in den letzten zehn Jahren gesehen haben. Die Diskussion um Risiken war keine rein interne Diskussion, sondern ist von den Regulierungsbehörden an uns herangetragen worden. Die ETF-Branche ist ein Wachstumsfeld, und da wollen die Regulierungsbehörden viel pro-aktiver agieren seit der Finanzkrise. Sie wollen früher und genauer hinschauen, was in der Finanzbranche passiert. Wir haben immer darauf hingewiesen, dass die Produktflut und auch die zunehmende Komplexität über die Zeit adressiert werden müssen, und ich glaube, das war eine reinigende, im Endeffekt positive Diskussion für die gesamte Branche. Und von jetzt ab sollten wir uns wieder auf das Wachstum konzentrieren, nämlich dieses überragende Produkt weiteren Kundengruppen schmackhaft machen. Die Voraussetzung dafür sehe ich als sehr gut an.
Thorsten Michalik: Nachdem wir über Jahre als Wachstumsbranche bezeichnet worden sind, wird jetzt die Krise für ETF ausgerufen. Ich denke, da sollte man jetzt die Kirche im Dorf lassen. Die Märkte sind 13 % nach unten gegangen, und diesen Wertverlust hat die ETF-Industrie durch Nettozuflüsse auf plus/minus 1 % reduziert. Und was hat die Konkurrenz gemacht?  Bei Aktien als Einzelanlage ist fast nichts gelaufen. Gleiches gilt für die aktive Fondsindustrie, die in Europa bis Ende 2011 Mittelabflüsse von 124 Milliarden Euro verzeichnet hatte. Die ETF-Branche hat sich gerade vor dem Hintergrund unheimlich gut geschlagen. Deswegen war es eigentlich fast schon ein sehr erfolgreiches Jahr.
Masarwah: So ganz kann ich Ihnen nicht zustimmen. Wenn ETFs heute gerade einmal 2,8% des europäischen Fondsmarkts ausmachen und eine Wachstumsin-dustrie darstellen, hätte ich gedacht, dass noch Spielraum für mehr Wachstum ist, zumal – Sie haben es ja selber gesagt – die aktiven Fondsmanager sehr hohe Ab-flüsse hatten. Warum nicht das Jahr 2008 als Maßstab nehmen? Wenn man sich vor Augen führt, dass wir auch im abgelaufenen Jahr eine handfeste Krise im Euroraum hatten, die durchaus mit dem Fall Lehman verglichen werden könnte.
Michalik: Wir hatten im letzten Jahr eine Vertrauenskrise, und da konnten wir froh sein, dass wir überhaupt Anleger gefunden haben, die bereit waren, zu investieren.
Klein: Geld, das in ETFs investiert wird, ist fast immer sehr schnelles Geld. Insofern ziehen Sie da eine interessante Parallele. Welche Rückschlüsse kann man ziehen, was denkt der ETF-Anleger heute? Wenn er die Situation genauso wie 2008 ein-schätzen würde, dann würde er auf eine Erholung des Marktes spekulieren und investieren. Institutionelle Anleger glauben vielleicht nicht so sehr an eine Erholung wie damals 2008?
Klee: Langfristig, gerade, was die institutionellen Investoren anbelangt, ist der Trend doch ungebrochen. Es gibt zwei große Themen: Das eine ist Risikomanagement und das andere ist die Nachfrage nach klaren, transparenten und liquiden Produkten. Und dieser Trend setzt sich weiter fort. 2008 war ein Sonderjahr. Die Lehman-Pleite war ein unmittelbares Crash-Ereignis, das große Umschichtungen nach sich zog. Heute haben wir eine lange, schleichende Krise. Und dennoch entwickeln sich die ETFs weiterhin sehr gut.
Michalik: Vielleicht müssen wir auch andere Statistiken beachten. Der Dachfonds-markt in Österreich hat ein Volumen von ungefähr 30 Milliarden Euro. 2008 waren davon ungefähr 1% in ETFs investiert. Heute sind es 8%. Es findet ein Umdenken statt. Aber es ist momentan so viel Unsicherheit im Markt, dass so gut wie kein neu-es Geld investiert wird.
Masarwah: Herr Klee, Sie haben ja von der reinigenden Diskussion gesprochen. Was macht Sie denn da so sicher, dass diese Diskussion in der Branche beendet ist? De facto hat sich doch nichts Neues seitdem ergeben. Die Verunsicherung an den Märkten ist geblieben, die Investitionszurückhaltung, und auch wohin die Regulierung von Finanzprodukten führen wird, ist nicht klar. Warum also soll die Diskussion beendet sein? Haben Sie die internen Querelen in der Branche beendet?
Klee: Die Diskussion ist nicht beendet, aber sie hat bereits zu Verbesserungen bei den ETF-Anbietern insgesamt geführt, was das Thema Offenlegung und klare Be-zeichnung von Risiken angeht. Ich glaube, wir haben uns da seit jeher auf einem sehr hohen Niveau im Rahmen des UCITS-Mantels bewegt, und wir haben hier, soweit ich das sehen kann und für die meisten Anbieter sprechen kann, noch mal an Schärfe nachgelegt. Wir begrüßen daher die jüngsten Vorschläge der ESMA für ETF-Richtlinien. Wir unterstützen regulatorische Reformen, die die Transparenz erhöhen und dem Anlegerschutz dienen. Die Diskussion hat auch dazu geführt, dass wir erneut gegenüber unseren Kunden unsere Standards offengelegt und uns auf sie verpflichtet haben. Die Standards sind heute besser als vor ein, zwei Jahren. Vielleicht konnten wir uns voneinander auch besser abgrenzen. Wir stehen ja für ein Produkt, das von außen weitgehend identisch wirkt. Die Argumente liegen jetzt auf dem Tisch und ich glaube, die Kunden können sich jetzt ein gutes Bild machen. Von daher sehe ich uns als Industrie auf einem sehr guten Weg.
Den zweiten Teil der Gesprächsrunde ("Regulatoren sehen die Risiken nicht nur bei ETFs") finden siehier.
portfolio institutionell newsflash 08.02.2012/tbü
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