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4. Februar 2020

First Mover aus dem Norden

Von skandinavischen Ländern lässt sich nicht nur in puncto ­Bildungssystem und Wohlfahrtsstaat etwas lernen, sondern auch in Sachen Nachhaltigkeit der Kapitalanlagen. Ein Überblick über die europäischen ESG-Schrittmacher.

Den gleichen mühevollen Weg, auf den sich – oftmals getrieben von Regulierung und Risikomanagement – nun deutsche Pensions­kassen und Versicherungen machen, sind andere Investoren teils schon vor Jahren gegangen. Wobei der Weg für die ESG-Vorreiter aus Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen, aber auch aus den Niederlanden und Frankreich, wohl noch beschwerlicher war. Denn es fehlten ihnen die Erfahrungswerte, welche Investoren, die sich nun Gedanken über die Integration von Nachhaltigkeits­überlegungen in das Portfolio machen, zur Verfügung stehen. Schon deshalb lohnt sich ein Blick in die Nachbarländer.

Denn in dem Ranking der 500 größten Asset Owner, welches die NGO Share Action 2017 veröffentlicht hat, schneiden die deutschen Investoren hinsichtlich ihrer Klimastrategie überwiegend unterdurchschnittlich ab. Bester deutscher Investor ist noch die Allianz auf Rang 57, eine ganze Reihe von deutschen Investoren wurden nach der auf der Methodologie der Task Force for Financial ­Reporting basierenden Untersuchung mit dem schlechtest­möglichen Rating X bewertet, was bedeutet, dass entweder keine Informationen bereitgestellt wurden oder aber eine Klimastrategie ungenügend war. Seitdem ist auch unter deutschen Versicherern und Pensionskassen ordentlich Musik in die Sache gekommen. Dies kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass andere den Ton angeben. Der französische Pensionsfonds Fonds de Réserve pour les Retraites (FRR) etwa, der eine umfangreiche Dekarbonisierungsstrategie verfolgt. Oder der finnische Versicherer Varma, der mit einer über alle Asset-Klassen ausgerollten Strategie bis 2035 klimaneutral werden will. Oder aber der dänische Pensionsfonds PKA, der ein großes Renewables-Portfolio aufgebaut hat und sich auch in anderen Themen grüner Infrastruktur stark positioniert. Blickt man über den deutschen Tellerrand hinaus, so sind es vor allem skandinavische, niederländische und französische ­Investoren, die ambitioniert, aber mit Augenmaß vorangehen.

Anfrage beim schwedischen Pensionsfonds AP4, der im 2018er ­Rating der Pensionsfonds führend war. Tobias Fransson, Head of Strategy & Sustainability, verweist auf ein sehr strukturiertes ­Verfahren, wenn es darum geht, Klimarisiken zu adressieren. Dies sei bei fast allen Vorstandstreffen Thema, die Verantwortlichkeiten seien klar zu allen Head of Investments delegiert. Das Resultat ist messbar: Im Jahresbericht von 2018 wies AP4 für die Aktien­allokation ein gegenüber einem breit gestreuten weltweiten Equity-Index um 37 Prozent vermindertes Exposure zu CO₂ aus. Das ­Beispiel AP4 verdeutlicht auch, wie stark die Implementierung Work-in-Progress ist. So committete sich AP4 im Jahr 2014, also noch vor dem Pariser Klimaabkommen, bis 2020 Aktien zu 100 Prozent in Low-Carbon-Strategien zu investieren. Bereits 2012 hat AP4 die erste Investition in eine Low-Carbon-Strategie getätigt. Seitdem habe sich jedoch die Investmentlandschaft deutlich weiterentwickelt, wie Fransson ausführt. Nicht nur gebe es nun eine Vielzahl von Strategien, auch AP4 hat eine Entwicklung weg von extern gemanagten passiven Aktien­strategien hin zu intern gemanagten aktiven Aktienstrategien hingelegt. So wird inzwischen der Großteil des Aktienportfolios, welches in 2018 53,5 Prozent des 349,3 Milliarden SEK (34,1 Milliarden Euro) umfassenden verwaltenden Vermögens ausmachte, aktiv inhouse gegen Standard-MSCI-­Indizes gemanagt.

Laut Fransson von AP4 sprechen verschiedene Gründe für diesen Strategiewechsel: So verfolgt AP4 die Reduktion von Klimarisiken in der Absicht, eine Outperformance zu erzielen. Low-Carbon-­Indizes seien jedoch als Tool zu nah am Mainstream: „Wir möchten der Zeit voraus sein und klimabezogene Positionen vor dem ­allgemeinen Markt einnehmen.“ Außerdem will AP4 mittlerweile eine Reihe von verschiedenen Nachhaltigkeitsindikatoren implementieren. Low-Carbon-Indizes sind hier schlichtweg zu wenig ­flexibel. Zu den Indikatoren, welchen AP4 besonderes Gewicht ­verleiht, zählt eine Priorisierung von Elektro- gegenüber ­Verbrennungsmotoren sowie Ausschlüsse von thermischer Kohle und Ölsande ab einer Umsatzschwelle von 20 Prozent.

Das Thema CO₂ dominiert nicht nur die internationalen Gipfel, sondern auch die Nachhaltigkeitsbemühungen von Investoren. Zwölf Asset Owner mit rund 2,4 Billionen US-Dollar verwaltetem Vermögen, darunter die Allianz, gaben im Rahmen der Net-Zero Asset Owner Alliance das Versprechen ab, bis 2050 ihre Kapital­anlagen klimaneutral anzulegen. Eine starke Ansage, auch wenn laut Weltklimarat bei Beibehalten der aktuellen Emission das ­globale CO₂-Budget zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels bereits in knapp acht Jahren und nicht erst 2050 erreicht ist und das Ziel ­bisher ­unzureichend mit konkreten Commitments hinsichtlich der Asset-Allokation unterlegt ist. Noch ambitionierter sind die Ziele des ­finnischen Versicherers Varma. Dieser gab im November 2019 mit der Verkündung der neuen Climate Change Policy bekannt, bereits bis 2035 klimaneutral zu investieren. Gelingen soll dies durch eine Serie von Maßnahmen, welche alle Asset-Klassen umfassen. Die Emissionen des Equity- und Corporate-Bonds-Portfolio sollen bis 2027 um 50 Prozent gegenüber 2016 sinken, thermische Kohle soll bis 2025 sowie die Ölförderung bis 2030 komplett deinvestiert ­werden. In Bezug auf das direkt gehaltene Immobilienportfolio sollen bis 2030 die Heizungen und bis 2025 die Elektrizität fossilfrei werden. Private-Equity-Investments in die Stromerzeugung sollen bis 2030 zu 50 Prozent erneuerbar sein. Bis 2025 sollen 35 Prozent der Index-Funds niedrige Emissionen aufweisen, alle aktiven Fonds werden ausschließlich Low-Carbon- und Sustainable-Development-Investment-Strategien verfolgen. Mit diesen konkreten ­Commitments gibt Varma einen konkreten Exit-Fahrplan, welcher ­sicherlich im Einzelnen anderen Investoren hinterher hinkt, welche ­bestimmte Schritte – etwa beim Divestment fossiler Energie­träger – deutlich früher gehen. Aber ambitioniert ist er allemal.

Unverkennbar spielen auch zivilgesellschaftliche Organisationen eine starke Rolle. So veröffentlichte WWF Dänemark 2016 ein ­Ranking von 16 großen dänischen Investoren anhand derer ­Klimastrategien, welches den größten Pensionsfonds Dänemarks, ATP, auf dem vorletzten Platz listete. Dies sorgte bei ATP für ­Entrüstung über die Methodik. Für die Neuauflage des Rankings im Jahre 2019 zeigte sich ATP verbessert, auch weil sie nun mit verbesserter Kommunikation und erhöhter Transparenz besser ­Einblicke geben konnten. Vergleicht man die Priorisierung, welche ­beispielsweise beim Erstgelisteten PKA dem Thema Klimawandel gegeben wird, mit dem zögerlichen Vorgehen von ATP, wird es ­jedoch nicht nur an der Methodik gelegen haben. So sind beispielsweise Kohleinvestments nicht a priori ausgeschlossen, wenn auch aufgrund der Risikobehaftung inzwischen exkludiert. Doch auch bei ATP ist sehr pragmatisch getrieben diesbezüglich Dynamik ­hineingekommen: So entwickelte ein Team von Quant-Spezialisten intern eine neue Anlagestrategie für das Portfolio ausländischer Aktien. 20 der 400 Unternehmen, in die ATP investiert war, ­wurden in der Folge Anfang 2019 ausgetauscht. Das CO₂-Exposure wurde um 26 Prozent gesenkt. Mit der entwickelten Methodik ­legte man ein starkes Gewicht auf das Management und deren ­Antworten auf den Klimawandel, nicht so sehr auf das aktuelle Exposure und erhält so eine stark vorausblickende Komponente.

Eskalationsstrategien notwendig

Auch mit einer rein risikobasierten Sichtweise kommt man also schon weit. Für die interne Umsetzung sei es jedoch enorm ­wichtig, eine interne normative Sicht auf die Dinge zu entwickeln und ­diese auch Asset Managern und gegebenenfalls einer breiteren Öffentlichkeit zu kommunizieren, so Peter Uhlenbruch von Share Action. „Sich gegenüber den Investitionsobjekten vollkommen neutral zu verhalten, funktioniert nicht mehr. Bezüglich des Klimawandels, aber auch in Puncto Biodiversität haben wir es nicht mit ethischen, sondern systemischen Fragen zu tun. Auf die normative Frage ­haben wir uns spätestens mit dem Pariser Klimaabkommen ­geeinigt“, so dessen Kollege Wolfgang Kuhn. Diese gilt es nun an alle Wirtschaftsakteure zu kommunizieren und dabei sein Gewicht als Investor in die Waagschale zu werfen.

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