Schwarzer Schwan
28. Juli 2017

Fundiertes Trendscouting

Daimler-Chef Dieter Zetsche wurde vor knapp zehn Jahren als ulkige Werbefigur „Dr. Z“ eingespannt. Heute versucht er sich als smarter Trendsetter.

Im Dickicht der Bleischwärze stach uns in dieser Woche eine Mitteilung der Hypovereinsbank-Tochter Wealthcap ins Auge. Die Münchner Immobilienspezialisten haben eine Online-Plattform gestartet, mit der neueste Trends kritisch untersucht und Auswirkungen auf die Märkte von morgen skizziert werden sollen. Nach eigenen Angaben betreibt Wealthcap „fundiertes Trendscouting“.
In München stuft man demnach die „echte Trendexpertise“ als entscheidenden Faktor ein, um langfristig werthaltige Investitionen zu gestalten. So erfährt der geneigte Leser zum Beispiel aus einer Studie, dass sich neben den Lebensbereichen Wohnen und Arbeiten die Mobilität bis 2040 signifikant verändern werde. „Es dürfte wohl in Metropolregionen hauptsächlich Elektroautos geben“, ist da zu lesen. Was schließen wir daraus? Alles spricht dafür, aufs Land zu ziehen. 
Viel zum Thema „Mobilität der Zukunft“ hat in dieser Woche auch das Vereinigte Königreich höchstselbst beigetragen. Das künftige Ex-EU-Mitglied kündigte am Mittwoch an, dass ab 2040 keine Neuwagen mit Benzin- oder Dieselmotoren auf der Insel mehr verkauft werden. Die Briten folgen damit laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dem Vorbild von Frankreich, das ein solches Verbot ebenfalls für 2040 anpeilt. Und was schließen wir daraus? Schnell noch einen Achtender aus München oder Stuttgart in die Garage stellen. 
Autos sind laut und müssen stinken
Während die deutsche Auto-Lobby nicht so recht weiß, wie ihr geschieht, hat der Vorstandschef des Öl- und Gasgiganten Shell, Ben van Beurden, sein Schicksal längst akzeptiert: „Sehr willkommen und notwendig“ sei das in mehreren Ländern angekündigte Verbot von Benzin- und Dieselmotoren in Neuwagen, sagte der Niederländer am Donnerstag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten laut FAZ. Der Klimaschutz lasse der Politik keine andere Wahl, sagte der Shell-Chef laut FAZ. Wenn der globale Temperaturanstieg, wie angestrebt auf zwei Grad Celsius beschränkt werden solle, dann müssten reiche Industrieländer in Europa vorangehen: „Wir müssen solche Dinge tun“, sagte van Beurden mit Blick auf das Verbot von Verbrennungsmotoren. 
Für den Klimaschutz muss nun aber auch die Öffentlichkeit Dinge tun, an die früher nicht zu denken war: Zum Beispiel die mit viel Marketing-Tamtam propagierte Formel-E-Rennserie im Fernsehen verfolgen, bei der Einheitsrennwagen von Elektro-Motoren angetrieben werden. An diesem Wochenende findet das Abschlussrennen der inzwischen dritten Elektroautosaison statt. „Gott sei Dank!“, entfährt es da dem Fan mit Benzin im Blut. 
Daimler-Chef und Formel-1-Fan Dieter Zetsche hinkte dem Zeitgeist zuletzt ein wenig hinterher. Doch jetzt spielt er den Trendsetter. Ab der Saison 2019 will er ein Mercedes-Team ins so gar nicht elektrisierende Rennen schicken. Im Gegenzug verabschiedet sich die Siegertruppe zum Ende der Saison 2018 aus der Rennserie DTM, bei der bis dato noch elend laute, dafür höllisch coole Verbrennungsmotoren für Unterhaltung sorgen. 
Während die Konkurrenz von BMW den Ausstieg des Dauerrivalen „mit großem Bedauern“ zur Kenntnis nimmt und die neue Situation nun bewerten müsse, freut sich Alejandro Agag, Gründer und Geschäftsführer der Formel E, wie Bolle: „Heute ist ein großartiger Tag, weil wir Mercedes in der Formel-E-Familie begrüßen dürfen. (…) Damit wächst die steigende Zahl der Hersteller, die sich an der elektrischen Revolution beteiligen." Und auch Porsche wird nachgesagt, bald in der Formel E mitzumischen. Das kann ja lustig, ähm, spannend werden. 
Betreiben Sie eigentlich auch fundiertes Trendscouting? Lassen Sie es uns wissen: redaktion (at) portfolio-verlag.com. Der Schwarze Schwan taucht jetzt in die Sommerpause ab und meldet sich mit elektrisierenden Trends am 1. September zurück. 
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