Versicherungen
28. Januar 2022

GDV fordert europaweit einheitliche Taxonomie

Die deutschen Versicherer wollen neben ihren Kapitalanlagen schrittweise auch ihr operatives Geschäft an ESG-Kriterien ausrichten. Doch das benötigt Zeit und klare Regeln, wie auf der GDV-Jahresmedienkonferenz deutlich wurde.

Die deutschen Versicherungsunternehmen blicken auf ein besonders belastendes Geschäftsjahr 2021 zurück. Das wurde auf der Jahresmedienkonferenz 2022 des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) am 27. Januar noch einmal deutlich. GDV-Präsident Dr. Wolfgang Weiler sagte während der virtuellen Veranstaltung: „Die Folgen von Starkregen und Hochwasser, die im Sommer 2021 in Teilen Deutschlands verheerend gewütet haben, haben uns erschüttert.“

Tief „Bernd“ sei die größte Naturkatastrophe, die Deutschland bisher erlebt habe. Weiler zufolge wurden bisher rund 250.000 einzelne Schadensfälle registriert, davon allein 50.000 Kfz-Schäden.

Vor allem die Flutkatstrophe sowie Hagelschläge im Juni hätten das Schadengeschehen im Geschäftsjahr 2021 geprägt. „Mit versicherten Schäden an Häusern, Hausrat, Betrieben und Kraftfahrzeugen von rund 12,5 Milliarden Euro ist 2021 das teuerste Naturgefahrenjahr Deutschlands seit Beginn unserer Statistik Anfang der 1970er-Jahre.“ Vor dem Hintergrund der Klimaveränderungen gehen Experten des GDV davon aus, dass Ereignisse wir „Bernd“ künftig häufiger auftreten werden.

Kapitalanlagen und Kerngeschäft folgen ESG-Kriterien

In diesem Zusammenhang werden Nachhaltigkeitsgesichtspunkte und ESG-Kriterien bei Investitionen, beim Versichern von Risiken aber auch für die Geschäftsprozesse der Branche von immer größerer Bedeutung, betonte Weiler. Doch in den einzelnen Kategorien gibt es große Unterschiede. „Hochgerechnet rund 80 Prozent der direkt oder indirekt gehaltenen Kapitalanlagen deutscher Versicherer werden nach ökologischen und sozialen Kriterien guter Unternehmensführung angelegt.“

Beim Versichern von Risiken achteten dagegen „mehr als ein Drittel“ des deutschen Marktes – gemessen an Beitragseinnahmen – auf ESG-Aspekte. „Der Anteil kann bis 2025 auf über 60 Prozent steigen, wenn die Versicherer bereits bestehende Planungen in die Tat umsetzen“, so Weiler.

Dass der ESG-Anteil im Versicherungsgeschäft im Vergleich mit den Kapitalanlagen deutlich niedriger sei, hat nach Angaben von GDV- Präsidiumsmitglied Dr. Norbert Rollinger vertragsrechtliche Gründe. „Hier befindet sich die Versicherungsbranche in einer etwas schwierigen Diskussion“, betonte Rollinger, der auch Vorstandschef der R+V Versicherung ist, mit Blick auf Forderungen von Umweltaktivisten, hier mehr zu tun.

Und er verwies mit Blick auf die Herausforderungen der Dekarbonisierung, dass man den Unternehmen, die die Transformationen umsetzen müssen, den Versicherungsschutz nicht einfach abschneiden könne. „Es gibt klare, politische festgesetzte Fristen für die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft. Und wir versuchen hier auch partnerschaftlich mit den Kunden diese Transformation zu begleiten.“

Mehr Anstrengungen beim Klimaschutz

Vor dem Hintergrund der Unwetterereignisse des vergangenen Jahres gab Weiler zu bedenken, dass sich die Gesellschaft „gegen mehr Extremwetter rüsten und vor allem auch mehr vermeidbare Schäden verhindern“ müsse. „Daher fordern wir unter anderem Bauverbote in hochwassergefährdeten Gebieten. Außerdem sollte bei Baugenehmigungen eine Klima-Gefährdungsbeurteilung verpflichtend sein. Und wir müssen bestehende Gebäude besser baulich schützen.“

Gleichzeitig strich Weiler auch die Rolle der Kapitalanlage heraus: „Nachhaltige Kapitalanlage ist eine Riesen-Chance. Nutzen wir sie!“ Der GDV-Präsident wies auf Pläne der Koalitionsparteien hin, Deutschland zu einem führenden Standort nachhaltiger Finanzierung machen zu wollen. „Zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten soll mehr privates Kapital mobilisiert werden. Grüne Bonds und Öffentlich-Private Partnerschaften sind dafür passende Instrumente, gerade für Versicherer als große und langfristig orientierte Investoren.“

Flickenteppich vermeiden

Mit Blick auf die laufenden Verhandlungen zur Nachhaltigkeits-Taxonomie auf europäischer Ebene plädierte Weiler für einheitliche Anlageregeln. Er betonte, dass es dem GDV wichtig sei, dass es klar formulierte Regeln gebe.

„Es ist wichtig, dass sie mindestens europaweit einheitlich sind. Es wäre uns sehr recht, wenn sie auch über Europa hinaus einheitlich wären. Was wir nicht möchten, wären Länderwahlrechte in einer Taxonomie-Verordnung.“ Diese würden zu einem Flickenteppich an Taxonomien führen, warnte der GDV-Präsident.

Um der Einheitlichkeit willen werde man auch in der deutschen Politik die eine oder andere Kröte schlucken müssen. Das sei aber ein politischer Prozess. „Uns geht es um die Einheitlichkeit.“

Weiler wies zugleich darauf hin, dass es innerhalb der durch die Taxonomie-Verordnung gesetzten Anlagegrenzen natürlich jedem Anbieter und damit auch jedem Versicherer „freisteht, gewisse zusätzliche Abgrenzungen zu treffen“, also eigene Ausschlusskriterien festzulegen. „Das ist jederzeit möglich. Und ich könnte mir vorstellen, dass das auch passiert.“

In seiner Rede begrüßte Weiler auch die Absicht der Aufsichtsbehörden, „bei der Überprüfung des Aufsichtsrahmens Solvency II den europäischen Versicherungsmarkt zu stärken, auch indem die Bedingungen für langfristige Investitionen verbessert werden sollen“. Mit der laufenden Überprüfung und Anpassung von Solvency II bestehe die Möglichkeit, das Kapital der Branche für den grünen Umbau der Wirtschaft noch stärker zu mobilisieren – „dafür müssen aber wichtige Voraussetzungen erfüllt und die Besonderheiten unseres langfristigen Geschäftsmodells berücksichtigt werden“.

Zehn Milliarden Euro fangen Babyboomer-Lasten nicht auf

Außerdem sprach Weiler über die Reformpläne der Bundesregierung in Sachen kapitalgedeckter Altersvorsorge.  Sicherheit und Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente müsse das Ziel jeder verantwortungsvollen Politik sein, sagte er. „Eine zusätzliche Kapitalreserve in der ersten Säule – 10 Milliarden Euro sind dafür im Haushalt 2022 vorgesehen – kann vielleicht helfen, den Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rente in späteren Jahren zu begrenzen“, räumte Weiler ein, gab aber auch zu bedenken, dass der Betrag die Lasten aus dem Übergang der Babyboomer in die Rente kaum auffangen werde.

„Umso wichtiger wird es, die ergänzenden, kapitalgedeckten Säulen wieder zu stärken. Für die betriebliche und die private Altersversorgung geht es vor allem darum, Freiraum zu schaffen – Raum für breitere Anlagemöglichkeiten, Raum für mehr Renditechancen.“ Aus GDV-Sicht setzt dies voraus, „dass Garantien mit Augenmaß gelockert werden“. „Eines brauchen wir nicht: den Staat als Anbieter in der freiwilligen, kapitalgedeckten Ergänzungsvorsorge“, so Weiler.

Billionenschwere Assets der Versicherer

Im Rahmen der Jahresmedienkonferenz gab der GDV auch aktuelle Zahlen zu den Kapitalanlagen der deutschen Versicherer bekannt. Am Stichtag 30. September 2021 summierten sich die Kapitalanlagen der Lebensversicherer erneut auf etwas mehr als eine Billion Euro (1.019,38 Milliarden Euro). Das sind rund 1,6 Prozent mehr gegenüber dem Jahresschlussstand 2020 (1.003,61 Milliarden Euro).

Die Erstversicherer wiederum halten Kapitalanlagen im Wert von 1.533,64 Milliarden Euro (31. Dezember 2020: 1.501,63 Milliarden Euro). Größte Anlageklasse in den beiden Versicherungsgruppen sind Renten (80,1 Prozent bei den Lebensversicherern, 79,5 Prozent bei den Erstversicherern) gefolgt von Beteiligungen (8,1 beziehungsweise 8,5 Prozent), Aktien (5,1/5,7 Prozent) und Immobilien (3,9/4,1 Prozent).

Ausführliche Zahlen des GDV über das vergangene Geschäftsjahr finden Sie hier.

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