Goldene Locken statt grauer Haare

Schriftzug der Commerzbank über einer Niederlassung: Beim Deckungsgrad der Pensionsverpflichtungen dominierte die Bank am Jahresende 2025 mit 121 Prozent die Führungsgruppe im Dax. Bild: Pexels.
Der Ausfinanzierungsgrad der Pensionswerke im Dax eilt von Rekord zu Rekord. Wer bei dieser wichtigen Kennzahl die Nase vorn hat und außerdem ein üppiges Planvermögen verwaltet, zeigen Auswertungen von WTW und Aon. Welche Anlageklassen besonders gefragt sind, auch das haben wir aufgeschrieben.
Es ist zu vermuten, dass den Unternehmerinnen und Unternehmern in Deutschland angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zunehmend graue Haare wachsen. Die Pensionswerke der börsennotierten Unternehmen bewegen sich hingegen in einem Umfeld, dem man das Prädikat „Goldlöckchen“ verleihen könnte. Damit ist allgemein gesprochen ein Zustand gemeint, der genau das richtige Mittelmaß zwischen zwei Extremen trifft: Es ist nicht zu heiß, nicht zu kalt; nicht zu viel und nicht zu wenig.
Goldene Löckchen sprießen vor allem bei den Pensionswerken der Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) – was sich am Ausfinanzierungsgrad ablesen lässt. Diese Kennzahl, bei der das angesammelte Planvermögen mit den Pensionsverpflichtungen ins Verhältnis gesetzt wird, entwickelt sich äußerst günstig. Deutlich wird das an der Modellberechnung „German Pension Finance Watch“ von WTW.
Laut der Beratungsfirma stieg der Ausfinanzierungsgrad der Dax-Unternehmen zur Jahresmitte auf 90,8 Prozent und damit erstmals über die 90-Prozent-Marke. Ende 2025 hatte er bei 87 Prozent gelegen, ein Jahr zuvor bei 82 Prozent. Laut der Beratungsfirma Aon hat inzwischen bereits rund jeder vierte Dax-Konzern seine Pensionsverpflichtungen vollständig durch Planvermögen abgesichert.
Treiber der positiven Entwicklung bei den Pensionswerken waren im ersten Halbjahr 2026 ein leichter Anstieg des internationalen Rechnungszinses um zehn Basispunkte auf 4,20 Prozent, was die Verpflichtungen im Nenner der Formel entlastet, sowie eine insgesamt positive Entwicklung der Kapitalmärkte, die den Zähler vergrößert. Laut der Modellberechnung legten die Planvermögen der Dax-Unternehmen zwischen Januar und Juni um 3,5 Prozent auf 264,9 Milliarden Euro zu.
„Trotz der zwischenzeitlich hohen Volatilität an den Kapitalmärkten haben sich die deutschen Pensionswerke im ersten Halbjahr 2026 bemerkenswert robust entwickelt“, erklärt Hanne Borst. Getragen von den Kapitalmärkten und dem weiterhin erhöhten Zinsniveau hätten die Ausfinanzierungsgrade vieler Pensionspläne zum Halbjahr erneut sehr hohe Werte erreicht, so die Leiterin Retirement Deutschland bei WTW.
Eine Frage der Asset-Allokation
Die Anlagestrategien der Dax-Firmen zielen laut Aon nicht auf eine maximale Rendite ab, sondern auf eine verlässliche, risikoadäquate Finanzierung der Zusagen. Die Planvermögen bestehen daher überwiegend aus Unternehmens- und Staatsanleihen, ergänzt um Aktien und Fonds, Versicherungsprodukte und Immobilien. Mithilfe von Asset-Liability-Analysen passen die Kapitalsammelstellen die Struktur und die Laufzeiten der Anlagen regelmäßig eng an die erwarteten Zahlungsströme aus den Pensionsplänen an.
Neben den direkten, unmittelbar von den Konzernen angebotenen Pensionsplänen können die Firmen auch Beiträge an externe Versorgungssysteme zahlen, also Pensionskassen, Pensionsfonds, Unterstützungskassen oder Versicherungen. Diese Zahlungen werden laut Aon oftmals als sogenannte Defined-Contribution-Aufwände gezeigt, die keine Rückstellungsbildung erfordern. In den Geschäftsberichten zeigen sich dafür bedeutende Beträge, die insbesondere auch auf außerhalb Deutschlands weit verbreitete Beitragszusagen zurückzuführen sind.
Siemens ist besonders planvermögend
Welche Schwerpunkte die Anlagestrategen im Einzelfall setzen, zeigt ein Blick in die Bücher von Siemens. Das derzeit zweitwertvollste Unternehmen im Dax hinter SAP (beide liefern sich mit einer Marktkapitalisierung von um die 211 Milliarden Euro (Stand: 20. August 2026) ein Kopf-an-Kopf-Rennen) weist im Geschäftsbericht 2025 leistungsorientierte Verpflichtungen in Höhe von rund 26,9 Milliarden Euro aus. Ihnen steht ein Planvermögen von 27,4 Milliarden Euro gegenüber. Mit dieser enormen Summe ist Siemens unangefochtener Spitzenreiter bei den Planvermögen. Auf dem zweiten Platz liegt die Mercedes-Benz-Group mit 22,9 Milliarden Euro vor BASF mit 20,3 Milliarden Euro.
Ihre Verpflichtungen aus der betrieblichen Altersversorgung (bAV) haben auch die anderen Börsenschwergewichte mit Kapitalanlagen in einer großen Bandbreite unterfüttert. Beim Deckungsgrad der Pensionsverpflichtungen dominierte die Commerzbank am Jahresende 2025 mit beachtlichen 121 Prozent (i.V.: 111 Prozent) die Führungsgruppe, während die Mercedes-Benz-Group 113 Prozent (104 Prozent) auf die Waage brachte und damit die zuvor zweitplatzierte Deutsche Bank mit ihren 108 Prozent (107 Prozent) auf den dritten Rang verwies.
Wie sich die Kapitalanlagen im Planvermögen von Siemens zusammensetzen, geht aus der nebenstehenden Tabelle hervor. Festverzinsliche Anlagen stellen für die Münchner die mit Abstand wichtigste Asset-Klasse dar, wobei Unternehmensanleihen von größter Bedeutung sind. Die Corporates-Quote lag zum Stichtag 30. September 2025 bei 31,6 Prozent. Damit hat sich ihr Anteil gegenüber dem Vorjahreswert mit damals 30,0 Prozent erhöht.
Die Position „Alternative Anlagen“ umfasst bei Siemens Anteile an Hedgefonds, Anlagen in Private Equity sowie Immobilien. Der Posten „Multi-Strategie-Fonds“ enthält laut Geschäftsbericht überwiegend Absolute-Return- und Diversified-Growth-Fonds, die innerhalb eines Fonds in verschiedene Vermögensklassen investieren. Das soll die Vermögenserträge stabilisieren und ihre Volatilität reduzieren. Die Position „Derivate“ setzt sich überwiegend aus Finanzinstrumenten zur Sicherung des Zins- und Inflationsrisikos zusammen.
Der Essener Baukonzern Hochtief ist am 22. Juni 2026 in den deutschen Leitindex aufgestiegen und hat dabei die Porsche Automobil Holding SE verdrängt. Der Dax-Neuling weist laut Aon Pensionsverpflichtungen von knapp 600 Millionen Euro aus, die durch Planvermögen von 367 Millionen Euro teilweise gedeckt sind. In der Bilanz der Porsche SE stehen Pensionsrückstellungen in Höhe von spärlichen 32 Millionen Euro. Planvermögen ist nicht vorhanden.
Milliarden fließen aus den Pensionswerken ab
Laut Aon beginnt nun eine neue Phase für die bAV, denn die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer erreichen das Rentenalter. Das bekommen auch die bAV-Einrichtungen mehr und mehr zu spüren. Als Babyboomer werden laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung jene Personen bezeichnet, die hierzulande etwa von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre geboren wurden. Der Geburtsjahrgang 1964 ist mit 1,35 Millionen Personen der geburtenstärkste Jahrgang seit 1945.
Im Vorjahr haben die Dax-Pensionswerke insgesamt knapp 16 Milliarden Euro an Renten und sonstigen bAV-Leistungen ausgezahlt. Aufgrund des vermehrten Renteneintritts der Babyboomer sei für 2026 mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, prognostizieren sie bei Aon. Was die Auszahlungsformen betrifft, sind die Unternehmen flexibel. Die Mehrheit bietet Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit, zwischen Kapitalzahlungen, Ratenzahlungen und Rentenzahlungen zu wählen.
Übrigens: Sollte sich das Zinsniveau bis Jahresende auf hohem Niveau stabilisieren oder sogar weiter steigen, werden wir weitere Dax-Konzerne mit vollständig ausfinanzierten Pensionsverpflichtungen sehen. Das prognostiziert Christoph Tellmann, Senior Consultant bei Aon Wealth Solutions Germany. Vollständig gedeckte Pensionsverpflichtungen seien sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer positiv, lautet sein Fazit. Denn sie stabilisierten die Liquidität, erhöhten den Insolvenzschutz und steigerten das Vertrauen der Beschäftigten in die bAV.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Betriebliche Altersversorgung (bAV) | Pensionsverpflichtungen | Planvermögen / Plan Assets | Print-Ausgabe
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