Strategien
9. Januar 2026

Große Wirkung mit kleinen Krediten

Mikrofinanzfonds zielen auf einen besonders starken sozialen Impact ab. Gleichzeitig bieten sie relativ beständige und unkorrelierte Erträge. Die Renditen sind zwar absolut gesehen nicht hoch, gerade in der Niedrigzinsphase waren sie aber relativ attraktiv. Doch mit dem höheren risikofreien Zinsniveau stellt sich für zahlreiche Investoren die Abwägung von Rendite und Wirkung neu dar.

Am Ende der Geschichte geht es um Menschen wie Parvesh Rani aus einem Dorf in Rupnagar, Punjab. Mit ihrer kleinen Nähstube verdient sie bis zu 500 Rupien pro Tag (5,50 Euro) und hält damit ihre Familie finanziell über Wasser. Möglich machte das ein Mikrokredit von 30.000 Rupien (etwa 333 Euro), mit dem sie ihre Nähmaschine und Materialien kaufte. Das Geld für den Mikrokredit wiederum dürfte auch von Geldgebern aus Deutschland stammen, die über Mikrofinanzfonds neben Zinsen auch eine soziale Rendite erreichen möchten – in Form von finanzieller Inklusion, Bildung und sozialer Sicherheit.

In den vergangenen Jahren kämpften die meisten Mikrofinanzfonds jedoch eher mit Mittelabflüssen. Vor allem das veränderte Marktumfeld macht ihnen zu schaffen: Zahlreiche Investoren – darunter auch viele Privatanleger – wollten in den 2010er Jahren mit Mikrofinanzanlagen nicht nur einen nachhaltigen Entwicklungsbeitrag leisten, sondern sie profitierten im Niedrigzinsumfeld auch von relativ attraktiven Renditen und den Diversifikationsvorteilen.

Doch mit dem gestiegenen risikofreien Zinsniveau in der Heimat fragen sich immer mehr Investoren, wie viel ihnen die soziale Wirkung in der Ferne wert ist. Das gilt umso mehr, da sich der echte Impact nur schwer messen lässt und immer wieder Negativschlagzeilen aufkommen. Dabei adressiert Mikrofinanzierung essenzielle Entwicklungshemmnisse: Rund 1,4 Milliarden Menschen vor allem in Entwicklungsländern haben laut Schätzungen keinen Zugang zu regulären Bankservices.

Ohne Kredite und Finanzdienstleistungen fällt es aber schwer, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Hier setzt das Konzept an: Kleinstkredite sollen sozial und wirtschaftlich benachteiligten Menschen den Weg zum Finanzsektor eröffnen. Im Vordergrund steht meist die Kreditvergabe, etwa zur Existenzgründung oder für Investitionen in kleine Betriebe, Produktionsverfahren oder andere nicht-konsumtive Projekte.

Für traditionelle Banken ist dieses mühsame und kleinteilige Geschäft – meist im ländlichen Raum weit abseits der nächsten Bankfiliale –  nicht rentabel und schon operativ kaum zu stemmen. Auf die Marktlücke haben sich kleine, lokal und im ländlichen Raum tätige Mikrofinanzinstitute (MFIs) spezialisiert, die Kleinstkredite von wenigen hundert bis zu einigen 1.000 Euro an Einzelpersonen oder Gemeinschaften vor Ort vergeben.

Das wohl bekannteste Beispiel ist die Grameen Bank in Bangladesch, die 1983 von dem späteren Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gegründet und in den vergangenen Jahren für ihre Geschäftspraktiken häufig kritisiert wurde. Gerade damit ist sie aber auch ein Spiegel für die oft diffizile Balance bei Micro Finance. Weltweit gibt es heute um die 1.000 Mikrofinanzinstitute sowie weitere Intermediäre wie Agrargenossenschaften, welche die Kredite vor Ort vergeben.

Die MFIs refinanzieren sich teilweise bei Geschäftsbanken, öffentlichen Förderbanken oder über unverbriefte Darlehen von Mikrofinanzfonds – und genau da kommen die Investoren ins Spiel: Stiftungen, Pensionskassen ebenso wie Versorgungswerke und auch Privatanleger investieren über diese Fonds und tragen so zur Kreditvergabe in Entwicklungsregionen bei. Die unverbrieften Darlehen, welche die Mikrofinanzfonds an die MFIs vergeben, haben in der Regel eine Laufzeit von ein bis drei Jahren.

Einer der ersten Mikrofinanzierer ist Oikocredit, 1975 als Genossenschaft unter dem Einfluss der Friedensbewegung gegründet. Die Forderung war damals, dass die Kirchen bei Kapitalanlagen nicht nur auf Rendite achten, sondern die Förderung von Frieden und Entwicklung miteinbeziehen sollten. „Von Anfang an galt der Grundsatz Solidarität statt Almosen“, erklärt Oikocredit-Deutschlandchefin Jessica Bodmann. Heute zählt Oikocredit rund 45.000 Anteilsinhaber, die sich mit einem Genossenschaftsanteil ab 200 Euro beteiligen können. Den Großteil der Anteile halten kirchliche Einrichtungen und Stiftungen. „Die Kirchen sind bis heute ein ganz wichtiger Begleiter für uns“, so Bodmann.

Für Oikocredit steht die soziale und ökologische Wirkung im Vordergrund, was auch einen Verzicht auf Renditemaximierung bedeutet: „Mehr als zwei Prozent Dividende schütten wir nicht aus, wenn wir mehr Gewinn machen, nutzen wir den für neue Finanzierungen, Beratung oder Schulung von unseren Partnern“, erklärt Bodmann.

Die meisten Mikrofinanzanbieter wählen den Publikumsfonds als Investmentvehikel. Für deutsche Mikrofinanzfonds konkretisiert Paragraf 222 Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB) das Anlagespektrum in unverbrieften Darlehen an regulierte und unregulierte MFIs. Die BIB Bank, Bank im Bistum Essen, legte bereits 2009 den Spezialfonds KCD Mikrofinanzfonds (FIS) – Global auf; 2015 folgte der Publikumsfonds BIB Investments (Sicav) – KCD Mikrofinanzfonds – III. Der Publikumsfonds hat heute ein Volumen von rund 110 Millionen Euro und finanziert 66 MFIs in 28 Ländern mit durchschnittlich jeweils knapp einer Million Euro. Dabei erreicht er nach Angaben der BIB 68.000 Mikrounternehmer pro Jahr. Der durchschnittliche Kredit pro Endkunde beträgt 1.130 Euro, der Anteil weiblicher Kreditnehmer liegt bei 80 Prozent. 66 Prozent der Kredite werden in ländlichen Gebieten vergeben.

Als erster deutscher Mikrofinanz-Publikumsfonds startete 2011 der IIV Mikrofinanzfonds von Invest in Visions. Der Fonds hat heute ein Volumen von rund 650 Millionen Euro und investiert in insgesamt 36 Ländern vor allem in Zentralasien, Südamerika, Ostasien und dem Kaukasus. Auch Invest in Visions gibt detailliert Auskunft zu den Endkunden: Mehr als 80 Prozent der Kredite gehen an Frauen, 82 Prozent sind individuelle Darlehen, 19 Prozent Gruppendarlehen. 62 Prozent der Kredite fließen in städtische, 38 Prozent in ländliche Regionen. Der Fonds investiert in 91 MFIs und gibt laut Factsheet 440.180 Menschen Zugang zu Finanzdienstleistungen.

Weiteres Beispiel: Der 2015 aufgelegte und rund 200 Millionen Euro schwere GLS AI – Mikrofinanzfonds der GLS Bank finanziert 61 MFIs in 29 Ländern und erreicht damit 102.000 Kreditnehmer. Er legt einen Schwerpunkt auf die Unterstützung der ländlichen Bevölkerung und Frauen, die durchschnittliche Kredithöhe beträgt etwa 1.500 Euro. Neben den deutschen sind vor allem Schweizer Asset Manager engagiert: Der größte Mikrofinanzfonds ist der 1998 aufgelegte Blue Orchard Microfinance, mit einem Volumen von rund 2,3 Milliarden Euro. Er kooperiert mit 160 MFIs in 51 Ländern. Zu den etablierten Anbietern gehören auch die auf Impact Investments spezialisierte Plattform Symbiotics und der Asset Manager Enabling Qapital.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Luxemburger Mikro Kapital: „Wir agieren eher wie eine Holding“, erklärt CEO Johannes Feist. Statt als reiner Fremdkapitalgeber aufzutreten, ist Mikro Kapital Mehrheitseigner von derzeit zwölf MFIs und Leasinggesellschaften in neun Ländern in Osteuropa, Zentralasien und Asien. Der Fonds stellt diesen Gesellschaften auch Kredite zur Verfügung. Zudem refinanzieren sie sich aber auch selbst, etwa über Darlehen anderer Mikrofinanzfonds oder Förderbanken.

Feist sieht in dieser Struktur einen deutlichen Vorteil hinsichtlich der Governance. Quer über die Gruppe sollen durch enge Verflechtungen zudem horizontal Synergien geschaffen werden. Als Anlagevehikel begibt ein Securitization-Vehikel Anleihen auf das unterliegende Portfolio an Beteiligungen und Darlehen an die MFIs. Anleger investieren über diese Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und in Währungen wie Dollar, Euro und Schweizer Franken.

Tiefgreifende Veränderungen bringt die zunehmende Internetdurchdringung und Digitalisierung auch im ländlichen Raum. Sie erhöht die Reichweite der MFIs deutlich und ebnet einerseits den Weg für finanzielle Inklusion. Auf der anderen Seite schafft die Digitalisierung aber auch neue Grenzen zwischen Menschen mit und ohne Zugang zu Internet. So sieht das auch Johannes Feist, er sagt: „Interne Prozesse werden digitalisiert, aber die Kreditsachbearbeiter unserer MFIs fahren weiter zum Kunden.“ Bei der von Künstlicher Intelligenz gestützten Kreditwürdigkeitsprüfung sei man vorsichtig. „Wir wollen nicht den kleinen, nicht-digitalfähigen Kreditnehmer ausschließen.“

Mikrofinanzanlagen punkten nicht nur mit sozialem Impact, sondern auch mit Portfolioeigenschaften wie Diversifikation, geringer Volatilität und stetiger Rendite. Die geringe Korrelation zu traditionellen Anlageklassen zeigt etwa eine Analyse von Scope: Demnach erzielten elf von zwölf in Deutschland zugelassenen Mikrofinanzfonds während des Inflations- und Zinsschocks 2022 Kurszuwächse von durchschnittlich 3,04 Prozent. „Das zeigt anschaulich, dass sich Mikrofinanzfonds gut von der Entwicklung der globalen Aktien- und Anleihemärkte abkoppeln und sich stabilisierend auf ein Portfolio auswirken können“, so die Scope-Analysten.

Viele andere diversifizierende Strategien wären wohl froh gewesen, eine solche Erfolgsbilanz im Jahr 2022 vorweisen zu können. Dasselbe gilt in den 2010er Jahren, als die Fonds trotz Niedrigzinsumfeld positive Renditen von rund zwei Prozent erzielten. Damit zogen sie auch viele Privatanleger an, die Renditen suchten und bei diesen Publikumsfonds fündig wurden.

Gerade in der Niedrigzinsphase waren die erzielten Renditen nach Gebühren mit 2,5 bis drei Prozent auch absolut betrachtet durchaus attraktiv. Mit der Zinswende änderte sich das Umfeld aber. Inzwischen spüren die Mikrofinanzfonds die Folgen des höheren risikofreien Renditeniveaus. Das betrifft nicht nur die meist kurzfristig orientierteren Privatanleger.

Auch institutionelle Investoren schichteten insgesamt in Staatsanleihen um und stellten alle alternativen Renditequellen auf den Prüfstand. Dazu zählt auch Mikrofinanz, das am Ende über die Fondskonstruktion ein Exposure in Private Debt bietet. Dazu kommt, dass viele Fonds zwar die Verzinsung auf der Fondsseite etwas angehoben haben, aber meist nicht in demselben Umfang wie das Marktzinsniveau.

Doch Zinsen sind gerade bei Mikrofinanzierungen nicht alles. Edda Schröder, Geschäftsführerin von Invest in Visions, erweitert den Renditebegriff um die soziale Rendite. Die Fonds und ihre Geldgeber zielen auf einen Beitrag zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs).

Im Fokus stehen die SDG-Ziele 1 (Keine Armut), 5 (Geschlechtergleichheit), 8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum) und 10 (Abbau von Ungleichheiten). Daneben treten auch immer stärker Themen wie nachhaltige Nahrungsmittelproduktion, Gesundheit, saubere Energie oder Wohnraum in den Vordergrund und mit ihnen die SDG-Ziele 2 (Kein Hunger), 3 (Gesundheit und Wohlergehen), 7 (Bezahlbare und saubere Energie) und 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden).

Dominique Becht von der Stiftung Abendrot bedauert, dass der Impact nicht so hoch ist, wie man das erhofft hatte.

Die Messung des Impacts ist allerdings alles andere als einfach: Dominique Becht, Leiter der Fachstelle Wertschriften bei der Schweizer Stiftung Abendrot, sagt: „Die Impact-Messung stellt generell meist nur auf Output ab, etwa die Anzahl erreichter Kreditnehmer. Dies unterscheidet sich vom Outcome, wo eingeschätzt wird, ob es dem Kreditnehmer effektiv besser geht durch den Kredit.“

Bei der Wirkungsmessung auf Ebene der Endkreditnehmer spielen viele unterschiedliche soziale, ökonomische und gesellschaftspolitische Faktoren eine Rolle. Bei der GLS Bank heißt es: „Wir sind sehr achtsam im Umgang mit dem Begriff Impact.“ Vielmehr berichtet man über soziale Kennzahlen auf Ebene des Inputs und Outputs. Ähnlich gehen die meisten anderen Anbieter vor, die in ihren Monatsberichten detailliert über die Anzahl der erreichten Kreditnehmer, den Anteil der Kreditnehmerinnen oder den der ländlichen Kreditnehmer informieren.

Um verlässliche Daten zu liefern, setzen die Anbieter auf eigene Evaluierungen sowie Daten der MFIs und greifen oft in größeren Abständen auch auf die Bewertungen von spezialisierten Drittanbietern wie 60 Decibel zurück. Dabei sollen nach Möglichkeit auch Outcome-Faktoren wie die Auswirkungen auf die Lebensumstände und Bildung der Endkreditnehmer und ihrer Umgebung gemessen werden. Zudem werden auch die für die Bewertung von ESG-Kriterien und mögliche negative Auswirkungen auf die Gesellschaft und Umwelt (Principal Adverse Impacts, PAI) benötigten Daten erhoben. Dabei wird bewertet, ob die Partner-MFIs einen verantwortungsvollen Umgang mit Kunden und Mitarbeitern pflegen und verantwortungsvolle Umweltpraktiken umsetzen.

Die Überwachung und Kontrolle der MFIs als wichtige Intermediäre ist eine verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe. Grundsätzlich agieren die MFIs gewinnorientiert und sollen auch früher oder später finanziell selbsttragend sein. Das kann auch zu Lasten der Entwicklungsziele gehen.

Bereits vor Jahren prangerte der britische Guardian unter „The Rise and Fall of Microfinance“ aggressive Geschäftsmethoden einiger MFIs an, etwa im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, wo Überschuldung mit einem starken Anstieg an Suiziden einherging. Mikrofinanzfonds stecken auch daher viele Ressourcen in die Auswahl, Überwachung und Schulung der Intermediäre vor Ort.

Gerade in einem Umfeld, das finanziell unerfahrenen Kreditnehmern Zugang zu Krediten geben soll, müssen diese Kreditnehmer auch vor finanzieller Ausbeutung und Überschuldung geschützt werden. Eine der Aufgaben der Mikrofonds besteht daher darin, zu prüfen, dass Zinsen der Endkreditnehmer auch marktadäquat sind. Sie zahlen oft Zinsen oberhalb von 20 Prozent für ihre Kredite. Unmittelbar vergleichbar ist das nicht, da oft auch das lokale Zinsniveau und die Inflation deutlich höher liegen.

Nach der Schwächephase verbuchen viele Mikrofinanzfonds nun wieder etwas Mittelzuflüsse, auch weil die Zinsen im Euroraum tendenziell sinken. Doch Investoren mit Interesse an nachhaltigem Impact dürften in Zukunft noch genauer hinschauen. Für die Stiftung Abendrot sagt Dominique Becht: „Insgesamt ist die Rendite in Schweizer Franken zu niedrig und der Impact nicht so hoch wie erhofft.“ Die Stiftung hat daher die Anlagen von zuvor mehreren auf einen Mikrofinanzfonds konzentriert und legt den Fokus mit Unterstützung einer spezialisierten Beratungsfirma stärker auf direkte Finanzierungen von MFIs und genossenschaftliche Produzenten im globalen Süden.

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