Schwarzer Schwan
26. Juni 2015

Hat der Homo sapiens ausgedient?

Übernimmt schon bald die künstliche Intelligenz das Ruder im Fondsmanagement? Es sieht ganz danach aus.

Kennen Sie das größte Thema unserer Zeit? Den Klimawandel? Den neuen Kalten Krieg mit Russland? Fußball? Die Antwort lautet: künstliche Intelligenz! Das jedenfalls meint der Forscher Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber, wie er in seinem Vortrag im Rahmen der Uhlenbruch-Jahrestagung Portfoliomanagement vor knapp zwei Wochen deutlich machte. 
Schmidhuber (Jahrgang 1963) ist eine Koryphäe für künstliche neuronale Netze, gleichbedeutend mit dem sogenannten deep learning. Sein Vortrag unter der Überschrift „Wahre künstliche Intelligenz ändert alles, auch die Finanzindustrie“ bot eine Mischung aus Spannung und Unterhaltung gespickt mit Zukunftsszenarien, von denen sich schwer sagen lässt, ob sie wundervoll oder beängstigend sind. 
Schmidhuber, dem man ungeachtet der komplexen Materie auch ein gehöriges Maß an Humor attestieren kann (auf seiner Homepage steht vor seiner E-Mail-Adresse der Hinweis: Send spam etc to…), beleuchtete unter anderem Fortschritte bei der Entdeckung von Mustern in Finanzdaten: Während Otto Normalanalyst noch versucht, mithilfe einfacher Mustersuche in Aktiencharts Rückschlüsse auf deren künftige Entwicklung zu ziehen, sind moderne Rechner zu ganz anderen Untersuchungen in der Lage; ein Stichwort lautet LSTM. Das steht für Long Short-Term Memory.
Dank LSTM erlernen neuronale Netze viele einst „unlernbare" Probleme, darunter die Spracherkennung, die Übersetzung von einer Sprache in die andere, die Handschrifterkennung und nicht zuletzt die Finanzdatenvorhersage, meint Schmidhuber. Eine Triebfeder der Entwicklung ist die exponentiell steigende Rechenleistung von Computerchips, bekannt als Moorsches Gesetz. Etwas provokant stellte der Experte die Frage in den Raum, ob das Ende der vom Homo sapiens dominierten Geschichte in Sicht sei. 
Ganz schön weit hergeholt, meinen Sie? Mag sein. Aber Schmidhuber und sein Team haben in der Vergangenheit mit ihren Entwicklungen eine Vielzahl internationaler Preise abgeräumt. Seine Forschungsgruppe für künstliche Intelligenz leistete seit 1991 Pionierarbeit zu sogenannten tiefen künstlichen neuronalen Netzen. Unter Schmidhubers Ägide erzielte sein Team die weltweit ersten übermenschlichen visuellen Mustererkennungsresultate und etablierte das Feld mathematisch optimaler universeller künstlicher Intelligenz und allgemeiner Problemlöser. Google, Apple, Microsoft und viele andere Konzerne nutzen heute die in seinen Gruppen an der TU München und am Schweizer Labor für künstliche Intelligenz (IDSIA) entwickelten Lernmethoden.  Manche seiner Doktoranden sind durch den Verkauf ihres Start-up-Unternehmens an Google und Co. zu Multimillionären geworden. 
Anlageerfolg im Härtetest
Wenn man Schmidhuber beim Wort nimmt, dann steht der Menschheit angesichts der Entwicklung künstlicher Intelligenz in den kommenden Jahren eine geradezu dramatische Entwicklung bevor. Ob positiver oder negativer Natur? Warten wir‘s ab! Weil die Rechenleistung von Computern immer weiter ansteigt, ist davon auszugehen, dass künftig auch jene Informationen zur Kursprognose herangezogen werden, die heute noch nicht genutzt werden können. Denkbar sei beispielsweise, Wertpapierhändler und deren Gesichtszüge von einer Kamera überwachen zu lassen. Warum? Für den Fall, dass alle gleichzeitig entsetzt dreinschauen, könne man daraus Handelssignale ableiten. 
Mit Blick auf die Bevölkerungsexplosion des 20. Jahrhunderts, getrieben durch den Haber-Bosch-Prozess, ohne den es höchstens halb so viele Menschen gäbe, prophezeite Schmidhuber: „Die Explosion künstlicher Intelligenz im 21. Jahrhundert wird noch viel krasser.“ Sie werde das Wachstum vergangener Jahrhunderte völlig in den Schatten stellen. Schön und gut, doch was hat das mit der Asset-Management-Branche zu tun, die bei Uhlenbruch nun mal das Publikum stellt? Nun, Schmidhuber hat ein Unternehmen mitgegründet, das unter anderem Asset Manager und Investoren in die Feinheiten der künstlichen Intelligenz einweihen will. Es geht um nicht weniger als um die Identifikation von Ineffizienzen an den Märkten und deren konsequente Ausnutzung. Mihilfe des sogenannten maschinellen Lernens könnten Daten analysiert werden, um daraus bestimmte Strukturen herauszufiltern. Manchen Hedgefonds wird nachgesagt, einen solchen Ansatz schon heute zu verfolgen. Dass der aber nur so lange funktioniert, solange wenige Marktteilnehmer ihn kennen, versteht sich von selbst. 
Schmidhuber behauptet aber keineswegs, dass es in Zukunft ohne künstliche neuronale Netze keinen Anlageerfolg geben wird: Die reichsten Investoren seien nach wie vor langfristige Anleger, die sich kaum interessieren für das tägliche kurzfristige Nullsummenspiel, bei dem der eine verlieren muss, was der andere gewinnt. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende.
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