Schwarzer Schwan
29. Januar 2016

Heinrich! Mir graut’s vor Dir

Hauptmann von Köpenick feiert Comeback in Hamburg.

Mit welchem Lebensstil kann man seine Mitmenschen am meisten beeindrucken? Die Antwort darauf weiß nicht nur Heinrich Maria Schulte. Der Arzt, Unternehmer, Medizinprofessor und vormalige Eigner des traditionsreichen Bankhauses Wölbern pflegte seine Mitmenschen mit einer sündhaft teuren Yacht, einer exquisiten Sammlung an Kunst – unter anderem Gerhard Richter und Andy Warhol – und Anwesen an der Hamburger Elbchaussee und auf Sylt zu beeindrucken. Damit brachte er es zu einem Fixstern der Hamburger Gesellschaft, um den die obersten Eintausend bei Empfängen, Vernissagen und Partys in der Hansestadt herumscharwenzelten. 
Und wie finanziert man einen Lebensstil, mit dem man seine Mitmenschen am meisten beeindruckt? Die Antwort darauf weiß Heinrich Maria Schulte. Man ruft das größte ambulante Ärztenetz Deutschlands ins Leben, man gründet das Biotechnologieunternehmen Evotec und kassiert beim IPO viele Millionen, man legt mit Wölbern Invest geschlossene Immobilienfonds auf – und zweigt knapp 150 Millionen Euro an Anlagegeldern ab und veruntreut diese. Mit einer solchen Summe kann man dann auch einen Uli Hoeneß, einen Thomas Middelhoff oder einen Fifa-Präsidenten mit Bundesverdienstkreuz beeindrucken. Die gewählte Form der Finanzierung hat für Schulte nun aber den Nachteil, für achteinhalb Jahre von der Elbchaussee in die Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel oder eine andere Besserungsanstalt umziehen zu müssen. Das Urteil wurde vor kurzem vom Bundesgerichtshof in der Revision bestätigt. 
Aber warum finanziert man auf solche Weise einen Lebensstil, mit dem man seine Mitmenschen am meisten beeindruckt? Die Antwort weiß allenfalls Heinrich Maria Schulte. Sie fällt allerdings schon deshalb schwer, weil Schulte – anders als die Nick Leesons, Jordan Belforts oder Bernard Madoffs dieser Welt – finanziell und gesellschaftlich schon oben angekommen war und einen Betrug nicht nötig gehabt hätte. Ein Erklärungsversuch findet sich in einem Artikel der Zeitung „Die Zeit“. Wie das Blatt notiert, habe Schultes Verhaftung auch gezeigt, dass der Glamour, der jemanden umgibt, oft nicht nur das Ergebnis, sondern auch das Rezept des Erfolgs ist. Von der „Zeit“ Befragte rücken die Auftritte Schultes in den Rang eines Erlebnisses. Könnte man mit Blendkraft ein Fahrrad antreiben, hätte Heinrich Maria Schulte beim Berg hochfahren anscheinend bremsen müssen. Die von ihm ausgehende Blendkraft war nötig, um kreditwürdig zu bleiben. Je größer die Finanzprobleme wurden, desto mehr musste Heinrich Maria Schulte darstellen. Teil dieser Strategie war wohl auch, sieben Kinder von verschiedenen Frauen zu haben.
Vom Medizinprofessor zum Finanzjongleur
Die Argumentation: Wer die Seriosität eines Medizinprofessors und die Bonität eines Warhol sammelnden Yachteigners aufweist, kann ja schließlich kein Betrüger sein. Statt mit dem oben genannten Finanztrio ist Schulte darum besser mit dem Hauptmann von Köpenick zu vergleichen. Während dieser vor über 100 Jahren die damalige obrigkeitshörige Gesellschaft mit einer selbstgenähten Uniform und dreistem Auftreten beeindrucken konnte, gelang dies Schulte in der heutigen, auf Geld fixierten Gesellschaft sowohl durch Reichtümer als auch ein entsprechendes Gehabe. Schon Erich Kästner wusste: „Wenn man genug Geld hat, stellt sich der gute Ruf ganz von selbst ein.“ Neben dem Hauptmann von Köpenick gibt es für Schultes Verhalten kein „Vorbild“. Denn normalerweise geben sich Betrüger als Medizinprofessoren aus. In diesem Fall erwies sich ein echter Medizinprofessor als Betrüger. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende. Schlussendlich verweisen wir auf ein thematisch passendes Youtube-Video mit dem unsterblichen, leider viel zu früh verblichenen Rapper The Notorious B.I.G. Schon er wusste:Mo‘ Money Mo‘ Problems. 
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