Stiftungen
28. Juli 2016

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Ertragslage der Siemens-Stiftung ist recht komfortabel – noch. Spurlos geht das Zinstief auch an ihr nicht vorbei. Auf alternative Asset-Klassen, wie Private Equity, Hedgefonds oder Rohstoffe, verzichtet Finanz­vorstand Georg Bernwieser dennoch. Er verfolgt eine Buy-and-Hold-Strategie, nimmt aber auch Anpassungen vor.

Fischgrätenparkett, eine dunkel getäfelte Holzdecke, zwei Fenster zum kleinen Gartengrundstück hinter dem Haus werden von dunkelroten Vorhängen umrahmt, die bis auf den Boden reichen – der Name „Siemens“­ hätte eine andere architektonische Atmosphäre erwarten lassen. Aber die kleine Stadtvilla in der Münchner Kaiserstraße wird auch nicht von jenem auf Modernität und technischen Fortschritt ausgerichteten Misch­konzern genutzt. Vielmehr hat die Siemens-Stiftung das schmucke Haus gemietet. Das sachlich-funktionelle Mobiliar,­ verschiedene Ausstellungsobjekte und großformatige Fotografien an den Wänden offenbaren, dass hier keine noble Anwaltskanzlei und kein unabhängiger Vermögensverwalter Einzug gehalten haben. Die Fotos zeigen Projekte der Stiftungsarbeit: eine „Ein-Euro-Brille“, einen Wasserkiosk in Afrika, Ergebnisse des Kultur­projekts „Espacios Revelados“,­ in dessen Rahmen leer stehende Gebäude in Argentinien und Chile künstlerisch umgestaltet werden. Die Mitarbeiter, denen man auf den Fluren und in den Büroräumen begegnet, wirken engagiert, natürlich und ungezwungen.

Georg Bernwieser bildet dazu auf den ersten Blick einen gewissen Kontrast: Von seinem Erscheinungsbild her ginge er auch als Anwalt oder Banker durch. Das mag daran liegen, dass er etwa 70 Prozent seiner Arbeitszeit als Manager im Siemens-Konzern verbringt, wo er seit 2001 die Abteilung Corporate Shareholder Controlling Deutschland leitet. Die übrigen 30 Prozent widmet er der Siemens-Stiftung, für die er seit deren Gründung im September 2008 als ehrenamtlicher Finanzvorstand tätig ist. Mit einem Stiftungsvermögen von 390 Millionen Euro und mehr als 30 Mitarbeitern gehört die Stiftung zu den größten Unternehmensstiftungen Deutschlands. Dass Bernwieser dennoch im Rahmen einer ehrenamtlichen Teilzeitbeschäftigung für die Stiftung arbeitet, führt er vor allem auf eine „funktionierende Verwaltungsstruktur“ und engagierte und zuverlässige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück. Er sei in seiner Funktion eben „auch Chef“ und wisse immer, welchen Hut er aufhabe. Kein Zweifel: Hier ist ein erfahrener Manager am Werk, der weiß, was er erreichen will.

„Die Stiftung funktioniert wie eine normale GmbH oder AG“, erklärt Bernwieser. Es gibt einen Vorstand und einen Stiftungsrat, der diesen beaufsichtigt. Im dreiköpfigen Vorstand sind Nathalie von Siemens und Rolf Huber für das operative Geschäft verantwortlich, während er selbst für die Verwaltung und administrative Aufgaben zuständig ist. Auch die in der Satzung festgeschriebene Aufteilung des Stiftungskapitals in ein Grundstockvermögen in Höhe von 300 Millionen Euro und ein flexibel verwendbares Vermögen von 90 Millionen Euro orientiere sich an der in Unternehmen üblichen Aufteilung des Kapitals in Stammkapital und Rücklagen. Der flexibel nutzbare Teil des Stiftungsvermögens sei als Absicherungskomponente gedacht, die es der Stiftung auch in schwierigen Zeiten erlauben soll, Projekte fortzuführen. „Das war sozusagen ein Vorgriff auf die Verbrauchsstiftung, die es 2008 in Deutschland noch nicht gab“, erläutert Bernwieser.

Den Werten von Siemens verpflichtet
Obwohl die Stiftung ohne die prägende Person einer Stifterin oder eines Stifters auskommen muss, hat sie eine eigene Identität und einen spezifischen Charakter entwickelt. „Wir fühlen uns den Werten des Unternehmens Siemens in unserem Denken und ­Handeln verpflichtet“, betont Bernwieser. Wichtige Eckpfeiler seien Technik, Unternehmertum und gesellschaftliche Verantwortung. Einige der Stiftungsprojekte beruhen auf Projektideen, die bereits im Siemens-Konzern umgesetzt wurden. Die Stiftung könne die gewählten Themenschwerpunkte allerdings langfristiger und nachhaltiger ­verfolgen, als es dem Unternehmen selbst möglich wäre. Wichtigstes Ziel sei stets die Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Siemens-Stiftung arbeitet in den Bereichen Grundversorgung, Bildung und Kultur. Gemeinsam mit Partnern vor Ort entwickelt und gestaltet sie Projekte vor allem in Lateinamerika, Afrika und Deutschland. Kaum hat Bernwieser diese Grundsätze erklärt, beginnt er, lebhaft über seine­ Eindrücke und Erfahrungen mit verschiedenen Stiftungsprojekten zu erzählen. Da geht es um Solar- und Wasserkioske, die in Afrika als Basis für Sozialunternehmen dienen, um das internationale Bildungsprogramm „Experimento“, das die naturwissenschaftliche und technische Bildung von Pädagogen in vielen Ländern der Welt fördern soll, oder um das weltweite Projekt „empowering people.Network“. Und es geht um grundsätzliche Herausforderungen der Stiftungsarbeit sowie kulturelle Unterschiede, mit denen man umzugehen lernen muss, wenn man in anderen Ländern tätig ist. Spätestens bei diesen Schilderungen zeigt sich, dass Bernwieser keinesfalls nur der vermeintlich kühle und berechnende Finanzexperte ist, sondern zugleich ein begeisterungsfähiger, engagierter und überzeugter Verfechter der Stiftungsziele. Man muss ihn sanft bremsen, um das Gesprächsthema auf die finanziellen Aspekte der Stiftung zu lenken.

Wichtige Zahlen und Ergebnisse aus Bernwiesers Verantwortungsbereich finden sich im Finanzbericht der Siemens-Stiftung. Demnach hat die Stiftung im Geschäftsjahr 2014/2015, das am 30. September 2015 endete, insgesamt rund 10,6 Millionen Euro für ihre Stiftungszwecke ausgegeben und damit 600.000 Euro mehr als im vorherigen Geschäftsjahr. Finanziert­ wurden die Ausgaben vor allem aus den Erträgen der Vermögensverwaltung, die mit 15,5 Millionen Euro etwa auf dem gleichen Niveau lagen wie 2013/2014. Dazu kamen Spenden in Höhe von gut 1,1 Millionen Euro, die Bernwieser zufolge überwiegend von Siemens stammen und meist themenbezogen sind. Nach Ausgaben für Stiftungsprojekte, Personalkosten und andere­ Aufwendungen blieb ein Jahresüberschuss  von 4,8 Millionen Euro, von denen 3,3 Millionen Euro als Rücklage zum Inflationsausgleich genutzt wurden, damit der reale Wert des Stiftungsvermögens erhalten bleibt. Der Rest floss in den flexibel verwendbaren Mittelvortrag, der damit auf gut 17,5 Millionen Euro gestiegen ist.

„Wir spekulieren nicht“
Bezogen auf das Stiftungsvermögen von 390 Millionen Euro bedeuten die im Finanzbericht ausgewiesenen 15,5 Millionen Euro einen­ Ertrag in Höhe von fast vier Prozent. Dieser ordentliche Ertrag ist wichtig, weil die gesamte operative Stiftungsarbeit aus ihm finanziert werden muss. Kursgewinne dürfen nach bayerischem Stiftungsrecht nicht ausgeschüttet werden. Vor diesem Hintergrund ist es aufschlussreich, wie die Siemens-Stiftung ihre Erträge konkret erzielt hat und in Zukunft erzielen möchte. Laut Bernwieser wird der größte Teil des Stiftungsvermögens in einem Spezialfonds von der Siemens Fonds Invest (SFI) verwaltet, der von Banken und Versicherungen unabhängigen­ Vermögensverwaltungsgesellschaft des Siemens-Konzerns. Allzu viele Anlagefreiheiten genießt das Fondsmanagement nicht: Die Zusammensetzung des Anlageportfolios orientiert sich an den Anlagerichtlinien der Stiftung, für die strategische Asset Allocation ist ein Anlageausschuss verantwortlich, der auch eigene Ideen für die Feinsteuerung des Fondsportfolios entwickelt. Die ­Zielallokation für das Gesamtvermögen sieht derzeit einen Anteil von 70 Prozent Anleihen, 25 Prozent Aktien und fünf Prozent Immobilienfonds vor und ist damit auf liquide Wertpapiere ­beschränkt. „Wir verfolgen eine Politik der ruhigen Hand“, betont Bernwieser. „Wir ­spekulieren nicht.“ Alternative Anlageklassen wie Private Equity, Rohstoffe oder Hedgefonds, die beispielsweise in den Portfolios großer US-Universitätsstiftungen eine wichtige Rolle spielen, sind nicht vertreten. Auch Wertpapiere aus Schwellenländern spielen keine Rolle.

Dabei trifft der Anlageausschuss der Siemens-Stiftung durchaus aktive Entscheidungen. Beispielsweise habe das Rentenportfolio bei Stiftungsgründung viele europäische Staatsanleihen enthalten. Mittlerweile bestehe es überwiegend aus höher rentierlichen europäischen Unternehmensanleihen im ­Investment-Grade-Bereich. Auch der Aktien­anteil sei tendenziell erhöht worden und liegt derzeit bei etwa 23 Prozent. Der größte Teil dieser Mittel entfällt auf einen auf Europa ­fokussierten Dividendenfonds, der zu etwa 50 Prozent in Aktien aus dem Euroraum investiert. Vor Kurzem hat die Stiftung rund 20 Millionen Euro in ein Portfolio aus US-Aktien­ angelegt, das eine durchschnittliche Dividendenrendite von etwa vier Prozent erwarten lässt und ebenfalls von der SFI verwaltet wird. Der Anteil der US-Papiere am Aktienportfolio soll auf etwa 25 Prozent erhöht werden. Auch im Aktienbereich wird der Fokus auf Europa und den Euroraum also erhalten bleiben. „Das Währungsrisiko ist für uns ein relevantes Risiko“, begründet Bernwieser den Home Bias des Anlageportfolios.

Dieser Bias zeigt sich auch bei den Immobilieninvestitionen der Stiftung, die sich auf einen offenen Immobilienfonds mit Fokus auf Europa beschränken. Wirklich zufrieden ist Bernwieser damit bisher nicht: „Der Immobilienfonds hat uns im Hinblick auf die Erträge bisher noch nicht viel Freude ­bereitet. Wir behalten die Anteile aber, weil sie einen positiven Beitrag zur Diversifikation­ des Stiftungsvermögens leisten.“

Finanzberatern fehlt oft Verständnis
Wie ernst es dem Anlageausschuss trotz der erwähnten Veränderungen im Portfolio mit seiner Buy-and-Hold-Strategie und der von Bernwieser mehrmals erwähnten „ruhigen Hand“ ist, zeigt sich an einem anderen Beispiel: Im Portfolio des europäischen Dividendenfonds hat das Fondsmanagement in den vergangenen zwei Jahren nur eine einzige­ Aktienposition ausgetauscht. Eine derart zurückhaltende Anlagestrategie gilt in weiten Teilen der Vermögensverwaltungsbranche als überholt und nicht zeitgemäß. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Siemens-Stiftung ihr Vermögen fast ausschließlich von der SFI und damit quasi im Konzern der Gründungsgesellschaft verwalten lässt. Bernwieser lobt an der Zusammenarbeit vor allem die transparenten Strukturen. „Man kennt sich und weiß, wen man vor sich hat“, betont er. Andere Vermögensverwalter, welche die Siemens-Stiftung zuletzt beispielsweise im Zuge des Einstiegs in US-Dividendenaktien kontaktiert hatte, haben diesen Vorteil offenbar nicht kompensieren können. Zudem ist Bernwiesers Vertrauen in von Banken oder Versicherungen abhängige Asset Manager offensichtlich nicht sehr hoch: „Ein Banker erzählt ihnen, was er will.“

Er wolle keinesfalls alle Banken und Finanzdienstleister über einen Kamm scheren, aber der Ruf der Branche habe insgesamt „massiv gelitten“. Insbesondere die großen Banken schienen auch nicht allzu sehr darum bemüht zu sein, das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen. „Gerade in der gegenwärtigen Phase niedriger Zinsen würde ich mehr objektive Beratung und ehrliche Lösungsansätze erwarten“, kritisiert Bernwieser. Derzeit würden Berater unisono Aktien und Immobilien empfehlen, was er für „zu pauschal“ hält. Würde er diesen Empfehlungen folgen, hätte er irgendwann einen Aktienanteil von 70 Prozent im Portfolio – inklusive der daraus resultierenden Risiken. „Bei einer solch massiven Änderung der Risiko­struktur würden mich alle für wahnsinnig halten.“ Generell fehle es Beratern aus Banken und Investmentgesellschaften oft an Verständnis für die spezielle Situation von Stiftungen, die auf ordentliche Erträge angewiesen sind.

Trotz der noch immer recht komfortablen finanziellen Situation sind die Auswirkungen der niedrigen Zinsen auch in der Siemens-Stiftung zu spüren. So hat der Anlageausschuss das ursprüngliche Ertragsziel für das Stiftungsvermögen von 4,5 mittlerweile auf 3,5 bis 4,0 Prozent reduziert. Die Herausforderung, mit vertretbaren Risiken ausreichende Erträge zu erzielen, wird größer. „Wir müssen uns mit den Realitäten auseinandersetzen. Und das heißt: Die Einnahmen sinken“, sagt Bernwieser. Seiner Einschätzung nach dürften die Zinsen noch eine ganze Weile im Keller bleiben. Irgendwann würden dann die „fetten Kühe“ auslaufen, die sich noch im Portfolio befänden. Wenn das aktuelle Zinstief weitere fünf Jahre oder gar länger anhalten sollte, könnte die Ertragslage auch für die Siemens-Stiftung schwierig werden. Insgesamt zeigt sich Bernwieser jedoch verhalten optimistisch: „Wir werden das schon schaffen“, sagt er in der Diktion der Bundeskanzlerin. „Aber uns wird nicht alles gefallen.“

Wirkung rückt in den Fokus
Angesichts des bereits erwähnten Mittelvortrags in Höhe von rund 17,5 Millionen Euro­ bereiten ihm die Stiftungsfinanzen derzeit keine Sorge. „Es war unser Ziel, diesen Vortrag als Puffer nutzen zu können“, erläutert er. Den flexiblen Anteil des Stiftungsvermögens möchte er auch dann nicht antasten, wenn sich die Ertragslage im Falle einer lang anhaltenden Phase tiefer Zinsen deutlich ­verschlechtern sollte. „Der Kaufmann will seinen Speck nicht hergeben“, begründet Bernwieser diese Zurückhaltung. Das ­flexibel zu verwendende Kapital solle auch dann nicht angetastet werden, wenn die Erträge nicht mehr ausreichen sollten, um die operativen Projekte auf dem Niveau der vergangenen Jahre zu finanzieren. In diesem Fall ­würde er es vorziehen, die Stiftungsarbeit zu optimieren. „Im Mittelpunkt steht das Erreichen unserer operativen Ziele. Wie wir das schaffen, ist egal.“ Oft sei es ­beispielsweise möglich, durch eine stärkere Einbindung ­regionaler Partner vor Ort oder durch Hinzunahme weiterer lokaler Partner Kosten einzusparen. Außerdem könne man die eigenen Strukturen auch für treuhänderische Tätigkeiten nutzen. So wird die ­Siemens-Stiftung als Treuhänder für die ­Familie-Nowak-Stiftung in den kommenden zehn Jahren rund sechs Millionen Euro ­größtenteils zweckgebunden für Projekte zur Verbesserung der Grundversorgung in ­Afrika einsetzen.

Der Vorstand der Siemens-Stiftung schaut also bei seinen Planungen nicht nur auf finanzielle Erträge. „Die Wirkung ist ein ganz zentraler Aspekt unserer Stiftungs­arbeit. Wir planen jetzt nach Wirkung, und zwar sehr intensiv“, erläutert Bernwieser. Dazu nutzt die Stiftung Modelle des gemeinnützigen Analyse- und Beratungshauses Phineo. Das funktioniere auf der operativen Seite ­bereits recht gut, sagt Bernwieser. Dass er im gleichen Satz hinzufügt, dass man auf der ­finanziellen Seite noch nicht ganz so weit sei, kann man durchaus als Ankündigung von Änderungen in der Anlagepolitik interpretieren, zumal er auch Mitglied im Expertenkreis Impact Investing des Bundesverbandes ­Deutscher Stiftungen ist. Es wäre keine Überraschung, wenn sich der Anlageausschuss der Siemens-Stiftung in näherer Zukunft mit neuen Investmentideen an die Manager ­seines Spezial­fonds wenden würde. Diese könnten bald vor der Herausforderung ­stehen, das Anlageportfolio der Stiftung auch an Nachhaltigkeitskriterien und Wirkungsfaktoren auszurichten.

Von Ralf Kolbe

portfolio institutionell, Ausgabe 07/2016

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