Strategien
2. Mai 2012

Höhenrausch der Aktien und Tiefgang bei ESG

Dekade im Rückblick: Zehn Jahre institutionelle Kapitalanlage, zehn Jahre Krisenmanagement und zehn Jahrgänge portfolio institutionell: Langweilig war es nie! Rückblick auf das Jahr 2006.

Wer erinnert sich nicht? Hunderttausende in den Stadien, Millionen vor den Fernsehern und auf den Fanmeilen. Mit mediterranem Frohsinn und unverklemmtem Patriotismus schrieben die Nachfahren der Gebrüder Grimm ein modernes Märchen – das Sommermärchen 2006. Gemeinsam mit der Welt feierten die Deutschen den Fußball und sich selbst. Am Ende reichte es zwar nicht zum Titel – den holte  Italien –, trotzdem konnte Deutschland für sich die Fußball-Weltmeisterschaft als Sieg verbuchen. Hat man sich der Welt doch als guter Gastgeber präsentiert und an Sympathiepunkten gewonnen. Ähnlich positiv hat sich nach dem Sommermärchen auch der deutsche Aktienindex entwickelt. Im Herbst 2006 überschritt der Dax erstmals seit 2001 wieder die Marke von 6.000 Punkten und lag am Jahresende mit knapp 6.600 Punkten etwa 21 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Der deutsche Leitindex stand damit nicht allein. Auch an den internationalen Märkten ging es aufwärts. Zu großartigen Aktienzukäufen konnten sich die deutschen institutionellen Investoren damals jedoch nicht durchringen, wenngleich eine komfortable Risikotragfähigkeit eine Rückkehr an die Aktien­märkte möglich gemacht hätte. Wie die Bafin in ihrem damaligen Jahresbericht anmerkte, hatte sich die Aktienquote der Erstversicherer 2006 kaum verändert, sie lag am Jahresende bei neun bis 10,4 Prozent des gebundenen Vermögens. Aus heutiger Perspektive wirkt diese Quote unglaublich hoch und risikofreudig. 

_Zinsstrukturkurve verflacht

Während sich die Börsen im Jahr 2006 positiv entwickelten, verlief die Zinsstrukturkurve in Europa immer flacher. Da half auch nicht die leichte Umkehrung der Zinsdifferenz zum Jahresende. Eine signifikante Änderung des flachen Verlaufs brachte dies nicht mit sich. In ihrem Jahresbericht 2006 beklagte die Bafin außerdem: „Das weiterhin relativ niedrige Zinsniveau belastet die Bilanzstruktur der Lebensversicherer.“ Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen lag in Deutschland zum Jahresende mit vier Prozent leicht über dem Vorjahres­niveau. Zugegeben: Dieses „niedrige“ Zinsniveau relativiert sich aus heutiger Sicht, wo zehnjährige Bundesanleihen lediglich bei rund 1,8 Prozent Rendite angesiedelt sind. Mit dieser Zinsentwicklung hat damals aber sicher nur der größte Schwarzmaler gerechnet.

Die Redaktion von portfolio institutionell gehörte nicht dazu, sie empfand die Zeit für Bondinvestoren auch damals schon als mager. In der Juni-Ausgabe 2006 wurde deshalb der Frage nachgegangen: Was ist angesichts von Performance-Druck und gebotener Risikotragfähigkeit zu tun? Richten sollten es die drei As: Absolute­ Return, Alpha und Alternatives. In den Portfolios institutioneller Anleger waren diese As allerdings nicht mehr als Satellites. Der Core lag beim klassischen B wie Government Bond. Obwohl inzwischen sechs Jahre vergangen sind, hat sich an diesem Kräfteverhältnis wenig geändert. Neu ist ­jedoch die Erkenntnis: Staatsanleihen sind Kreditrisiken, der risikolose­ Zins ist ein zinsloses Risiko. Themen wie Absolute Return­ und Alternatives sind bei institutionellen Investoren deshalb heute mindestens genauso gefragt wie damals. Der Performance-Druck, der auf den ­Investoren lastet, ist seit 2006 keinesfalls kleiner geworden, dafür aber die Risikobudgets.

_Nachhaltigkeit wird zur UN-Sache

In die Annalen wird 2006 nicht nur wegen der Fußball-Weltmeisterschaft eingehen. Auch in Sachen Nachhaltigkeit kommt dem Jahr eine besondere Bedeutung zu. Im April 2006 rief der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan die Principles for Responsible Investments (PRI) ins Leben. Flankiert wurde dies von einigen der weltgrößten Investoren, darunter die Münchner Rück oder der Norwegische Staatsfonds. Die UN PRI sollen für eine nachhaltige Asset Allocation sorgen und umfassen folgende sechs Prinzipien: der Einbezug von Environmental-, Social- und Corporate-Governance-Themen (ESG) in den Investmentprozess; eine aktive Aktionärspolitik; Unternehmen, in denen man investiert ist, zur Berichterstattung über ESG-Themen anhalten; Akzeptanz und Umsetzung in der Investmentbranche vorantreiben; die Zusammenarbeit mit anderen Unterstützern und die Berichterstattung über die eigene Umsetzung der PRI. Die Unterzeichner können die Umsetzung der sechs Prinzipien frei ausgestalten, müssen allerdings jährlich dem PRI-Sekretariat über individuelle Maßnahmen und Strategien zur Umsetzung der einzelnen Prinzipien berichten. Auf dieser Basis wird die Aktivität der einzelnen Unterzeichner bewertet. In einem jährlichen PRI-Report wird diese Bewertung mitsamt dem Median veröffentlicht.

Obwohl mit der Munich Re einer der größten institutionellen ­Investoren Deutschlands zu den Erstunterzeichnern gehörte, führten nachhaltige Investments in Deutschland ein Nischendasein. Nur ­zögerlich ließen sie ihre Vorurteile hinter sich. Zur raren Spezies der Nachhaltigkeitsinvestoren gehörte damals auch die Metallrente. „Unsere­ Philosophie ist, dass Pensionskapital Nachhaltigkeit braucht, weil es auf lange Sicht angelegt ist. Wenn man wie wir eine hohe Aktienquote­ fährt, gewinnt Nachhaltigkeit noch mehr an Bedeutung“, sagte Geschäftsführer Heribert Karch im Interview mit portfolio institutionell (Ausgabe 6/2006). In der Kapitalanlage der Mentallrente wurde das Thema Nachhaltigkeit über Ausschlusskriterien umgesetzt, wobei sozialen, ethischen und ökologischen Kriterien die gleiche ­Gewichtung zugekommt.

Pionierarbeit leistete damals auch die Berliner Ärzteversorgung, die als erster deutscher Investor ein Engagement-Overlay einrichtete und Aktien im Volumen von etwa 800 Millionen Euro darin einbezog. „Als Arzt habe ich einen Beruf mit sozialer Verantwortung, und ich verlange auch von meiner Geldanlage, dass sie dieser Verantwortung gerecht wird“, begründete Ärztekammer-Präsident Dr. Günther Jonitz diesen Schritt.­ Als Overlay-Manager Arzt wurde F&C mit ihrem REO – Responsible Engagement Overlay mandatiert. „Der Charme dieses Engagements liegt darin, dass die Anlagestrategie nicht beeinflusst wird. Die Allokation kann also weiterhin frei getroffen werden. Reo versucht lediglich, pädagogisch sinnvoll auf die Vorstände einzuwirken“, führte Jonitz aus. Noch heute arbeitet die Berliner­ Ärzteversorgung mit dem Engagement-Overlay von F&C. Die UN PRI hat sie ­genau wie die Metallrente jedoch bis heute nicht unterschrieben.

Getan haben dies aktuell 1.012 Institutionen, davon 249 Asset Owner.­ Deutsche Investoren muss man in der Liste allerdings mit der Lupe suchen. Neben der Munich Re haben sich bisher vier Investoren zur Unterzeichnung durchgerungen. Dabei handelt es sich um die Allianz,­ die KfW, die Bayerische Versorgungskammer und die Landesbank Baden-Württemberg. Dieses kläglich anmutende Bild muss relativiert werden, wenn man an das klare Bekenntnis zur Nachhaltigkeit  der Metallrente und Berliner Ärzteversorgung bereits vor sechs Jahren denkt. In der Liste tauchen auch die Kirchen nicht auf, die jeweils ­eigene Leitfäden für ethisch nachhaltige Geldanlagen veröffentlicht haben. In diesen bekennen sie sich gedanklich zu den UN PRI. ­Darüber hinaus spielen weitere deutsche Institutionelle mit dem ­Gedanken, sich den sechs Prinzipien zu verpflichten.

portfolio institutionell, 16.04.2012

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