Investoren
22. Juli 2026

Hyperscaler im Investmentmanagement

Der Begriff „Hyperscaler“ hält Einzug in die Welt der institutionellen Kapitalanlagen. Vorbei sind die Zeiten, in denen er sich nur auf Betreiber riesiger Rechenzentren bezog. Inzwischen werden auch einzelne Großanleger und Vermögensverwalter so bezeichnet.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat im vergangenen Jahr die „KI-Ära“ zum „Wort des Jahres“ gewählt. Künstliche Intelligenz (KI) sei „aus dem Elfenbeinturm der wissenschaftlichen Forschung herausgetreten“ und habe „die Mitte der Gesellschaft erreicht“, begründeten die Sprachexperten ihre Wahl. Inhaltlich eng verbunden mit der „KI-Ära“ sind die Hyperscaler, also besonders große Anbieter von Cloud-Diensten, die eine enorme Rechen-, Speicher- und Netzwerkressourcen-Infrastruktur betreiben.

Beispiele sind Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud. Sie zeichnen sich aus durch herausragende Leistungsfähigkeit, Flexibilität, Effizienz und Skalierbarkeit. Sie setzen modernste Technologien ein und gelten als besonders innovativ.

Hyperscaler finden sich nicht nur im IT-Sektor

Inzwischen findet der Begriff „Hyperscaler“ auch in der Beurteilung der professionellen Kapitalanlage Verwendung, wie eine Analyse des Thinking Ahead Institute (TAI) zeigt. Roger Urwin, einer der Gründer des TAI und erfahrener Investment Consultant, nutzt ihn in einem Beitrag über den „Aufstieg der Hyperscaler in der Investmentbranche“ (im Original: The Rise of the Investment Industry Hyperscaler).

Darin betrachtet Urwin einerseits die Entwicklung der mächtigsten Asset Owner, wie zum Beispiel des Government Pension Fund Global aus Norwegen. Als größter Staatsfonds mit Kapitalanlagen im Gesamtwert von rund 1,72 Billionen Euro ist er das Flaggschiff der institutionellen Investmentszene. Andererseits nimmt er auch die Anbieterseite in den Blick.

„Die Technologie hat uns den Begriff ‚Hyperscaler‘ beschert – die Investmentwelt erlebt nun das entsprechende Phänomen“, argumentiert Urwin. Und die Bedeutungsübertragung des Begriffs von der IT- auf die Investmentlandschaft begründet er so: „Die größten und leistungsfähigsten Vermögensinhaber und Vermögensverwalter sind nicht mehr bloß ‚groß‘; sie entwickeln sich zu systemprägenden Institutionen.“

Hyperscaler gestalten Märkte, Mandate und Systemergebnisse

Der Begriff „Hyperscale“ tauchte laut dem KI-Spezialisten Ocient erstmals in den späten 1990er Jahren auf und läutete einen Paradigmenwechsel in der Welt der Datenverarbeitung ein. Er wurde vor allem verwendet, um die beeindruckende Größe und Leistungsfähigkeit von Rechenzentren zu beschreiben. Dabei handelte es sich nicht um gewöhnliche Serverfarmen, sondern um riesige Anlagen, die darauf ausgelegt waren, enorme Datenmengen zu bewältigen.

Im Kern betonte „Hyperscale“ die Fähigkeit dieser Rechenzentren zur horizontalen Skalierung: Durch das Hinzufügen weiterer Server zu einem Netzwerk konnten die Last verteilt und die Leistung gesteigert werden. Dies stellte eine Abkehr vom traditionellen Ansatz der vertikalen Skalierung dar, bei dem einzelne Server durch mehr Rechenleistung, Arbeitsspeicher und Speicherkapazität aufgerüstet wurden. Als Hyperscaler im Technologiesektor gelten heute Plattformen, die Kapital, Infrastruktur, Vertrieb und operative Kompetenz in einem Ausmaß bündeln, das das sie umgebende System neu gestaltet.

Und hier schlägt Roger Urwin die Brücke zur Kapitalanlage: Eigenschaften ihrer Hyperscaler sind Kapitalakkumulation, Plattformeffekte sowie die Hebelwirkung von Daten und Technologie. Doch das entscheidende Merkmal ist für den langjährigen Branchenkenner ihre Fähigkeit, Märkte, Mandate und Systemergebnisse zu gestalten. Hyperscaling bedeutet also nicht einfach nur, groß zu sein, sagt Urwin. „Es ist die Umwandlung von Größe in Optionalität, Urteilsvermögen, Beziehungen, Umsetzungsstärke und Einfluss auf zukünftige Ergebnisse.“

Im Investitionsbereich manifestiere sich dies in zwei miteinander verknüpften, aber unterschiedlichen institutionellen Formen: dem „Asset-Owner-Hyperscaler“ und dem „Asset-Manager-Hyperscaler“. Beide ergänzten einander, schreibt Urwin, doch ihre Antriebskräfte seien verschieden. „Asset Owner skalieren Kapitalentscheidungen. Asset Manager skalieren den Kapitaleinsatz.“

Hyperscaler unter den Asset Ownern

Ein Asset Owner, also ein institutioneller Endanleger wie eine Pensionskasse oder ein Staatsfonds, gilt als Hyperscaler, wenn er Entscheidungsqualität, Kapitalallokation, Zugang und systemischen Einfluss über sein gesamtes Portfolio hinweg skalieren kann, ohne dabei die Kohärenz zu verlieren. Ein solcher Großanleger verfügt nach Auffassung Urwins über zwei Komponenten: eine Entscheidungsinstanz für das Gesamtportfolio sowie eine Instanz für In- und Outsourcing-Beziehungen und Mandate.

Doch was heißt das konkret? Erstere bewertet Investitionsideen und weist ihnen Mittel zu – basierend auf den besten Ansätzen über verschiedene Anlageklassen, Themen und Megatrends hinweg –, wobei menschliches Urteilsvermögen, Analytik, KI und Governance als integriertes System zusammenwirken. Zunehmend würden Endanleger hier den Total Portfolio Approach (TPA) als ihre wichtigste Quelle für Entscheidungsvorteile nutzen, berichtet der Fachmann.

Beim TPA trifft das Investmentteam unter der Leitung eines Chief Investment Officers dynamische, tagesaktuelle Allokationsentscheidungen, während der Anlageausschuss seine Rolle auf die Festlegung übergeordneter Ziele und die Überwachung des Gesamtportfoliorisikos und der Ergebnisse verlagert. Ein Verfechter dieses innovativen Portfoliokonzepts ist das California Public Employees‘ Retirement System, Calpers. Sein Investment Office verwaltet Vermögenswerte in Höhe von rund 596 Milliarden Dollar (Stand: 2. Dezember 2025). Die für Hyperscaler erforderliche Größe und Expertise ist hier auf jeden Fall gegeben.

Die zweite Komponente, die Roger Urwin ins Spiel bringt, besagt, dass Hyperscaler interne Kompetenzen, externe Partnerschaften, den Zugang zu Co-Investments sowie Einfluss auf Beziehungen und Mandatsgestaltung bei konventionellen und Hyperscale-Asset-Managern kombinieren. Nach Einschätzung des erfahrenen Beraters betrachten institutionelle Endanleger die Entscheidung zwischen Insourcing und Outsourcing „nicht als ideologische Frage, sondern als eine Frage der Ausgewogenheit und des Wettbewerbsvorteils“, weiß Urwin zu berichten.

Am Beispiel von Norges Bank Investment Management, dem Manager des norwegischen Government Pension Fund Global, macht der Experte deutlich, welche Möglichkeiten diese elitären Anleger haben. Erstens, sagt er, sei das schiere Anlagevolumen des Fonds. Dieser schaffe Zugang zu weitreichenden Plattform-Chancen. Von Vorteil sei auch die Eigentümerstellung bei den mehr als 16.000 börsennotierten und nicht börsennotierten Beteiligungen: Der Government Pension Fund Global hält Beteiligungen an rund 7.200 Unternehmen in den meisten Ländern und Branchen. Damit ist er der weltweit größte Einzelinvestor.

Vor diesem Hintergrund gibt Urwin zweitens zu bedenken, dass „Größe in privilegierten Zugang, Einfluss als Eigentümer und eine Stimme im System umgewandelt“ werde. Dabei geht es aber längst nicht nur um die Aktien und Anleihen im Portfolio der Norweger, sondern auch um ihre mächtige Rolle in der Zusammenarbeit mit Börsen, Regulierungsbehörden und Standardsetzern.

Hyperscaler auf der Anbieterseite

Der Asset-Manager-Hyperscaler funktioniert anders. Er erzielt Hyperskalierung, indem er die Kapitalbildung und -allokation im Rahmen seiner Kundenbeziehungen industrialisiert. Dass der Anteil der fünf größten Vermögensverwalter in der „Thinking Ahead 500“-Liste des Fachmagazins Pensions & Investments in den vergangenen fünf Jahren von 21 auf 26 Prozent gestiegen ist, führt Urwin auf das Hyperscaling-Phänomen zurück.

Künstliche Intelligenz verschärft den Wettbewerb. Sie vergrößert den Vorsprung jener Institutionen, die in der Lage sind, Daten, Urteilsvermögen, Systeme und Governance zu einem schnelleren und nachhaltigeren Lernzyklus verknüpfen können. Urwin: „In einer Welt der Hyperskalierung speist sich die Leistungsfähigkeit aus einem stärkeren ‚organisationalen Alpha‘: der Fähigkeit, über ein dreidimensionales Portfolio aus Risiko, Rendite und realer Wirkung hinweg in großem Maßstab zu lernen, zu entscheiden und zu handeln – gestützt auf die kombinierte Kraft menschlicher Intelligenz und KI als zentraler Säule.“

Festzuhalten bleibt, Hyperscaler sind die treibende Kraft hinter der digitalen Welt und der Investmentszene. Nun kann jeder in sich gehen und prüfen, ob seine Organisation über entsprechende Attribute verfügt: herausragende Leistungsfähigkeit, Flexibilität, Effizienz, Schnelligkeit und Skalierbarkeit, um nur einige zu nennen.

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