Strategien
26. Juni 2026

Im Schatten viel Licht

Die Emerging Markets, insbesondere Asien, spielen eine übergeordnete Rolle für das globale Wachstum, sind in den großen Kapitalmarktindizes aber nur von untergeordneter Bedeutung. Dabei sprechen für die Schwellenländer auch deren Diversifikationspotenziale und Bewertungen – sowie Impact Investments. In den Emerging Markets entfalten Impacts nämlich eine viel größere Wirkung als hierzulande.

Performance bis zum Abwinken lieferte im vergangenen Jahr der MSCI Emerging Markets in Dollar: Satte 34,36 Prozent standen Ende 2025 zu Buche. Selbst der berühmte MSCI World konnte in den vergangenen Jahren kein größeres Plus aufweisen.

Auch dieses Jahr läuft es für die Fans von Schwellenländer-Aktien rund: Mit 14 Prozent bis Ende April ist das Plus fast dreimal so hoch wie für den MSCI World. Wie der Welt-Index weist aber der Emerging-Markets-Index Konzentrationsrisiken auf – zumindest, wenn man Asien als einheitliche Region betrachtet. 25, 21 beziehungsweise 18 Prozent entfallen auf Taiwan, China und Südkorea. Indien folgt mit 13 Prozent. Nur knapp fünf Prozent des MSCI-Emerging-Markets-Index entfallen mit Brasilien auf ein Land außerhalb Asiens.

Damit spiegelt der Index Asiens Wachstum der Vergangenheit wider, welches allerdings auch dem der Zukunft entsprechen dürfte. Für das laufende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds, IWF, für Indien ein Wachstum von 6,5 Prozent und für China von 4,4 Prozent. Für die USA erwartet der IWF 2,3 Prozent. Weniger stimmig erscheint im Wachstums-Rückblick allerdings der MSCI ACWI Index, der, anders als der MSCI World, sowohl die sogenannten Developed Markets als auch die Emerging Markets abbildet. Im All-Country-World-Index kommt nämlich Taiwan – dank Unternehmen wie Taiwan Semiconductor, Delta Electronics und Mediatek, die alle jeweils über 100 Milliarden Dollar auf die Market-Cap-Waage bringen – als der größte Vertreter der Emerging Markets auf gerade einmal drei Prozent. Auf die USA entfallen dagegen grob zwei Drittel.

Was für Asien gilt, gilt übrigens ähnlich auch für Lateinamerika. Dieser Kontinent „fristet ein Schattendasein am Aktienmarkt“, schreiben die Experten von Taunus Trust. Laut diesen spielt die Region im Weltaktienindex mit unter einem Prozent Gewichtung kaum eine Rolle. Dennoch werde aber sechs Prozent des globalen Bruttosozialprodukts in Lateinamerika erwirtschaftet, die Hälfte davon in den beiden größten Märkten Brasilien und Mexiko.

Für diese Weltregion sprechen zwar nicht Technologiewerte, dafür aber ihr Rohstoffreichtum. Mit diesem sei Lateinamerika laut Taunus Trust „perfekt für die globale Energiewende und Elektrifizierung positioniert“. Weitere Argumente pro Latino-Aktien sieht der Asset Manager in der Demographie, der gewachsenen politischen Stabilität und in den Unternehmensbewertungen.

Asien wächst – künftig wohl auch in den Indizes

Mit deutlich über 20 Prozent (ohne Japan) ist der Anteil Asiens am globalen Bruttosozialprodukt aber noch viel höher als die sechs Prozent von Lateinamerika. Dynamischer als die erwarteten Gewinner der globalen Energiewende dürften sich auch Asiens Gewinner des KI-Booms entwickeln. Die naheliegende Annahme aktiver Investoren: Asiens Gewichtung in den Aktienindizes ist künftig viel höher.

„Die globale Wirtschaftsleistung entfällt größtenteils auf Asien. Die Welt-Aktienindizes spiegeln Asiens Wirtschaftskraft aber nicht annähernd wider. Wir als Kapitalanleger gehen davon aus, dass sich dies auf Dauer ändern wird“, erklärte Dr. Wolfram Gerdes, Mitglied des Vorstands der KZVK Rheinland-Westfalen, auf dem diesjährigen Asia Day des Beraters Faros.

Lage, Lage, Lage bedeutet im Immobilienportfolio auch ein Exposure zu Asien. Dort suchen die EZVK und ihr Head of Real Estate, Felix Frankl, Diversifikationseffekte. Bild: FAROS / Silv Malkmus.

Was Investoren an Asien neben Wachstum und damit verbundenen Renditen imponiert, sind die Korrelationseigenschaften. Diese bestehen zum einen innerhalb dieses Kontinents. Asien weist eine breite Mischung aus entwickelten Märkten wie Japan, Südkorea oder Taiwan und andererseits aus Wachstumsmärkten wie Indien, den Philippinen oder Vietnam auf, wobei Index-Investoren davon, wie oben erwähnt, nicht profitieren. Mindestens so interessant ist für deutsche Investoren aber Asiens Diversifikationspotenzial zu Europa und Amerika. „Korrelationseffekte für unser Immobilienportfolio suchen wir in Asien“, sagte Felix Frankl.

Auf der Faros-Veranstaltung führte der Head of Real Estate der Evangelischen Zusatzversorgungskasse zunächst aus, dass sich die Immobilienmärkte Europas, Nordamerikas und Asien unterschiedlich entwickeln. Diesen Effekt will die Darmstädter Einrichtung künftig für sich nutzen. „Wir müssen uns internationaler aufstellen. Das Ziel ist, dass die Region Asien in unserer Immobilienquote von heute null bis 2030 auf fünf Prozent kommt“, so Frankl.

Gute Argumente – allerdings für Asiens Aktienmärkte – zählte Sean Taylor auf. Der CIO und Portfoliomanager bei Matthews Asia verwies auf die Potenziale für beispielsweise Chips aufgrund des Wachstums auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz, auf die fortschreitende Deglobalisierung, die mehr lokale Nachfrage schaffe, und vor allem auf Corporate-Governance-Reformen.

Auslöser für den Run auf asiatische Unternehmen war jedoch Anfang Januar 2025 das chinesische KI-Unternehmen Deepseek. „US-Anleger waren aus politischen Gründen und auch wegen der Rallye von US-Tech-Stocks nur wenig in Asien investiert. Mit Deepseek kam jedoch der asiatische Tech-Sektor auf den Radar von US-Investoren – und die Erkenntnis, dass Tech-Werte relativ zu den USA betrachtet, viel günstiger bewertet sind“, führte Taylor aus. Einig waren sich die Referenten, dass der umgekehrte Fall, also dass asiatische und europäische Anleger verstärkt in den USA investieren, „dank“ der Maga-Bewegung kaum gegeben ist.

Natürlich sollten Anleger auch hinterfragen, warum Asien in der globalen Marktkapitalisierung nur auf einen relativ kleinen Anteil kommt, beziehungsweise warum asiatische Bewertungen niedriger sind. Klar ist, dass auch in Asien höhere Renditen mit höherer Volatilität einhergehen. Zudem ist das größte Land Asiens, China, auf vielen Feldern problematisch.

Alisa Ilgner, Leiterin Investment Strategy & Controlling bei Faros Pension & Asset Advisory, plädiert für eine differenzierte Sichtweise auf ganz Asien: „China ist nach wie vor ein zentraler Wachstums- und Technologietreiber, zugleich aber stark von geopolitischen Spannungen, staatlichen Eingriffen und Regulierungsrisiken geprägt. Darüber hinaus gibt es im gesamten asiatischen Investmentraum Herausforderungen bei Governance, Transparenz, Umwelt- und Sozialstandards. Das alles steht einem Investment nicht grundlegend entgegen, muss aber im Rahmen des Risikomanagements bewusst berücksichtigt werden.“ Bewusst sollte Investoren zudem sein, dass China nicht auf ausländisches Kapital angewiesen ist. Vielmehr handelt es sich bei China bekanntlich um einen Kapitalexporteur. Was den chinesischen Immobilienmarkt betrifft, sieht Felix Frankl abfließende Kapitalströme. „Das Kapital fließt aus China aufgrund von Abwertungsgefahren und aus politischen Gründen ab. Zudem investieren asiatische Pensionsfonds lieber in den USA als in China.“

Diskussionsstoff lieferten auf dem Asia Day im April ebenfalls Chinas auch Taiwan umfassende Allmachtansprüche. Argumentiert wurde, dass die militärischen Attacken der USA im Iran und Russlands in der Ukraine (schlechte) Beispiele für China sein könnten, um einem Angriff auf Taiwan zu legitimieren. Eher keinen Angriff auf Taiwan erwartet dagegen China-Expertin Dr. Doris Fischer, Professorin an der Universität Würzburg. Sie sagte auf der Faros-Veranstaltung: „Peking ist sehr risikoavers und sieht, dass sich die beiden angegriffenen Länder sehr erfolgreich wehren.“

Unter dem Strich bleiben die höheren Wachstumserwartungen in China und vor allem in anderen asiatischen Ländern. Dies wird aber trotz der aktuellen US-Regierung nicht zu einer völligen Abkehr der Anleger von den USA führen. Wolfram Gerdes: „Die USA werden die Kapitalmärkte weiter dominieren – aber nicht mehr so stark wie es die Indizes heute widerspiegeln.“

Diese Erwartung hegen offenbar auch viele andere institutionelle Anleger. Wie der aktuellen Equilibrium-Umfrage von Nuveen zu entnehmen ist, reduzieren Institutionen, die ihre regionalen Allokationen anpassen, 72 Prozent ihr US-Engagement. 68 Prozent der Investoren erwarten, dass die US-Dominanz an den Kapitalmärkten in den nächsten zehn Jahren abnehmen wird. Von den Portfolioanpassungen profitiert vor allem Kontinentaleuropa, wo 53 Prozent verstärkt anlegen wollen.

Über messbare Erhöhungen berichtet die Studie mit 13 Prozent auch für China. Aber immerhin acht Prozent wollen ihr China-Exposure reduzieren. Berücksichtigen sollte man bei der Studie, dass die Macher von Nuveen betonen, dass es sich nur um „moderate Anpassungen“ handle und Umschichtungen erfolgen, um der allgemeinen Unsicherheit zu begegnen – und nicht um die größten Anlagechancen zu suchen. Die Studie basiert auf den Angaben von 800 institutionellen Investoren, darunter 80 aus Deutschland.

Impacts: Wirkung für Umwelt und Anlage

Die Wachstumsaussichten sind ein wesentlicher Grund für Investoren, das Geld zum Arbeiten in die Schwellenländer und insbesondere nach Asien zu schicken. Für nachhaltige Investoren gibt es aber noch einen weiteren Grund, in den Schwellenländern zu investieren: Impact Investments! Dafür werden jedoch weniger Investments auf dem Aktienmarkt als via Real Assets gesucht. Für Impacts – sowie für mehr Pragmatismus bei nachhaltigen Kapitalanlagen – warb Peter Renner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima, auf der SIS-9-Konferenz. „Da wir am Ende nicht alle Emissionen vermeiden können, sind Ausgleichsprojekte zur Neutralisierung vonnöten. Werden diese in den Emerging Markets umgesetzt, ist dies besser für das Weltklima und für die Entwicklung der Schwellenländer, es kommt also zu einem doppelten Impact“, argumentiert Renner. „Aufforstungsprojekte haben viel größere Effekte, wenn sie nicht bei uns, sondern beispielsweise in Südamerika stattfinden.“

Auf das Wachstum der Schwellenländer und deren Anteil am globalen BIP wies auf der SIS 9 auch Dr. Stephanie Bilo von Responsability hin. Der Asset Manager möchte neben finanziellen Renditen gleichzeitig einen positiven Impact für Gesellschaft und Umwelt erzielen. Als Möglichkeiten hierfür nannte Bilo Energie, insbesondere PV-Anlagen, und in der Landwirtschaft nachhaltige Anbaumethoden sowie entsprechende Investments. Beispielsweise würden in der Landwirtschaft immer noch zu viel (teurer) Dünger und Pestizide eingesetzt, die auf Dauer die Böden auslaugen und auf die Renditen drücken. Bilo: „Nachhaltig bewirtschaftete Böden sind resistenter bei Überschwemmungen und längeren Trockenperioden. Im Endeffekt verbessern nachhaltige Anbaumethoden auch das ökonomische Geschäftsmodell.“

Ebenfalls mit Impact Investments in der Landwirtschaft der Emerging Markets, aber auch mit Microfinance und Erneuerbaren Energien, beschäftigt sich Oikocredit. Auf der SIS 9 betonte Jessica Bodmann, Head of Germany, die Bedeutung des Capacity-Building-Konzepts. Oikocredits Unterstützung der Partner zum „Kapazitätsaufbau“ soll ergänzend zu Oikocredits Finanzierungen dazu beitragen, dass diese ihre Fähigkeiten ausbauen oder neue Kompetenzen erwerben, Zugang zu fortschrittlichen Technologien erhalten und ihre Marktpräsenz erweitern. Diese Entwicklungsfortschritte der Partner verbessern das Leben der Menschen vor Ort – und sie sind messbar. „Wir erheben dazu regelmäßig quantitative Daten auf Portfolioebene unserer Partner sowie qualitative Daten auf Ebene unserer Endkunden und Endkundinnen. Zielführend ist nicht die Informationssammlung allein, sondern das Sammeln von relevanten Informationen“, erläutert Bodmann. Von Oikocredits Entwicklungskonzept überzeugt seien insbesondere werteorientierte Anleger wie Kirchen, Stiftungen und einige Family Offices mit philanthropischer Haltung.

Auf dem gleichen Panel wie Bodmann saß auch Sarita Bartlett, Senior-Portfoliomanagerin bei Finnfund. Die Finnen legten Ende 2025 857 Millionen Euro an, um in Schwellenländern sowohl resiliente und nachhaltige Renditen als auch Impacts zu erzielen. Mehrheitlich widmen sich die Investments Klimazielen und dem Naturkapital, sie beabsichtigen aber zudem lokales Wachstum zu fördern – auch in „complex operating contexts“: Finnfund ist in größerem Stil in der Ukraine engagiert. Dies auch nicht nur in der Landwirtschaft. Lobend erwähnte Bartlett Horizon Capital, einen lokalen Osteuropa-Beteiligungsmanager, der ukrainische Growth-Fonds auflegt. „Horizon fokussiert sich auf Asset-light, export-driven Companies. Diese IT-Unternehmen exportieren in Dollar und haben ihre Kosten in Dollar. Das funktioniert wirklich gut”, gab Bartlett einen Einblick in das Portfolio. Interessante Investments finden sich in den Schwellenländern also nicht nur in Asien.

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