Alternative Anlagen
29. Oktober 2021

Instis for Future

Deutschlands Infrastruktur ist verbesserungswürdig – und dies wissen nicht nur Ökonomen und Bürger, sondern eigentlich auch die Politiker. Trotzdem hat im Wahlkampf Infrastruktur ­allenfalls bezüglich der Energiewende eine Rolle gespielt. Umso ­größer sind nun der Investitionsstau und -bedarf in der Energie­infrastruktur – besonders interessant erscheinen die Investitionschancen bei Glas­faser und Wasserstoff.

„Bei der vorhandenen Infrastruktur aus Strom-, Gas- und Wassernetzen besteht ein zunehmend steigender Re-Investitionsbedarf. Viele Anlagegüter haben ihr technisches Lebensende erreicht. Die deutsche Infrastruktur lebt von der Substanz und die Politik schiebt dieses Problem vor sich her“, betonte Timo Poppe, geschäftsführender Gesellschafter der Palladio Kommunal GmbH, in seinem Intro für das von Paul Wessling von der Müllerei-Pensionskasse moderierte Future-Panel. Dabei geht es schon heute um viel Geld: „Der Wiederbeschaffungswert allein von Abwassernetzen beläuft sich auf über 600 Milliarden Euro“, so Poppe. Hohe finanzielle Mittel erfordert natürlich auch der Erhalt der Verkehrsinfrastruktur. Poppe verwies zudem auf den notwendigen ökologischen ­Umbau des öffentlichen Personennahverkehrs aber auch auf die Wärmewende, die hierzulande vor allem wegen der Klimaziele ­unterschätzt werde. Wichtig zu verstehen ist, dass es nicht nur um den Substanzerhalt geht, sondern nicht zuletzt um die Gestaltung der Zukunft – und in dieser müssen Glasfaser und Wasserstoff ­ihren Platz haben.

Stadtwerke als Partner für institutionelle Investoren

Gefragt beziehungsweise betroffen sind bei diesen Themen nicht nur der Bund, sondern vor allem auch die Kommunen und Stadtwerke, die sowieso vor großen finanziellen ­Herausforderungen ­stehen. Gründe hierfür sind neben dem erwähnten Investitionsstau unter anderem Steuerausfälle und rückgängige Eigenkapital-Verzinsungen bei Energienetzen. Poppe, ehemaliger Vorstand der Stadtwerke Bremen: „Insgesamt beläuft sich der Investitionsaufwand auf eine Höhe, die von Kommunen und Stadtwerken nicht ­alleine gestemmt werden kann.“ Darum plädiert der Experte für Kooperationen zwischen Stadtwerken und privatem Kapital, um den Investitionsstau aufzulösen.

Paul Wessling glänzt im Zukunfts-Panel mit Expertise.
Paul Wessling glänzt im
Zukunfts-Panel
mit Expertise.

„Kommunale Unternehmen und Stadtwerke sind optimale Partner für institutionelle Investoren“, erklärte Timo Poppe, der zur Begründung dieser Aussage auf die Langfristigkeit der möglichen Partner verweist. „Die Zusammenarbeit von Stadtwerken und privatem Kapital würde eine Investitions­offensive bei Glasfaser und bei der Energiewende ermöglichen.“

Die Zeit für Glasfaser ist (über)reif

Ein konkretes Beispiel sind Projekte für den Ausbau von Glasfasernetzen mit kommunalen Unternehmen und der Deutschen ­Telekom als langfristigem Pächter der Netze. Dabei sind institutionelle Investoren als Eigenkapitalgeber mit Minderheitsanteilen über einen Glasfaserfonds von Palladio beteiligt. In dieser Struktur wird über sehr langfristige Verträge sichergestellt, dass die Netze zunächst über sechs bis acht Jahre gebaut und dann über die ­nächsten 20 Jahre effizient betrieben werden. Über die eigene ­Bilanz kann die Telekom den deutschlandweiten Netzausbau nicht alleine stemmen. Zudem hat das Unternehmen nun erkannt, dass die Zeit reif ist, von Kupferkabeln auf Glasfaser zu wechseln – auch um eigenen Content zu vermarkten.
Für langfristige Investoren können diese kommunalen Glasfaserprojekte ein interessanter Zugang zu digitaler, deutscher Infrastruktur sein, bei der niemand einen Investitionsstau bestreitet. Trotzdem sind diese Projekte jedoch, wie Poppe einräumte, in der Umsetzung etwas mühsam, da die kommunalen Mühlen teil­weise recht langsam mahlen.

Timo Poppe sieht Investitionsbedarf in Strom-, Gas- und Wassernetzen.
Timo Poppe sieht Investitionsbedarf
in Strom-, Gas- und Wassernetzen.

Den Investitionsstau sieht auch die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe, ÄVWL. Die ÄVWL weiß jedoch ebenfalls, dass entsprechende Umsetzungen recht langwierig ausfallen können. So hat sie etwa fünf Jahre nach einer passenden Investmentmöglichkeit gesucht. Als mittelgroßer Investor fiel es der ­ÄVWL schwer, sinnvolle Investitionsgrößen zu finden. Die Gefahr, sich in Kleinstprojekten zu verzetteln, will man natürlich vermeiden. Fündig wurden die Ärzte dann vor zwei Jahren nicht auf Projekt-, sondern – wie auch schon in der Vergangenheit – auf Unternehmensebene. Konkret beteiligte sich die ÄVWL gemeinsam mit dem kanadischen Pensionsfonds Omers an der Deutsche Glasfaser Holding GmbH. Ziel der Beteiligung ist, das operativ bereits tätige ­Unternehmen in seine nächste Wachstumsphase zu begleiten. Trotz dieser Direktbeteiligung winken jedoch keine ­Private-Equity-Renditen. Die ÄVWL kalkuliert für diese passive Netzinfrastruktur mit Renditen im oberen einstelligen bis ­niedrigen zweistelligen ­Bereich. Aus Sicht des westfälisch-lippischen Ärzteversorgungswerkes ist dieser Return mit dem damit verbundenen Aufwand ­abzuwägen, und dürfte dann nicht für ­jeden Investor attraktiv sein.

Wasserstoff: teurer Joker

Wohl noch mehr als Glasfaser ist Wasserstoff ein echtes Trend­thema. Mit H₂ verbindet man vor allem die Hoffnung, das ­Speicherproblem der Erneuerbaren Energien zu lösen. Für die Mainzer Stadtwerke war Wasserstoff aber bereits ein Thema im Jahr 2012, als man einen Investitionsbeschluss für einen Elektrolyseur fasste. Dieser ist mit Unterstützung der Technologiepartner Linde und Siemens seit 2015 in Betrieb. Genutzt wird der Wasserstoff von Industriekunden mit hohem Bedarf an (grüner) Energie und dem ÖPNV. „Diese Technologie kann sehr viel“, resümierte Stadtwerke-Vorstand Dr. Tobias Brosze. Ein Selbstläufer ist Wasserstoff jedoch (noch) nicht. Ein Hindernis war beispielsweise die langsame Entwicklung der Verfügbarkeit von Wasserstoff-­betriebenen Bussen. „Wasserstoff in den öffentlichen Nahverkehr einzubringen, brauchte viel länger als gedacht“, so Brosze. Eine ­Restriktion sei auch die Wirtschaftlichkeit. Brosze erläuterte, dass es vorerst zu teuer sei, mit Wasserstoff ausschließlich größere ­Spitzenlasten von Renewables abzufangen, weil sie statistisch nur relativ selten auftreten. Eher geeignet seien H₂-Anlagen – auch um auf ­eine schwarze Null zu kommen – wenn diese über einen ­großen Teil des Jahres gefahren werden und natürlich auch zu den Spitzenlastzeitpunkten. „Und auch das lohnt sich nur, wenn ­jemand bereit ist, einen deutlich höheren Preis für grünen als für grauen Wasserstoff zu bezahlen“, erläuterte der Vorstand der Mainzer Stadtwerke, die übrigens bei einer Bilanzsumme von rund ­einer Milliarde Euro pro Jahr etwa 100 Millionen Euro in den Erhalt der ­Infrastruktur investieren. Trotzdem liegt es Brosze fern, Wasserstoff in Frage zu stellen. „Wasserstoff wird eine wesentliche ­Rolle bei der Transformation des Energiesystems spielen“, ­prognostizierte Brosze, der Wasserstoff zudem als „Joker“ und ­„Alleskönner für den Teil, der nicht zu elektrifizieren ist“ titulierte.

Lutz Horstick und die ÄVWL fanden Zugang über ein Unternehmen.
Lutz Horstick und die ÄVWL fanden
Zugang über ein Unternehmen.

Damit der Joker sticht, braucht es noch Zeit, Fördermittel und/oder höhere CO₂-Preise – aber auch den einen oder anderen regionalen Nukleus. Einen solchen entwickelt derzeit der zweite Praktiker ­unter den Panellisten, Hubert Loick, Vorstandsvorsitzender der Loick AG, im thüringischen Bad Langensalza. Dort stehen bereits Wind- und PV-Anlagen sowie industrielle Anwender und ÖPNV-Betreiber parat, die Druck haben, ihren CO₂-Ausstoß zu ­reduzieren. „Diesen Unternehmen wollen wir Grünstrom liefern. Das ist der Grundgedanke“, so Loick. Energie und deren Finanzierung sind dem Unternehmer und Landwirt Loick aus dem Betrieb von ­Biogasanlagen, die von Pensionskassen mit Fremdkapital versorgt werden, bekannt – und auch, dass die Umsetzung solcher Projekte Partner wie zum Beispiel den Energiespezialisten Boreas, Zeit und ­zunächst eigenes Kapital benötigen. „Für den Verkehrsbetreiber ­investiere ich notfalls auch selbst in H₂-betriebene Busse, falls eine Entscheidung aus den Kommunalverbänden zu lange dauert. Nur so können wir beweisen, dass das Wasserstoffprojekt funktioniert“, leistet der Unternehmer Überzeugungsarbeit. Allein mit eigenem Kapital lässt sich ein solches Großprojekt aber kaum anschieben. Es braucht auch Finanzinvestoren. Sehr bewusst ist Loick, dass ­diese nur unter bestimmten Rahmenbedingungen Geld geben: „Der Dialog zwischen Investoren und Unternehmer ist sehr ­wichtig. Man muss einander verstehen und wissen, was der jeweils andere benötigt.“ Als Beispiel erwähnt Loick die nötigen Sicher­heiten. Hier ist offenbar noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Wasserstoff ist auch für die ÄVWL sehr spannend. Noch wird dort aber die Investitionssicherheit nicht als gegeben angesehen. Wenn ­jedoch einmal die komplette Wertschöpfungskette mit Industrieunternehmen als Grünstromabnehmer steht, kann sich die ÄVWL durchaus vorstellen, sich als EK- oder FK-Geber einzuklinken.

H₂ braucht Partner, Abnehmer, Zeit, Geld und Geduld

Wie Loick betonte auch Tobias Brosze, dass bestimmte Nutzer für die H₂-Anwendung besonders geeignet sind. Brosze nannte Straßenbahnen und energieintensive Sektoren wie Stahl und Zement. „Das können für Finanzinvestoren spannende Objekte sein, die im Einzelfall ein Finanzierungsvolumen von bis zu einer Milliarde ­Euro erfordern. Allerdings handelt es sich um sehr komplexe Projekte mit vielen Partnern und vor allem braucht es schlussendlich einen Abnehmer, der aufgrund seiner Dekarbonisierung-Ziele ­bereit ist, einen Aufschlag für grünen Wasserstoff zu zahlen.“ Noch braucht es aber auch etwas Geduld. Brosze: „Wasserstoff ist noch ein Nischenprodukt. Ab den 30er-Jahren wird dieses Thema aber richtig an Fahrt aufnehmen.“

Allzulange abwarten sollten Interessierte aber nicht mehr. „Wir sind bereits in der Hochlaufphase“, sagte Timo Poppe, der in dieser Parallelen zu Renewables zu ­Beginn des Jahrtausends sieht. ­Anders als damals können Entwickler Erneuerbare Energien nun aber mit einem Elektrolyseur ver­binden. „Die Technik ist da und muss nun skaliert werden.“ Diese Phase werde noch fünf bis zehn Jahre ­andauern. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass die Klimaziele die Hochlaufphase beschleunigen.

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