Pension Management
24. Juli 2020

Kapitaldeckung am Berg Ararat

Armenien hat viel Geschichte und Kultur, drei Millionen Einwohner – und ein kapitalgedecktes Pensionssystem. Dieses erwirtschaftet beneidenswerte Renditen, welche sich mit der Asset-Allokation und niedrigen Kosten erklären lassen. Einer der Mitstreiter der kapitalgedeckten Altersvorsorge ist hierzulande ein alter Bekannter.

Auch für Boxer ist Altersvorsorge ein wichtiges Thema. Darum „haute“ eines Tages Arthur Abraham, Ex-Weltmeister der Verbände IBF und WBO, den Ex-CIO der Deutsche Asset Management, Ernst-Ludwig Drayß, an. Hintergrund des Aufeinandertreffens: Abraham stammt aus Armenien und damit aus dem Land, das Drayß seit seinen Deutsche-Bank-Tagen beruflich vertraut ist, welches er mehrfach bereiste und dem er heute auch als Aufsichtsratsvorsitzender der C-Quadrat Ampega Asset Management Armenia verbunden ist. In dieser Funktion unterstützt er seit 2014 den Aufbau eines kapitalgedeckten Pensionssystems. Mit Erfolg: Heute werden in dem zwischen Türkei, Aserbaidschan und Georgien gelegenen Land etwa 550 Millionen Euro an Pensionsgeldern für etwa 580.000 Teilnehmer bewirtschaftet, monatlich kommen etwa zehn Millionen Euro hinzu. 49 Prozent der Teilnehmer sind weiblich. Ebenfalls hälftig teilen sich C-Quadrat und Amundi das Management.

Ein Grund für die Reform des Pensionssystems hin zur Kapitaldeckung war die ungünstige Entwicklung der Demographie. Der Hauptgrund war es aber nicht. „Als die Sowjetunion zusammenbrach, waren die Pensionsgelder fast komplett weg. Das hat sich ins kollektive armenische Gedächtnis eingebrannt und führte zu einem Mangel an Vertrauen in den Staat“, berichtet das Branchenur-gestein Drayß, dessen Karriereweg 1977 bei der Deutschen Bank begann und unter anderem über das Bankhaus Warburg zu C-Quadrat führte. Fehlendes Vertrauen in staatliche Institutionen sind schlechte Voraussetzungen für ein Umlageverfahren mit Pay-as-you-go-Plänen. Eine kapitalgedeckte Altersvorsorge benötigt aber ebenfalls Vertrauen. Dieses zu schaffen, war nicht einfach. „Am Anfang nahmen die Armenier nur den Abzug vom Nettogehalt wahr und dachten, dass es sich um eine neue Steuer handelt. Das hat das Pensionsprojekt damals um ein Jahr verzögert“, blickt Drayß zurück. Es brauchte also vertrauensbildende Maßnahmen. Eine war, dass zunächst einmal nur Beamte in einen der drei Fonds einzahlten. Andere waren die staatliche Garantie, dass zu Rentenbeginn, der bei 65 Jahren liegt, mindestens die inflationsbereinigten Einzahlungen vorhanden sind, und dass der Staat zum Entgelt-Abzug von 2,5 Prozent noch 7,5 Prozent dazugibt. Die „Contribution“ beträgt also zehn Prozent. Eine flächendeckende Verbreitung ¬erfuhr das neue Pensionssystem dann dadurch, dass die Armenier registrierten, dass ihre Ansprüche vererbbar sind. Drayß: „Das war der Durchbruch.“

Local Bonds mit hoher Rendite

Dazu, dass sich die Skepsis weiter legte, trug nicht zuletzt die Performance bei. Seit 2014 wurden jährlich über zehn Prozent erwirtschaftet. In Euro gerechnet ist die Performance sogar höher, da der armenische Dram im Gegensatz zu vielen anderen Schwellenländer-Währungen leicht aufwertete. Die gute Performance ist den Anspruchsberechtigten auch bewusst: Anders als in Deutschland bekommen die Armenier auch nicht nur einmal im Jahr einen Rentenbescheid, sondern können sich täglich im Internet über ihre aktuellen Ansprüche an den Defined-Contribution-Plan informieren. Die bislang stolze Performance ist verschiedenen Umständen geschuldet. Wie erwähnt, garantiert der Staat nur die Einzahlungen. Zudem ist das Pensionssystem nur für Armenier ab Jahrgang 1974 obligatorisch, so dass erste Auszahlungen erst in 20 Jahren anstehen und auch Lebenszyklusmodelle noch kein Thema sind. Dadurch kann mehr Risiko genommen werden. Allerdings haben mittlerweile auch viele Ältere die Möglichkeit genutzt, sich freiwillig zu versichern.
Sehr relevant ist natürlich auch die Asset-Allokation. „Für die Altersvorsorge halte ich eine Aktienquote von 25 Prozent für das Minimum – und die schöpft der Pensionsfonds in der konservativen Variante auch voll aus“, erklärt Ernst-Ludwig Drayß. Mangels armenischer Aktien liegt ein Drittel des Portfolios in internationalen Aktien. Besonders renditeträchtig ist jedoch armenisches Fixed Income. Dollar-Staatsanleihen rentieren mit über vier Prozent, Unternehmenskredite bringen deutlich mehr. Noch höher rentieren aber local Bonds. „In Dram denominierte armenische Staatsanleihen mit Laufzeiten von fünf, zehn und 30 Jahren rentieren mit 6,8 -Prozent, 7,7 Prozent beziehungsweise mit 8,5 Prozent“, informiert Dr. Arman Vardanyan, CEO der C-Quadrat Ampega Asset Management Armenia. Die lokalen armenischen Bonds machten dieses Jahr dank fallender Renditen bislang besonders viel Freude: Zehnjährige brachten elf und zwanzigjährige sogar satte 20 Prozent.

Mit Blick auf diese Renditen überrascht nicht, dass die puristische Fixed-Income-Fondsvariante in den meisten Jahren auch mehr Rendite erzielte als die beiden Fonds mit Aktienquoten. In allen drei Fonds fließen 60 Prozent in den heimischen Währungsmarkt. Mehr als ein schöner Nebeneffekt: „Die Kreditvergabe des Pensionsfonds im Inland fördert die Entwicklung des armenischen Kapitalmarkts“, so Drayß. „Je mehr Pensionsgelder, desto mehr Anlagemöglichkeiten entstehen in Armenien.“

Gesellschaften wie C-Quadrat Ampega Asset Management Armenia – ein Aufsichtsratsmitglied ist übrigens der Unternehmer Johannes Kärcher, dessen Produkte man auch in Armenien schätzt –, und die ebenfalls in Armenien ansässige Amundi ACBA Asset Management stehen für die Globalisierung der Branche. Anders als die Branchengröße Amundi ist C-Quadrat aber nicht unbedingt ein Global Player. Dass man als Wiener Vermögensverwalter Pensionsgelder in Armenien managt, ist keine Zwangsläufigkeit. Einiges erklärt sich mit der Person Ernst-Ludwig Drayß, dessen Weg von Bensheim nach Eriwan auch nicht unbedingt vorgezeichnet war. Aber neben den erwähnten beruflichen Verbindungen aus Deutsche-Bank-Zeiten kommen bei Drayß private Verbindungen hinzu. Das Gründungsmitglied des Kuratoriums Unesco Welterbe Kloster Lorsch war nämlich schon immer auch kulturell interessiert – und damit auch am an Kulturschätzen reichen Armenien. In seiner Funktion als Kuratoriumsvorstand und Gründer des Vereins „Noah e.V.“ fördert er beispielsweise Partnerschaften mit Klöstern in Armenien oder pflegt den Kulturaustausch über die Organisation von Auftritten von armenischen Chören und Jazz-Musikern in Deutschland. Geschäftlich wiederum investierte C-Quadrat bereits vor Jahren größere Anteile eines Mikrofinanz-Fonds in Armenien. Damals als Mikrofinanzexperte dabei: Arman Vardanyan. Größenbedingt war C-Quadrat trotzdem zunächst nicht im engeren Kreis der Asset-Manager-Kandidaten. Wie Drayß berichtet, war er bei der Asset-Manager-Suche behilflich und wurde bei großen deutschen Häusern vorstellig, konnte jedoch wenig Begeisterung entfachen, sich mit dem Drei-Millionen-Einwohner-Land zu befassen. Darum fädelte C-Quadrat, um an Größe zu gewinnen, eine Kooperation mit der Talanx-Versicherung ein, woraufhin man eines der bislang zwei Mandate ergattern konnte. Zum damaligen Zeitpunkt war die Talanx Aktionär der C-Quadrat.

Der Grund dafür, das Managerrisiko in Vorderasien nicht breiter zu diversifizieren, habe an den Erfahrungen in Chile gelegen. Chile ist in Südamerika der Vorreiter der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Der Pazifikstaat setzt bereits seit 1981 auf eine komplett individualisierte kapitalgedeckte Altersvorsorge, in dem die Chilenen für ihre Altersvorsorge aus einer Vielzahl von Fonds auswählen können. Das Pensionssystem überzeugt durch sein Wachstum, nicht aber bei den Renditen (siehe auch portfolio institutionell, November 2018; S. 14f.). „Armenien hat sich bei seinem Pensionssystem an Chile orientiert – ohne aber deren großen Fehler zu machen“, so Drayß. „In Chile sind zu viele Asset Manager involviert. Dort sind Konkurrenzkampf und Marketingbudgets zu hoch.“ Eriwan halte darum die beiden Asset Manager an, zwar präsent zu sein, aber keine Werbung zu machen. Vielmehr solle man das Bewusstsein der Bevölkerung für die Wichtigkeit von richtiger und rechtzeitiger Altersvorsorge durch gezielte Informationen schärfen.

Auch in der Region ergeben sich (vorerst) keine Geschäftspotenziale. In Georgien will man zwar an die Pensionssystem-Erfolge von Eriwan anknüpfen. Drayß verfolgt die Bemühungen aber mit Skepsis: „Tiflis will die Gelder derzeit durch eine staatliche Pensionsagentur selbst managen.“ Große Potenziale verortet Drayß dagegen für Infrastrukturinvestoren in Armenien. Drayß sieht enormen Investitionsbedarf für Verkehrs- und Energieinfrastruktur.
Wer beispielsweise Erneuerbare Energien in Armenien finanziert ist die Evangelische Bank, die einen entsprechenden Fonds zusammen mit der DEG aufgelegt hat. Korruption sollte kein Ausschlussgrund für Infrastrukturinvestments sein. Im Corruption Perceptions Index (CPI) hat sich Armenien jüngst deutlich verbessert und liegt mit Platz 77 von 180 Staaten beispielsweise vor Indien. Drayß nennt zudem mit den Arbeitskräften ein gutes Argument für Investoren: „In den Institutionen wie der Zentralbank sind die Mitarbeiter gut ausgebildet und haben eine sehr hohe Motivation.“ Konsequenterweise beschäftigt C-Quadrat in Eriwan auch nur -„Locals“. Bei Amundi besteht das Management zumindest hälftig aus Absolventen des Yerevan State Institute of Economics.

Mit Blick auf die gute Entwicklung des kapitalgedeckten Pensionssystems kommt die Anfrage von Arthur Abraham also nicht mehr ganz überraschend. Der Boxer ist allerdings disqualifiziert, da Einzahlungen von Auswanderern in das armenische Pensionssystem rechtlich nicht möglich sind. In Deutschland gewonnene Preisgelder lassen sich also nicht in armenische Rentenzahlungen umwandeln. Kein Grund jedoch für Abraham, das Handtuch zu werfen: Die armenische C-Quadrat-Tochter legte im Oktober einen offenen Publikumsfonds auf, dessen Strategie sich an der des Spezialfonds für die staatlichen Pensionsanlagen orientiert. Gut zu wissen für Euro-Investoren: Der Dram ist sehr stabil. „Wegen der Geldüberweisungen der vielen Auswanderer muss die Zentralbank immer mal wieder gegen Aufwertungen eingreifen“, so Drayß. Vardanyan ergänzt: „Der Dram ist in der Region eine der stärksten Währungen.“ Pandemie-bedingte Verluste, die Schwellenländer-Währungen typischerweise erfuhren, wurden wieder aufgeholt. Bleiben Wechselkurs und Renditepotenziale weiter stabil, wären also auch in Euros zweistellige Renditen möglich. Zum Vertrieb zugelassen ist das Pensionsfonds-Duplikat jedoch nur in Armenien.

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