Recht, Steuer & IT
4. November 2021

KMU drohen bei ESG-Fonds außen vor zu bleiben

DVFA: Kleine und mittlere Unternehmen mit ESG regulatorisch überfordert. Forderung nach vereinfachtem Reporting.

Die EU-Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) sowie die Taxonomie stellen viele institutionelle Investoren, Fondsgesellschaften und Asset Manager vor Herausforderungen beim ESG-Reporting. Nun warnt der Berufsverband der Investment Professionals, DVFA, davor, dass die gestiegenen ESG-Anforderungen kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) regulatorisch überforderten. Vor allem Fondsgesellschaften suchen aktuell vermehrt nach ESG-Daten, um alle Portfoliopositionen nach der SFDR zu klassifizieren, und ihre Investmentsfonds entweder nach Artikel 9, als sogenannte Impact-Investmentfonds, nach Artikel 8, als solche Fonds, die mehrheitlich in Unternehmen investieren, die bereits ESG-Kriterien erfüllen oder als sogenannte Artikel-6-Fonds, die keine beziehungsweise nur eine geringe ESG-Affinität aufweisen, einzuordnen.

Investments in KMU mangels Daten erschwert

Dax-, M-Dax- und zum Teil auch S-Dax-Unternehmen hätten nach Ansicht des DVFA auf die Entwicklung reagiert und nahezu vollständig eigene ESG-Teams gebildet, die Datenhaushalte aufbauen, sich von externen Nachhaltigkeitsspezialisten beraten und sich von ESG-Ratingagenturen bewerten lassen. „Im Rahmen der Offenlegungsverordnung hat sich jedoch gezeigt, dass Fonds, die gemäß Artikel 8 beziehungsweise Artikel 9 klassifiziert sind und in KMU investieren, in der Regel weder auf Ratings noch auf entsprechende Daten des Unternehmens zurückgreifen können. Somit unterstellt die Methodologie der Fondsanbieter, dass diese Unternehmen automatisch als nicht nachhaltig eingestuft werden, beziehungsweise keinen Impact geben. Damit werden Investments in KMU deutlich erschwert beziehungsweise durch die jeweils fondsspezifische Umsetzung der Offenlegungsverordnung gegebenenfalls sogar systematisch ausgesteuert“ meint Thorsten Müller, Mitglied des DVFA Vorstands und Geschäftsführer bei der Lighthouse Corporate Finance GmbH.  Neben der niedrigen Liquidität, die Investments institutioneller Investoren in KMU bereits seit längerem deutlich erschweren, komme nun in Form der ESG-Anforderungen eine weitere Hürde hinzu.

In KMU fehlt ESG-Expertise

Dabei belegten zahlreiche Studien die hohe Bedeutung des KMU-Sektors für Innovation und Beschäftigung. Auch die EU-Kommission weist in ihrem Leitfaden zur Weiterentwicklung der Kapitalmarktunion auf die hohe Bedeutung eines effizienten Kapitalmarktzugangs, insbesondere für das KMU-Segment hin. „Doch durch eine nach Größenklassen undifferenzierte Einführung von ESG-Anforderungen, drohen KMU nun Opfer der ESG-Regulierung und deren Umsetzung zu werden“ ergänzt Thorsten Müller. Ein umfassendes ESG-Reporting könne derzeit von vielen börsennotierten KMU nicht geleistet werden. Es fehlten hier ausgebildete ESG-Spezialisten, Datenhaushalte müssen in den Unternehmen erst aufgebaut werden und die externen Berater, die Unternehmen in Richtung einer ESG-Strategie begleiten können, stünden nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung. IT- und gegebenenfalls auch KI-basierte automatisierte Ratingprozesse für KMU seien nicht vorhanden.

Übergangslösung gefordert

Die EU-Taxonomie wie auch die derzeit in der Konsultation befindliche Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) sollten deshalb kurzfristig eine Übergangslösung für kapitalmarktorientierte KMU vorsehen, fordert der DVFA. Institutionellen Investoren sollte es ermöglicht werden, ein KMU als Artikel-8-konform einzustufen, sofern eine so genannte ESG-Basisstrategiedes betreffenden Unternehmens vorliegt. Diese sollte Wege aufzeigen, wie das KMU sich zukünftig in Richtung Nachhaltigkeit weiterentwickeln wird, wie entsprechende Datenhaushalte aufgebaut werden und welche Key-Performance-Indikatoren eingeführt werden sollen, schlägt der Verband vor. Als Zeitraum für eine Übergangslösung sieht er drei Jahre als erforderlich an, nach denen die geplante CSRD dann auch für kapitalmarktorientierte KMU in Kraft treten solle, wünscht sich der Verband.

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