„Komplexität ersetzt nicht Urteilsfähigkeit“

Susanna Adelhardt ist seit April vorigen Jahres Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. Sie ist eine herausragende Expertin für das Thema Alterssicherung und betriebliche Altersversorgung.
Susanna Adelhardt ist Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung e.V., Mitglied der Heubeck-Geschäftsführung und nun auch Preisträgerin unseres Vordenker-Awards. Im Interview äußert sich die Diplom-Statistikerin über ihren unerwarteten Erfolg, die Perspektiven der Altersvorsorge und die Grenzen der Modellierbarkeit.
Frau Adelhardt, Sie haben in diesem Jahr den Vordenker-Award von portfolio institutionell gewonnen. Die Entscheidung haben unsere Leser getroffen. Herzlichen Glückwunsch! Als wir Ihnen das Votum mitgeteilt haben, waren Sie freudig überrascht, aber auch ein wenig ungläubig. Warum?
Vielen Dank! Ich hatte zweifellos sehr starke Mitbewerber – jeder von ihnen Experte in einem anderen Gebiet, auf dem er oder sie sich besonders auszeichnet. Bei einem so ausgeglichenen Feld denke ich dann eher in Erwartungswerten als in Tail-Ereignissen. Umso mehr habe ich mich daher gefreut, dass durch Ihre Leser aus 20% Wahrscheinlichkeit für mich 100% Gewinn wurden.
Ihre Karriere verläuft sehr geradlinig. Ein Thema prägt Ihren Werdegang ganz besonders: die betriebliche Altersversorgung. Wann haben Sie sich entschieden, diesen Weg einzuschlagen und warum?
Zur betrieblichen Altersversorgung bin ich nicht über einen Masterplan gekommen, sondern über verschiedene Stationen, die erst rückblickend so gut zusammenpassen. Nach meiner Ausbildung bei einer Bank habe ich neben meinem Studium weiterhin dort gearbeitet, allerdings in der Anwendungsentwicklung.
Nach einem Wechsel innerhalb der Bank in die Abteilung für betriebliche Altersversorgung habe ich dort ein Arbeitsfeld gefunden, das alles zusammenführt: finanzwirtschaftliches Denken, aktuarielles Handwerkszeug und die Notwendigkeit, Entscheidungen aus langfristigen Überlegungen heraus zu treffen.
Besonders reizvoll finde ich bis heute die Perspektive der Kapitalmärkte auf Verpflichtungen, die mehrere Jahrzehnte in die Zukunft reichen. Kurzfristige Marktbewegungen einzuordnen, ohne dabei den langfristigen Finanzierungspfad aus dem Blick zu verlieren, gehört für mich zu den spannendsten Aufgaben unseres Berufs.
Dass auch mein weiterer Weg nicht von vornherein so geplant war, ist aus meiner Sicht kein Nachteil. Jede Station hat einen neuen Blickwinkel hinzugefügt, das Bild erweitert – komplett wird es dennoch nie. Geblieben ist meine Neugierde auf die Verknüpfung von technischen Fragestellungen, finanziellen Steuerungsmechanismen und dem Zusammenspiel von Aktiv- und Passivseite, sowohl im Unternehmenskontext als auch im makroökonomischen Umfeld.
Internationale Entwicklungen prägen seit vielen Jahren die Rahmenbedingungen des aktuariellen Berufsstands maßgeblich. Projekte wie die Überarbeitung des europäischen Aufsichtssystems Solvency II, die Umsetzung von IORP II oder auch die komplexe Implementierung von IFRS 17 verdeutlichen die erheblichen Auswirkungen auf die aktuarielle Tätigkeit. Welche fachlichen Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Diese regulatorischen Entwicklungen prägen unseren Berufsstand aktuell stark. Gleichzeitig sehe ich die Zukunft der Aktuarinnen und Aktuare nicht allein in der Umsetzung immer komplexerer Regelwerke. Entscheidend wird sein, wie wir unsere fachliche Expertise, unsere Urteilsfähigkeit weiterhin einbringen.
Je mehr Regulierung und Technologie zunehmen, desto stärker verschiebt sich unser Berufsbild vom Rechnen zum verantwortlichen Einordnen. Wir hinterfragen Modelle und halten sie erklärbar, wir kennen die Grenzen der Modellierbarkeit und berücksichtigen das in der Beurteilung der Ergebnisse, wir wissen, dass auch eine KI nur ein Werkzeug ist, das keine Verantwortung übernehmen kann. Komplexität ersetzt nicht Urteilsfähigkeit – Komplexität macht Urteilsfähigkeit essenziell!
Gleichzeitig braucht ein solcher Anspruch eine starke internationale und letztlich globale Vernetzung. Finanzmärkte und Risiken kennen keine nationalen Grenzen – entsprechend muss unser Berufsstand auch über Länder hinweg eng zusammenarbeiten.
Die von Heubeck entwickelten und immer wieder aktualisierten Richttafeln bilden die allgemein anerkannten Rechnungsgrundlagen zur bilanziellen Bewertung von Pensionsverpflichtungen in Deutschland. Zu den Kunden von Heubeck zählen Pensionskassen, Pensionsfonds und berufsständische Versorgungswerke ebenso wie Verbände und staatliche Institutionen. Wie beurteilen Sie die Perspektiven der betrieblichen Altersversorgung in Deutschland?
Die künftige Rolle der kapitalgedeckten Alterssicherung wird entscheidend für das gesamte System sein. Das ergibt sich direkt aus einem risikoorientierten Blick auf die gegenwärtigen Systeme, die künftige gesellschaftliche Tragfähigkeit und absehbare demographische Entwicklungen. Die gesetzliche – umlagefinanzierte – Rente hat ein demographisches Risiko, kapitalgedeckte Systeme dagegen Kapitalmarktrisiken. In der Kombination beider Systeme wird das Risiko von Altersarmut bereits für den Einzelnen diversifiziert und damit gesenkt. Zusätzlich können Ausgleichsmechanismen, die ein möglichst breites Kollektiv einbeziehen, die gesamtgesellschaftliche Risikotragfähigkeit erhöhen.
Konkret: Das Sicherungsniveau der ersten Säule wird weiter sinken. Nicht zwingend die Prozentangabe eines angestrebten Rentenniveaus, da diese Zahl politisch gesetzt wird, sondern die Realität, wie viele Menschen dieses Rentenniveau auch wirklich mindestens erreichen. Die Voraussetzungen dafür, ein durchgängiges sozialversicherungspflichtiges Erwerbsleben, ein wettbewerbsfähiger Arbeitsstandort Deutschland, eine weiter steigende Produktivität, sind nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit wie in den letzten 70 Jahren gegeben.
Die damit entstehende Lücke in der individuellen Alterssicherung muss strukturell geschlossen werden. Freiwilligkeit kann keine systematischen Lücken füllen, denn sie überwindet nicht unsere Gegenwartspräferenz. Die betriebliche Altersversorgung hat einen anderen Hebel. Über 90% der Menschen im erwerbstätigen Alter sind Arbeitnehmer. Aktuell setzen wir bei der betrieblichen Altersversorgung auf Freiwilligkeit von Arbeitgebern oder die Initiative von Arbeitnehmern. Eine verpflichtende zweite Säule für alle Arbeitnehmer ist ein Schlüssel, der hilft diese Lücke zu schließen. Damit diese Verbindlichkeit nicht allein zu Lasten der Arbeitgeber geht, müssen deren langfristigen Finanzierungsrisiken aus der Zusage gesenkt werden. Also abgesenkte nominale Garantien und mehr Öffnung für reine Beitragszusagen, wie wir sie von den Sozialpartnermodellen her bereits kennen.
Wenn wir uns außerdem der unbequemen Wahrheit stellen, dass nur lebenslange Leistungen eine Substitution der Lücke aus der gesetzlichen Absicherung über die gesamte Bezugszeit darstellen können, dann spielt die betriebliche Altersversorgung den Joker aus. Durch das große Kollektiv sind lebenslange Leistungen darstellbar, bei denen die Finanzierung auf alle Schultern verteilt wird, die der Arbeitnehmer, der Arbeitgeber, der Gesellschaft und der Wirtschaft, und damit für alle tragbar ist.
Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, damit die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Deutschland an Bedeutung gewinnt?
Alterssicherung lebt vor allem von Vertrauen. Vertrauen in langfristige Rahmenbedingungen und Versprechen, in regulatorische und steuerliche Leitplanken. Das gilt für die umlagefinanzierte Alterssicherung genauso wie für die kapitalgedeckte.
Bei der Kapitaldeckung kommt zu diesem langfristigen Aspekt eine weitere Dimension hinzu: das Vertrauen in die Funktionsweise der Kapitalmärkte. Kapitalmärkte haben – unbestritten – Risiken, sie erschließen gleichzeitig die Möglichkeit, langfristiges Wirtschaftswachstum für die Finanzierung von Altersvorsorge zu nutzen. Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich meist auf Krisen und Verluste, während der Kapitalmarkt – neben Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Dritte im Bunde – deutlich leiser und dennoch kontinuierlich seinen Beitrag leistet.
Genau hier liegt aus meiner Sicht ein zentraler Hebel. Bei den langfristigen und kollektiven Sparprozessen der betrieblichen Altersversorgung kann die Volatilität am Kapitalmarkt gemeinsam getragen und auf alle verteilt werden. Ganz anders als ein einzelner Sparer das kann. Diese Zusammenhänge sind gut bekannt. Die Entscheidung, ob wir sie auch nutzen wollen, ist gleichzeitig die Entscheidung, ob wir bei der Alterssicherung individuelle Beiträge oder gesamtgesellschaftlichen Ausgleich höher werten wollen.
Können andere Länder, die hier schon viel weiter sind, ein Vorbild sein?
Ein Blick in andere Länder lohnt immer, allerdings nicht, um erfolgreiche Modelle blind zu kopieren, sondern um strukturelle Entscheidungen und deren langfristigen Folgen auf soziale Systeme zu verstehen. Altersversorgungssysteme sind keine Baukästen, die laufend neu zusammengestellt werden können, sondern historisch gewachsen. Der noch größere Fehler wäre, die Alterssicherung isoliert herauszupicken, ohne die soziale Einbettung und die ökonomischen Gegebenheiten genauso einzubeziehen. Daher werden Systeme, die im einen Land die Alterssicherung sicherstellen unter anderen Voraussetzungen nur scheitern.
Gleichzeitig darf uns auch nicht der Mut fehlen, funktionierende Konzepte auf deutsche Verhältnisse anzupassen und umzusetzen. Länder wie Schweden haben vor Jahrzehnten bewusst eine verpflichtende kapitalgedeckte Komponente eingeführt. Mit einer einfachen Standardlösung als Auffangmechanismus – und dennoch individuellen Wahlmöglichkeiten. Das war keine kosmetische Anpassung, sondern eine tiefreichende strukturelle und auch für die Bürger schmerzhafte Entscheidung. Der Mut hat sich mittlerweile ausgezahlt.
Die Vergangenheit der Alterssicherung in Deutschland können wir nicht neu schreiben, nur auf ihr aufsetzen. Die Ausrede, dass es besser gewesen wäre, den notwendigen Umbau bereits vor zwanzig Jahren zu beginnen, schützt uns nicht davor, spätestens jetzt tätig zu werden. Mit jedem Jahr, um das wir Entscheidungen weiter verschieben, verlieren wir weiter Zeit. Und ja, die Einschnitte werden unbequem sein und uns alle betreffen, betreffen müssen.
Die eigentliche Frage ist daher nicht, welches Land Vorbild sein kann. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, liebgewonnene Gewohnheiten loszulassen und neue Prinzipien, die wir längst kennen, umzusetzen.
Frau Adelhardt, in einem früheren Interview haben Sie betont, dass Sie junge Menschen frühzeitig für den Beruf des Aktuars beziehungsweise der Aktuarin begeistern und gleichzeitig die Bekanntheit dieses Berufstands weiter steigern wollen. Ist das ein Beruf mit Zukunft?
Meine Antwort ist ein klares Ja. Solange Gesellschaften langfristige Verpflichtungen eingehen – was in der Alterssicherung und im Gesundheitswesen regelmäßig der Fall ist –, müssen diese Verpflichtungen in einen Risiko- und Finanzierungskontext gestellt werden, also aktuariell analysiert und eingeordnet werden.
Aktuarinnen und Aktuare arbeiten an dieser Schnittstelle von Mathematik, Kapitalmarkt und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Verknüpfung macht den Beruf anspruchsvoll – und genauso spannend wie zukunftsfähig.
Wenn wir junge Menschen dafür begeistern, machen wir genau diese Perspektive sichtbar: Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um die Stabilität finanzieller Systeme über Jahrzehnte hinweg. Und gleichzeitig geht es um die Absicherung von Menschen, ein Wert, der tagtäglich seine Wirkung entfaltet.
Sie haben sich als Führungspersönlichkeit in der unternehmerischen Praxis und in den Fachgremien der deutschen und europäischen bAV einen Namen. Bis heute engagieren Sie sich ehrenamtlich. Haben Sie vielleicht ein Beispiel für uns, wo und wie sich Ihre Arbeit auf die institutionelle Kapitalanlage auswirkt?
Meine ehrenamtliche Arbeit wirkt sich nicht in konkreten Anlagevorgaben auf die institutionelle Kapitalanlage aus. Meine Motivation ist eine andere.
Auf europäischer Ebene werden zunehmend die Leitplanken definiert, innerhalb derer institutionelle Investoren handeln können, wie Risiken bewertet werden, wie Verpflichtungen bilanziert werden, welche Spielräume bestehen.
In den Diskussionen innerhalb von AAE und DAV geht es nicht nur um Finanzmarktstabilität oder Vergleichbarkeit, sondern auch um Umsetzbarkeit, Verbraucherinteressen und die langfristige Tragfähigkeit von Produkten. Wenn wir uns dort einbringen, prägen wir nicht einzelne Portfolios, sondern die Parameter, unter denen Kapitalanlage in den Unternehmen gestaltet werden kann.
Die Fragen stellte Tobias Bürger.
Susanna Adelhardt ist seit April 2025 Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. Zuvor war sie stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbands der Aktuarinnen und Aktuare. Der DAV ist ein gefragter Gesprächspartner im Dialog mit der Politik.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: „Vordenker-Award“/Leserpreis
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